Cottbuser Schlosskirche wird Brandenburgs erste Synagoge

Cottbuser Gotteshaus ohne eigene Gemeinde soll im November umgewidmet werden / Kritik am Verkauf des 300 Jahre alten Gebäudes

COTTBUS Während in Potsdam seit Jahren um den Bau der Neuen Synagoge gerungen wird, soll die Jüdische Gemeinde in Cottbus nun bald ein eigenes Gotteshaus bekommen. Dafür wird die Schlosskirche umgewidmet. Doch daran gibt es auch Kritik. Die greifen die LAUSITZER RUNDSCHAU und radioeins in einem Radiospezial am heutigen Mittwoch auf.

Die Schlosskirche in Cottbus wurde vor 300 Jahren errichtet. Kreuz und Glockenturm kamen erst 1870 hinzu. Die Kirche ist heute Veranstaltungsort, wie für die Diskussion zur Seniorenwoche.
Foto: mih1

Die Schlosskirche liegt im Herzen der Stadt Cottbus, unweit von Altmarkt und Oberkirche in der Spremberger Straße. Das Gotteshaus wurde von hugenottischen Glaubensflüchtlingen errichtet und vor 300 Jahren eingeweiht.

Heute hat die Kirche keine eigene Gemeinde mehr, seit dem Jahr 1974 wird sie als Begegnungsstätte genutzt für Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden. Gottesdienste finden nur zu besonderen Anlässen statt.

Das Gebäude gehört der Evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai und wird von ihr unter großen Anstrengungen betrieben, wie es Superintendentin Ulrike Menzel formuliert. So war es auch die Kirche, die die Initiative ergriff. Sie fragte bei der Jüdischen Gemeinde an, ob sie sich vorstellen könne, die Schlosskirche als Synagoge zu nutzen.

Das machte im Jahr 2011 Schlagzeilen. Seither liefen die Verhandlungen aber zumeist ohne Kunde vom Fortgang. Bis dann im April dieses Jahres überraschend die Einigung verkündet wurde. Das Land Brandenburg unterstützt den Jüdischen Landesverband mit 582 000 Euro für den Ankauf des Gebäudes und wird jährlich Betriebskosten von bis zu 50 000 Euro beisteuern. Die Stadt Cottbus übernimmt ihrerseits nötige Umbauten an dem Gotteshaus. So müssen das fest installierte Kreuz abgebaut und die Glocken abgehängt werden. Die Jüdische Gemeinde verpflichtet sich ihrerseits, die Kirche für mindestens 25 Jahre als Synagoge zu nutzen.

"Für mich ist am wichtigsten, dass die Kirche ein Gotteshaus bleibt", betont die Superintendentin. "Wir beten zum gleichen Gott. Jesus war Jude, die Zehn Gebote, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe wir haben viel gemeinsam. Dass die Jüdische Gemeinde unsere Schlosskirche als ihre Synagoge annehmen will, ist bemerkenswert."

Damit wird in Cottbus erreicht, was in Potsdam nach vielen Jahren zähen Ringens noch nicht gelungen ist. In der Landeshauptstadt soll die Neue Synagoge in der Schlossstraße für rund fünf Millionen Euro errichtet werden. Einen Entwurf gibt es bereits, die Finanzierung wird im Wesentlichen vom Land getragen. Doch die drei orthodoxen jüdischen Gemeinden haben sich bislang nicht über Fassade, Raumaufteilung und Trägermodell der Synagoge einigen können.

Während in Cottbus die Verhandlungen geräuschlos abliefen, regt sich die Kritik nun im Nachhinein. Viele Cottbuser fühlen sich offenbar vom Verkauf der Schlosskirche überfahren. Sie verbinden viele Erinnerungen an das Gotteshaus, das zu DDR-Zeiten ein bedeutender Ort der Ökumene war. Trotz der Beobachtungen durch die Staatssicherheit fühlten sich die Menschen in der Schlosskirche beschützt. Sie war ein Ort der Freiheit und der Seelsorge. Deshalb kommt es manchem Cottbuser so vor, als ob ihm ein wichtiger Teil entrissen wird. Einer von ihnen ist Joachim Haberland. "Ich bin sehr traurig und fühle mich ohnmächtig", sagt er. Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte engagiert er sich seit dem Jahr 1984 in der Nagelkreuzgemeinschaft. Das Nagelkreuz hat seither seinen Platz in der Schlosskirche. Es erinnert an die Bombardierung Coventrys und ist ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens.

Die Jüdische Gemeinde Cottbus ist in den vergangenen 16 Jahren stets gewachsen. Heute zählt sie mehr als 400 Mitglieder. Das Gemeindezentrum in Sichtweite der Schlosskirche bietet längst nicht mehr ausreichend Platz für Veranstaltungen, geschweige denn für hohe Feste.

Foto: pk

Dereinst gab es auch in Cottbus ein jüdisches Gotteshaus. Die Synagoge wurde 1902 an der Karl-Liebknecht-Straße eingeweiht. Sie gehörte zu den drei größten in Brandenburg. Am 9. November 1938 ging sie in Flammen auf. Heute steht an ihrer Stelle das Kaufhaus Galeria Kaufhof. Die Jüdische Gemeinde von Cottbus wurde durch den Holocaust fast vollständig ausgelöscht. Die Mitglieder der neuen Jüdischen Gemeinde kommen aus Russland. Da sie in der Sowjetunion ihre Religion kaum leben konnten, sind sie oft selbst noch Lernende in ihrem Glauben.

Die Jüdische Gemeinde weiß um die Verbundenheit der Cottbuser mit dem Gotteshaus. Das erzählt Superintendentin Ulrike Menzel. "Bei einem Gespräch haben die Mitglieder mir gegenüber extra betont, dass die Cottbuser weiter Schlosskirche sagen sollen. Sie wissen, wie wichtig die Kirche für die Menschen ist. Jetzt wird eine neue Seite in der Geschichte aufgeschlagen."

Am 21. September wird Bischof Markus Dröge um 15 Uhr den letzten christlichen Gottesdienst in der Schlosskirche abhalten. Dabei wird die Kirche entweiht. Das Kreuz wird herausgetragen. Bereits im November könnte das Gotteshaus als Synagoge geweiht werden.

Zum Thema:

Radioeins vom rbb und die LAUSITZER RUNDSCHAU veranstalten am Mittwoch, 25. Juni, um 19 Uhr ein Radiospezial zum Thema Umwidmung der Schlosskirche in eine Synagoge. Die Live-Sendung wird direkt aus dem Gotteshaus übertragen auf der Südbrandenburger Frequenz 95,1 FM. Eingeladen sind Superintendentin Ulrike Menzel, Pfarrer Christoph Polster sowie Gennadi Kuschnir, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Cottbus, um mit Radiomoderator Jan Vesper und RUNDSCHAU-Chefredakteur Johannes M. Fischer zu diskutieren.Zum Meinungsaustausch werden auch der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Josef Joffe, die Cottbuser Stadthistorikerin Dora Liersch, Staatssekretär Martin Gorholt sowie weitere Gäste erwartet. Interessierte Hörer sind herzlich willkommen.

Peggy Kompalla

Lausitzer Rundschau vom 25. Juni 2014

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