Marode Engel warten auf Rettung

Harriet Stürmer

Bernau (MOZ) Die diesjährige Spendenaktion für vergessene Kunstwerke in Brandenburg soll den Schnitzfiguren der alten Orgel in der St.-Marienkirche Bernau zugutekommen. Am Mittwoch wurde die Aktion gestartet.

Vom Holzwurmbefall gezeichnet: Schon bald sollen die Kunstschätze in neuem Glanz erstrahlen.
© Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg

Viele Jahrzehnte lang hat sich um die Engel von St. Marien in Bernau (Barnim) niemand so richtig gekümmert. Inzwischen sind die geschnitzten Himmelsboten so heruntergekommen, dass sie ein recht jämmerliches Dasein fristen. Dabei sind die Figuren einzigartig unter Brandenburgs Kirchenschätzen und höchst eindrucksvoll.

Ihre Geschichte begann bereits im Jahr 1573. Damals baute der bekannte Hamburger Orgelbaumeister Hans Scherer der Ältere (1535 bis 1611) eine Orgel für die Kirche, die sogleich zu einem Herzstück der ohnehin reichen Ausstattung des Gotteshauses und ebenso zu einer der bedeutendsten Orgeln Norddeutschlands avancierte. Im Jahr 1864 musste das Instrument dennoch einem modernen Neubau Platz machen. Seither steht in der Bernauer Kirche ein Exemplar des ebenfalls berühmten Frankfurter Orgelbaumeisters Wilhelm Sauer.

Vom prächtigen und künstlerisch wertvollen Prospekt der Scherer-Orgel, wie die Fassade des Instruments genannt wird, sind der Kirche immerhin mehrere bedeutende Fragmente erhalten geblieben: aus Medaillons wachsende Köpfe, Ornamente des sogenannten Schleierwerks, zwei ungewöhnlich geschmückte hölzerne Pfeifen und eben jene geschnitzten Figuren musizierender Engel, die einst vermutlich auf den Türmen des Prospekts standen. Sie halten Musikinstrumente in den Händen oder öffnen singend den Mund und sind mit schwingenden Gewändern gestaltet, als ob sie tanzen würden.

Einige bereits restaurierte Teile befinden sich als Leihgabe im Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam. Der Rest lagert in verschiedenen Räumen der Marienkirche in verschlossenen Holzkisten. Es gab wiederholt Versuche, die bedrohten Teile des Prospekts zu restaurieren und neu zu präsentieren, wie Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, berichtet. Die Arbeiten wurden allerdings nicht immer fachgerecht ausgeführt.

Das zeigt sich auch an den Engeln. Eine Figur präsentiert sich ihrem Betrachter heute vollkommen ohne die ursprüngliche Bemalung, die sich durch zahlreiche versilberte und vergoldete Oberflächen auszeichnete. Zum Glück haben die meisten Engel ihre originale Bemalung aber bewahrt. Die Spuren der Zeit sind dennoch deutlich erkennbar. Die Farbe ist verblasst. Einem Engel fehlen ein Arm und ein Flügel, die aber immerhin noch vorhanden sind. Hinzu kommen Schäden durch früheren Holzwurmbefall.

Ein Spendenaufruf soll den gealterten Kunstschätzen nun wieder zu altem Glanz verhelfen. Dazu wurde am Mittwoch die diesjährige Aktion "Vergessene Kunstwerke" in Potsdam gestartet. Träger der Aktion sind der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und das Archäologische Landesmuseum, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und die Stiftung Kirchliches Kulturerbe. Gemeinsam rufen sie zum sechsten Mal zu Spenden für bedrohte sakrale Kunstwerke auf. Für die Restaurierung des erhalten gebliebenen Prospektschmucks von St. Marien werden rund 25 000 Euro benötigt. Spätestens zum Reformationsjubiläum 2017 soll er in der Kirche wieder zu sehen sein.

Märkische Onlinezeitung vom 04. Dezember 2014

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