"Die Kirche wird nicht zerstört"

Superintendentin Ulrike Menzel verteidigt Verkauf / Synagoge soll offenes Haus bleiben

COTTBUS Die Jüdische Gemeinde in Cottbus wächst. Aktuell hat sie 412 Mitglieder. Die Schlosskirche in der Spremberger Straße soll ihre Synagoge werden. Nachdem im April bekannt wurde, dass das Land dem Jüdischen Landesverband den Kauf der Kirche mit 582 000 Euro finanziert, wird das Vorhaben kontrovers diskutiert.

Die Schlosskirche war im Jahr 1714 nur ein einschiffiger Bau ohne Turm und ohne Kreuz.
Foto: Helbig

Das Pro und Kontra zur Synagoge überrascht die Superintendentin Ulrike Menzel nicht. "Einen ersten Ansturm erlebten wir 2011. Grundsätzlich freut es mich, dass die Cottbuser sich so für ihre Schlosskirche interessieren. Doch hier von der Zerstörung einer Kirche zu reden, ist falsch." Wie sie erklärt, ist die Schlosskirche ohne Gemeinde. Nur selten finden hier noch Gottesdienste statt. Seit 1974 wird sie als Begegnungsstätte genutzt für Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden. "Wichtigste Veranstaltung war der Heiligabend für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Da sind wir auf der Suche nach neuen Orten einer ist uns bereits sicher", sagt Ulrike Menzel.

Seit 16 Jahren hat Cottbus wieder eine jüdische Gemeinde. Die Mitglieder kommen aus Russland. Da sie in der Sowjetunion die jüdische Religion kaum leben konnten, sind sie oft noch Lernende in ihrer Gemeinde. Sie haben in Cottbus ein Gemeindezentrum, wünschen sich aber seit Jahren eine Synagoge. Im Juni 2011 gingen sie damit in die Öffentlichkeit, ein Verein sollte gegründet werden, um Geld für einen Neubau sammeln zu können. Aber dann fragte die Evangelischen Gemeinde: Ob sie sich vorstellen könnten, die Schlosskirche als Synagoge zu nutzen?

Im Herbst 2011 begannen die Verhandlungen. Als im Sommer 2012 der israelische Gesandte Emmanuel Nahshon Cottbus besuchte, bezeichnete er es als "Botschaft der Toleranz", dass die Schlosskirche bald einen Davidstern trägt. 350 Mitglieder hatte die Jüdische Gemeinde damals.

Bislang keine Synagoge im Land

Brandenburg ist das einzige Bundesland ohne jüdisches Gotteshaus. In Potsdam, wo es drei jüdische Gemeinden gibt, wird seit Jahren um den Synagogen-Neubau für fünf Millionen Euro gestritten. In Cottbus könnte es nun schnell und kostengünstiger gehen. Am 21. September, das bestätigt Superintendentin Ulrike Menzel, wird die Schlosskirche entwidmet. Am 9. November, 76 Jahre nach Zerstörung der Cottbuser Synagoge, könnte ihre neue Zeit als jüdisches Gemeindezentrum beginnen, hofft Vladimir Velin, Geschäftsführer des Jüdischen Landesverbandes.

Die Schlosskirche war von hugenottischen Glaubensflüchtlingen errichtet worden. Erst 1870 bekam sie den Turm. "Gerade wegen ihrer Geschichte auch in der DDR verdient es die Schlosskirche, erste Synagoge Brandenburgs zu werden. Hier wurden Menschen getauft und konfirmiert. Hier haben sich Leute getroffen, die wussten, dass sie bespitzelt werden. Und hier lief Stadtmissionsarbeit mit Herz", zählt Ulrike Menzel auf.

Die Glocke wird aus dem Turm genommen und anderswo klingen. Auch das Nagelkreuz, das an die Bombardierung Coventrys erinnert und Zeichen der Versöhnung und des Friedens ist, findet eine neue Heimstatt. "Wir sind im Gespräch mit der Nagelkreuzgemeinschaft. Wir haben in der Oberkirche jeden Montag ein Friedensgebet. Auch über ein Wanderkreuz denken wir nach." Die Schlosskirche bleibt als Synagoge Gebetsraum. "Wir beten zum gleichen Gott, Jesus war Jude, die Zehn Gebote, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe wir haben viel gemeinsam. Dass sie unsere Schlosskirche als ihre Synagoge annehmen wollen, ist bemerkenswert."

Weiter ein öffentlicher Ort

Über einen Notarvertrag zwischen der Evangelischen Gemeinde St. Nikolai und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden läuft der Verkauf. In einem zweiten Vertrag zwischen dem Jüdischen Landesverband und dem Land werden die Bedingungen für die Zahlung des Kaufpreises festgeschrieben. Dazu gehört, dass die Jüdische Gemeinde die Kirche mindestens 25 Jahre als Synagoge nutzt, sie ein öffentliches Haus bleibt und sich das Land mit jährlich 50 000 Euro an den Betriebskosten beteiligt. Dass die Synagoge im Stadtzentrum steht, wird als Chance begriffen auch von der Polizei. "Die Stadtmitte haben wir besonders in unserer Obhut", sagt Polizeisprecher Torsten Wendt.

Ulrike Menzel würde sich freuen, wenn viele, die wichtige Momente mit der Schlosskirche verbinden, das aufschreiben, es dem Kuratorium der Kirche geben und auch zur Entwidmung mit Bischof Dr. Markus Dröge kommen. Vladimir Velin ist froh: "Endlich bekommt Brandenburg eine Synagoge."

Zum Thema:

Dass eine christliche Kirche zu einer jüdischen Synagoge wird, das hat es bereits mehrfach in Deutschland gegeben. Den Anfang machte Bielefeld 2008: Aus der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche wurde die Synagoge Beit Tikwa. Die hannoversche Sefardisch-Bucharische Gemeinde kaufte für rund 400 000 Euro die ehemalige evangelische Maria-Magdalenen-Kirche in Ricklingen. Und in Speyer wurde auf dem Gelände der katholischen Kirche Sankt Guido die Synagoge Beith Shalom errichtet.

Annett Igel

Lausitzer Rundschau vom 27. Mai 2014

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