In Pinnow ist Fitness beim Glockenläuten gefragt

Die RUNDSCHAU schaut hinter die Kirchentüren der Region Guben

PINNOW Kirchen üben auf Menschen einen besonderen Reiz aus egal ob sie evangelischen oder katholischen Glaubens oder konfessionslos sind. Jedes Gotteshaus birgt Geheimnisse und erzählt Geschichten. Die RUNDSCHAU stellt die Kirchen der Region Guben vor und erklärt ihre Besonderheiten. Heute: die Kirche in Pinnow.

Die Pinnower Kirche wurde auf alter Stelle im Jahr 1910 neu geweiht.
Foto: Jana Pozar
Kirchenältester Ulrich Heß demonstriert, wie mit Beinmuskelkraft die Geläute der Glocken im Kirchturm in Gang gebracht werden müssen.
Foto: Pozar

Der Vorgängerbau der heutigen Kirche, eine Fachwerkkirche aus dem Jahr 1604, wurde im Jahr 1909 abgerissen und ein Jahr später neu aufgebaut. Dieser Sakralbau wurde am 28. November 1910 feierlich eingeweiht. Der Kirchenälteste Ulrich Heß ist immer wieder fasziniert von der Pinnower Kirche. Eine Besonderheit ist, dass die Glocke der Kirche früher in der Linde des Gotteshauses hing. "Die Kirche hatte einst keinen Turm und die Glocke war einfach zu schwer für den Dachhalter", weiß Ulrich Heß. Als der Grundstein am 11. Juli 1909 für die neue Kirche gelegt wurde, waren die Dorfbewohner stolz, dass das Baumaterial aus der Region stammte. Die Mauersteine wurden wahrscheinlich in Kerkwitz gebrannt, die Feldsteine für das Fundament stammten von der alten Kirche, das Bauholz wurde im Pinnower Kirchwald geschlagen.

Fasziniert ist der Kirchenälteste auch von den Farben im Gotteshaus. Er selbst habe bei Arbeiten vor etwa zehn Jahren die Originalfarben gefunden. "Die Farbe Blau kam Goldstaub nahe, heute sind die Farben Rot, Braun, Blau, Schwarz, Grün und Weiß vorwiegend", so Heß. Braun sei die Farbe der Erde, der Heimat, Grün die Farbe des Lebens und der Fruchtbarkeit. Nachdenklich schaut Heß in Richtung Amphore. Dort sind zwar Flächen für Sprüche vorhanden, nur die Sprüche fehlen. Dafür sind an den Wänden einige Spruchbänder vorhanden. Heß weiß auch, dass es anfangs kein Altarbild in der Pinnower Kirche gab. Stattdessen sind goldene Linien auf blauem Grund zu sehen gewesen wer genau hinschaut, kann sie heute noch erkennen im Hintergrund des erst im Jahr 1927 erbauten Altars. Sowohl das Altarbild als auch die Deckenbemalung stammen vom Kunstmaler L'Orange. "Er hat die abblätternde Erstausmalung saniert und mehrere Bibelverse an die Wände gemalt", erklärt der Kirchenälteste.

Spuren eines Unfalls in der Pinnower Kirche sind bis heute zu sehen. Eine Kerbe im Steinfußboden ist Zeuge eines Absturz eines Uhrgewichts in den 1970er-Jahren. "Zwei Böden hat das Gewicht durchstoßen, ehe es am Boden liegen blieb. Zum Glück war der Gottesdienst kurz zuvor zu Ende gegangen", erklärt Ulrich Heß. Lächelnd erzählt er, dass in Pinnow das Geläut noch mit Muskelkraft betätigt werden muss. "Die Läuteanlage wird mit Fußmuskeln betrieben", sagt er. Das sei für die Kirchenhelfer jedes mal ein wahrer Kraftakt. "Drei Minuten Glockenläuten sind kaum zu bewältigen", weiß Heß. Er, der Malermeister, entdeckt bei seinen Arbeiten an der Kirche immer wieder interessante Farbkompositionen. "Die Kirchentür war früher grau. Es wäre schön, wenn sie irgendwann wieder in der Originalfarbe leuchten kann." Im Eingangsbereich zum Kirchenschiff prangt heute die Turmkugel. "Mit Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg", so Heß. Auch die Wetterfahne mit den Jahreszahlen des Erstbaus ist dort zu sehen.

Die Pinnower Kirche gehört heute zur evangelischen Kirchengemeinde Region Guben. Eine Sauerorgel sorgt für festlichen Klang bei Konzerten und Gottesdiensten.

Jana Pozar / zar1

Lausitzer Rundschau vom 12. November 2014

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