Orgelklang nach hundert Jahren Pause

Matthias Wagner

Parsteinsee (MOZ) Nach fast hundert Jahren hat Lüdersdorf wieder eine Orgel, die gespielt werden kann. Pfeifen und Glocken waren im Ersten Weltkrieg für die Rüstungsindustrie eingezogen worden. Nun hat eine Sieversdorfer Orgelwerkstatt das Instrument restauriert. Am Sonntag wurde es eingeweiht.

Brachte die restaurierte Dinse-Orgel zum Klingen: der Berliner Organist Erik Hoeppe in Begleitung von Luise von Recklinghausen
© Matthias Wagner

Kräftig, präzise und klar. So klang Bachs "In dulce jubilo" auf der in diesem Jahr komplett restaurierten Orgel in der Lüdersdorfer Kirche. Mit einem festlichen Gottesdienst und zahlreichen Gästen wurde das historische Instrument am vergangenen Sonntagnachmittag eingeweiht. Es spielte der Berliner Organist Erik Hoeppe. Begleitet wurde er von Luise von Recklinghausen an der Bratsche und durch Gesang.

Der in Biesenthal geborene, deutsche Orgelbauer Ferdinand Dinse (1811 bis 1899) hatte das Kircheninstrument, gemeinsam mit seinem Schwiegersohn August Lang, im Jahre 1847 konzipiert und erbaut. Die 1839 in Berlin gegründete Orgelbaufirma Lang & Dinse konnte auf eine lange Werkliste zurückblicken. Später führten die Söhne Oswald und Paul Dinse das renommierte Unternehmen fort und entwickelten es zu einer hochindustrialisierten Orgelbauwerkstatt. Dinse-Orgeln finden sich zum Beispiel in Potsdam, Berlin, Sassnitz und in vielen Städten Europas. Seinem Heimatort Biesenthal schenkte Ferdinand Dinse eine Orgel.

So erschien es gerade passend, dass Superintendent und Pfarrer Christoph Brust aus Biesenthal die Predigt am Sonntag hielt. "Was für ein schönes Ereignis für die Region", lobte Brust den gelungenen Wohlklang der Orgel. Gleichsam wie der Geist von Jesus Christus durch das Leben, wehe der Wind nun wieder durch die polierten Orgelpfeifen, poetisierte der Geistliche vor vollem Haus.

Gemeindepfarrer Thomas Berg gab ebenfalls seiner Freude über die restaurierte Orgel Ausdruck. Anke Obst aus Lüdersdorf, Mitglied des Gemeindekirchenrates, dankte allen Beteiligten und insbesondere der Orgelwerkstatt Scheffler aus Sieversdorf für die geleistete Arbeit.

Die Firma hatte vor einigen Jahren auch schon die Lunower Orgel saniert. An dem jetzt rekonstruierten Instrument sind nun unter anderem alle 45 Prospektpfeifen - also die großen, sichtbaren Pfeifen - erneuert worden. Von den 157 Jahren ihres Bestehens war die Lüdersdorfer Dinse-Orgel die meiste Zeit unvollständig. Im Laufe des Ersten Weltkrieges waren Glocken der Bronze wegen und Orgelpfeifen des Zinns wegen der Rüstung zum Opfer gefallen. Nach dem Sieg, hieß es damals, sollten die Gemeinden neue Pfeifen und Glocken bekommen. "So haben der Lüdersdorfer Orgel nun schon seit beinahe hundert Jahren die großen sichtbaren, aber eben auch klangstarken Pfeifen gefehlt", sagt Pfarrer Berg.

Dank einer großzügigen Einzelspende sowie einer hohen Zuwendung des Fördervereins Parsteinsee, die zusammen die gute Hälfte der Restaurierungskosten abgedeckt haben, sei die Kirchengemeinde in der Lage gewesen, diesen umfangreichen Auftrag auszulösen. Die Restaurierung hat insgesamt knapp 30 000 Euro gekostet, was in erster Linie dem hohen Anteil an reiner Handarbeit geschuldet ist.

So sind nun auch alle acht Register wieder vollständig funktionstüchtig und verleihen dem Instrument prächtige Klangfarben. Und neben der vollständigen Restaurierung erhielt die Orgel erstmalig auch einen Orgelmotor. So kann sie gespielt werden, ohne dass ein zweiter Mann die Bälge treten muss.

Märkische Onlinezeitung vom 10. Dezember 2014

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