Als Raupen den Kirchturm einrissen

Vor genau 40 Jahren verlor Dörrwalde sein Wahrzeichen

DÖRRWALDE Etwas Ungeheuerliches hat sich am 18. Januar 1975 in der Dörrwalder Ortsmitte ereignet. Vor genau 40 Jahren wurde der Kirchturm abgerissen. Bereits einen Monat zuvor war dessen Nordwestecke herausgebrochen. Inzwischen ist der Turm wieder aufgebaut.

Im September 2011 wurde das Richtfest für den neuen Dörrwalder Kirchturm gefeiert.
Foto: T. Richter-Zippack/trt1

Zum Beginn des 21. Jahrhunderts gilt Dörrwalde als eines der reizvollsten Dörfer im OSL-Kreis. Zumindest hatte die vielköpfige Jury dem Ort den 1. Platz im Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" zuerkannt. Tatsächlich wirkt Dörrwalde wie eine ländliche Idylle. Vierseithof an Vierseithof, ein modernes Feuerwehrgebäude, das historische Mühlensemble und natürlich die Kirche (Dorfkirche des Monats Mai 2010). Deren Turm ist bereits aus der Ferne gut sichtbar. Wer über die B 96 von Großräschen in Richtung Allmosen fährt, erblickt das freundlich von links grüßende Gemäuer. Man könnte meinen, der Kirchturm stünde schon immer an seinem Platz. Steht er eigentlich auch, allerdings nicht im Original. Denn der jetzige Bau stammt aus den Jahren 2010-2012.

Zuvor gab es in Dörrwalde zwar ein Gotteshaus, aber ohne Turm. Denn diesem wurde Anfang 1975 ein trauriges Schicksal zuteil. Am 18. Januar vor 40 Jahren fuhren nach Aussagen alteingesessener Dörrwalder zwei Raupen vor. Zwischen den PS-starken Fahrzeugen und dem Turm befanden sich lange Seile, die aus dem nicht weit entfernten Tagebau Sedlitz stammten. Die Raupen fuhren an, und der Turm stürzte in sich zusammen. Beziehungsweise das, was von ihm übriggeblieben war. Nur 24 Stunden zuvor, am 17. Januar 1975, hatte die staatliche Baukommission den sofortigen Abriss angeordnet. Der Entscheidung war eine entsprechende Beratung vorangegangen.

Diesmal bildete allerdings nicht das atheistisch ausgerichtete DDR-Regime den Ausgangspunkt, sondern die unmittelbare Gefahrenlage. Denn der Dörrwalder Kirchturm war bereits seit dem 17. Dezember mehr oder weniger eine Ruine. An jenem Dienstag, gegen 14.30 Uhr, so steht es in der Chronik, brach die komplette Nordwestecke des Bauwerkes heraus. Von der Turmhaube bis zum Erdboden klaffte nunmehr ein riesiges Loch. Somit musste befürchtet werden, dass auch der große "Rest" einstürzen würde. Warum es allerdings noch einen kompletten Monat bis zur entscheidenden Bauberatung dauerte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Womöglich gab es drängendere Probleme. Vielleicht waren es auch das Weihnachtsfest und der Jahreswechsel, die den späten Termin bedingten.

Immerhin: Kurz nach dem Abriss des Turms waren zumindest die Glocken zu sehen. Denn diese wurden direkt vor der Kirche abgestellt. Eine Art Mahnmal also. Eine Wiederverwendung schien allerdings ausgeschlossen, da die Schäden an den Klangkörpern durch ihren Sturz in die Tiefe zu groß waren. Bis heute liegen die beiden Exemplare vor dem Gotteshaus.

Der Grund für den Einsturz des Turms ist wahrscheinlich im Bergbau zu suchen. Der hatte sich sowohl von Westen (Meuro) als auch von Norden (Greifenhain) schon recht nahe an Dörrwalde herangegraben. Anfang der 1980er-Jahre stand dann fest, dass Dorf und Kirche dem Tagebau Greifenhain weichen sollten. Doch schon lange Zeit vorher waren die damit verbundenen Auswirkungen spürbar. Beispielsweise durch die Absenkung des Grundwassers. Dadurch verändert sich die Bodenstatik. Und ein altehrwürdiges Gemäuer wie eine Kirche kann sich auf die neuen Verhältnisse nicht mehr einstellen.

So machten sich auch in Dörrwalde, ebenso wie in weiteren Orten des Kreises Senftenberg, Frust und Resignation breit. Erst Anfang September 1993 begann das Dorf wieder Hoffnung zu schöpfen. Denn damals stand amtlich fest, dass Dörrwalde dem Bergbau nicht geopfert würde. Der Tagebau Greifenhain war bereits im Jahr 1992 aufgrund der völlig veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach der politischen Wende stillgelegt worden.

Im Jahr 1994 begannen die ersten Sanierungsarbeiten an der Dörrwalder Kirche. Und ein halbes Jahrzehnt später, im Mai 1999, wurde erstmals seit 30 Jahren wieder ein junges Paar im Gotteshaus getraut.

Am 30. Juli 2010 fand schließlich die feierliche Grundsteinlegung für den Neubau des Turms statt. Anlässlich der 600-Jahr-Feier der Dörrwalder erfolgte das Prozedere bei brütender Hitze. Am letzten Juni-Wochenende 2012 wurde das 32 Meter hohe Bauwerk, allerdings deutlich schlanker als sein Original, eingeweiht.

Torsten Richter-Zippack

Lausitzer Rundschau vom 17. Januar 2015

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