"Ich bin sehr erleichtert über diese kultivierte Diskussion"

Debatte um Umwidmung der Cottbuser Schlosskirche in eine Synagoge

COTTBUS Die Schlosskirche im Herzen der Stadt Cottbus soll noch in diesem Jahr Brandenburgs erste Synagoge werden. Nach der Einigung ist die geplante Umwidmung des Gotteshauses Stadtgespräch. In einem gemeinsamen Radiospezial haben die LAUSITZER RUNDSCHAU und radioeins die Diskussion am Mittwoch aufgenommen.

Zur öffentlichen Diskussion über die Umwidmung der Schlosskirche in eine Synagoge hatten die RUNDSCHAU und radioeins geladen.
Foto: mih1

Die Cottbuser Schlosskirche ist ein schlichter, erhabener Bau. Einziger Schmuck ist eine helle Holzkanzel, darüber hängt ein goldenes Kreuz. Der Altar gleicht mehr einem Tisch. Die Wände sind weiß. Große Fenster lassen das Licht durch den Raum fluten, selbst an einem verregneten Sommerabend wie am Mittwoch, an dem RUNDSCHAU und radioeins zu einer öffentlichen Debatte geladen haben. Mehr als 100 Besucher sind gekommen.

Die geplante Umwidmung des Gotteshauses in eine Synagoge hat in den vergangenen Wochen Wogen geschlagen. Im Laufe des Abends zeichnet sich ab, dass viel weniger das Vorhaben an sich, als die fehlende Diskussion über diese Pläne den Cottbusern aufstoßen.

Harald Wilken poltert: "Wir evangelischen Christen fühlen uns hintergangen." Diesem frustrierten Ausruf schiebt er nach: "Das ist ein denkbar schlechter Start für die jüdische Gemeinde hier in der Schlosskirche. Das wollen wir gar nicht." Gudrun Perko stimmt zu: "Ich bin enttäuscht, dass die Diskussion erst stattfindet, als alles schon entschieden ist." Günter Tschuck verkündet gar: "Ich habe gestern meinen Austritt aus der Kirche erklärt." Und Frank Marteaux fragt ketzerisch: "Wann wird die Oberkirche verkauft?" Dafür erntet er Applaus.

Synagoge im Jahr 1938 zerstört

Ingeborg Müller entgegnet: "Ich habe die Synagoge 1938 zerstört gesehen. Wer hat denn damals gefragt, wie traurig die Juden waren, als ihr Haus zerstört wurde?" Barbara Domke ist ungeduldig: "Man kann doch nicht zwanghaft an einem Haus festhalten." Ihre Eltern haben in der Schlosskirche geheiratet. Trotzdem erklärt sie: "Ich bin begeistert, dass die Kirche eine Synagoge wird. Und wenn es jemals Probleme geben sollte, dann stehe ich als Christin hier und unterstütze die Jüdische Gemeinde."

Niemand soll gekränkt werden

Die Jüdische Gemeinde Cottbus selbst hält sich der Debatte fern. An ihrer Statt steht der Potsdamer Ud Joffe vom Jüdischen Landesverband im Podium. "Das ist ein Zeichen von Bescheidenheit und Demut", versichert er. Die Cottbuser wollten sich nicht in die interne Diskussion einmischen. Joffe stellt klar: "Wenn es zu viel negative Stimmung gibt, dann wollen sie lieber von dem Vorhaben ablassen. Niemand soll gekränkt werden."

Der Potsdamer vermag es binnen Kurzem die Berührungsängste zu nehmen. "Wir werden ihren Abschied nicht kompensieren können, wir fühlen mit ihnen", erklärt er. "Cottbus hat die Chance Vorreiter zu sein, wie ein modernes Europa mit Bevölkerungsveränderungen umgeht. Vielleicht wird dann aus dem Verlustgefühl sogar Stolz." Feste und Märkte rund um die künftige Synagoge seien kein Problem. Joffe erklärt: "Für uns ist das Normalität. Wir Juden leben seit 2000 Jahren in der Diaspora. Wir erwarten nicht, dass der Staat stillsteht, damit wir es samstags schön ruhig haben."

Superintendentin Ulrike Menzel erklärt nach zwei Stunden intensiver Debatte: "Es wird noch weitere Veranstaltungen in der Schlosskirche geben. Wir brauchen mehr Zeit zum Abschiednehmen." Pfarrer Christoph Polster: "Es gibt viele Kritiker außerhalb der Kirche, die eine tiefe Bindung zum Haus haben, die einem religiösen Gefühl entspricht. Es wäre gut, wenn wir in Verbindung bleiben." Ud Joffes Fazit: "Ich bin sehr erleichtert über diese kultivierte Diskussion. Sie sind eine tolle Gemeinschaft auch in der Kritik. Ich gehe davon aus, dass es gut gehen wird."

Peggy Kompalla

Lausitzer Rundschau vom 27. Juni 2014

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