Cottbuser Schlosskirche wird nun zur Synagoge

Kirche mit letztem christlichen Gottesdienst am Sonntag entwidmet

COTTBUS Jetzt ging alles schneller, als es sich die Beteiligten vorzustellen wagten. Innerhalb von nur drei Jahren gab es Vorstellungen für einen Neubau einer Synagoge in Cottbus, dann ein Kaufangebot an die jüdische Gemeinde und letztlich den vom Land Brandenburg ermöglichten Kauf der Schlosskirche in Cottbus. Sie wird nun zur Synagoge.

Während des letzten christlichen Gottesdienstes in der Schlosskirche werden die Taufschale, ein Abendmahlskelch, das Altar- und das Nagelkreuz entfernt. Damit ist die Kirche entwidmet.
Foto: M. Helbig/mih1

Es ist der letzte christliche Gottdienst an diesem Sonntagabend in der Schlosskirche Cottbus. Das Gotteshaus ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Stehplätze ringsherum reichen kaum aus. Christen nehmen Abschied von der Kirche mitten im Stadtzentrum, die jeder kennt, die jedem Besucher von Cottbus auffällt. Zum ersten Mal wird in Brandenburg an diesem 21. September 2014 eine Kirche entwidmet, damit sie künftig der jüdischen Gemeinde als Synagoge zur Verfügung steht.

Auf die besondere Bedeutung der Übergabe an die jüdische Gemeinde und auf die wechselvolle Geschichte dieses 300 Jahre alten Schmuckstücks geht dann auch Markus Dröge in seiner Predigt ein: "Diese Kirche wird nicht entweiht, nicht säkularisiert, nicht kommerzialisiert! Wir entwidmen die Schlosskirche Cottbus, damit wir sie der jüdischen Gemeinde übergeben können", sagt der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Das sei etwas ganz Besonderes, setzt Dröge fort. "Denn wir sind mit dem jüdischen Volk auf besondere Weise im Glauben an den einen Gott verbunden."

Der Landesbischof macht deutlich, dass der jüdischen Gemeinde ein Gotteshaus überlassen werde, damit es hier in Cottbus zu einer würdigen Synagoge wird. "Das ist ein Hoffnungszeichen nach der Unheilsgeschichte der Nazizeit, in der die christlichen Kirchen viel zu wenig Widerstand geleistet haben als erst die Synagogen brannten und dann die jüdischen Mitbürger entrechtet und vernichtet wurden", erklärt der Bischof, um zugleich die Botschaft dieses Tages zu verkünden: Jüdisches Leben habe in Cottbus, in Brandenburg, aber auch in Berlin und ganz Deutschland eine hoffnungsvolle Zukunft.

Bischof Dröge nennt es "hilfreich", dass über die Entwidmung lange nachgedacht und diskutiert worden sei. Kritische Stimmen hätten dazu beigetragen, in einem intensiven Prozess darüber zu sprechen, was aus dieser Kirche werden würde. Die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Cottbus, Ulrike Menzel, zeigte während des Gottesdienstes Verständnis für all jene Gläubige, "die heute zu Hause geblieben sind, weil sie die Entwidmung ihrer Kirche nicht ertragen hätten". Schließlich verknüpfen viele Christen mit dieser Kirche eigene lebensgeschichtliche Erinnerungen: Kinder und Erwachsene, die hier getauft; Jugendliche, die hier konfirmiert; Paare, die sich das Ja-Wort gegeben haben. Oder Menschen, die in dieser Kirche getrauert haben, weil ein Angehöriger oder Freund gestorben ist. "Dennoch", betont der Landesbischof, "wir evangelische Christen verlieren diese Kirche nicht. Wir geben sie vertrauensvoll in die Hände unserer jüdischen Schwestern und Brüder und gewinnen dieses Gotteshaus neu als eine Synagoge in unserer Nachbarschaft."

Während des Gottesdienstes wurden die Taufschale und ein Abendmahlskelch, der schon seit Langem in der Oberkirche St. Nikolai verwendet wird, und das Altarkreuz zum weiteren Gebrauch in der Oberkirche sowie das Nagelkreuz entfernt. Damit wurde die Kirche entwidmet.

Für Ud Joffe vom Landesverband der jüdischen Gemeinden bekommt die Cottbuser Gemeinde nun eine längerfristige Perspektive. Aus seiner Sicht geht von der neuen Synagoge ein positives Signal aus. Die Stadt zeige damit, dass Cottbus nachhaltiges jüdisches Leben haben wolle. Um die Schlosskirche als Synagoge zu nutzen, sei sie mit ihrer Ausrichtung nach Osten und der Empore perfekt errichtet worden. Am Gebäude des Gotteshauses muss nach Joffes Angaben nichts verändert werden. Weitere Kreuze und Glocken werden abgenommen, der Altarbereich umgestaltet. Im Oktober soll die Kanzel abgebaut werden. Joffe rechnet damit, dass am 9. November der erste jüdische Gottesdienst hier gefeiert werden kann.

Christian Taubert

Lausitzer Rundschau vom 22. September 2014

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