Cottbus bekommt eine Synagoge

Am 27. Januar wird Brandenburgs er stes jüdisches Gotteshaus nach dem Holocaust eingeweiht

Cottbus bekommt eine neue Synagoge. Die ehemals evangelische Schlosskirche in der Cottbuser Fußgängerzone wird zum jüdischen Gotteshaus, zum derzeit einzigen im Land Brandenburg. Am 27. Januar wird die festliche Einweihung gefeiert.

Von außen sieht das Gebäude nach wie vor wie eine Kirche aus...
 
...im Innern zeigen Details die neue Nutzung als Synagoge, wie auch Max Solomonik von der Jüdischen Gemeinde erklärt.
Foto: dpa
 
Ein Modell der zerstörten Cottbuser Synagoge ist derzeit noch in der Jüdischen Gemeinde zu sehen.
 
Ein Fenster der einstigen evangelischen Kirche ist mit jüdischen Motiven beklebt.

Diesmal hat Cottbus die Nase vorn. Denn auch die Juden in Potsdam wünschen sich seit Langem eine Synagoge. Aber während in der Landeshaupt- stadt über das Ob und Wie diskutiert wird, wurde in Cottbus aus dem Wunsch Wirklichkeit.

Im Herbst 2011 bot die Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai der Jüdischen Gemeinde eines ihrer Gotteshäuser zum Kauf an. Im Sommer 2014 stand dann fest: Aus der Schlosskirche, die Anfang des 18. Jahrhunderts von Hugenotten erbaut wurde, wird die derzeit einzige Synagoge Brandenburgs. Das Land hat zugesagt, den Kaufpreis von knapp 600 000 Euro und Betriebskosten von jährlich bis zu 50 000 Euro zu übernehmen. Ganz ohne Diskussionen und Widerstand ging die Umwidmung des Gotteshauses auch in Cottbus nicht ab. Kritiker warfen der Evangelischen Kirchengemeinde vor, die Entscheidung zum Verkauf der denkmalgeschützten Kirche hinter verschlossenen Türen getroffen und die Cottbuser mit vollendeten Tatsachen konfrontiert zu haben.

Einige Einwohner der Stadt befürchteten außerdem, dass die Schlosskirche den Cottbusern als bedeutendes Gebäude ihrer Stadtgeschichte verloren gehen könnte. Superintendentin Ulrike Menzel verwies darauf, dass der Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde im September 2011 einstimmig beschlossen habe, der Jüdischen Gemeinde die Kirche zum Kauf anzubieten. Kirchenkreis, Konsistorium und Kirchenleitung seien einbezogen gewesen, die Cottbuser Ökumene auch. Die Jüdische Gemeinde versicherte ihrerseits, die Schlosskirche auch als Synagoge zu einem offenen Haus für alle Cottbuser zu machen. Ihr Vorsitzender Gennadi Kuschnir betont: „Unsere Synagoge soll ein Ort der Begegnung sein. Jeder, der möchte, kann bei unseren Gottesdiensten dabei sein. Und auch bei unseren religiösen Festen und sonstigen Feiern wie etwa dem Neujahrsfest sind Gäste willkommen. Darüber hinaus soll es in der Synagoge regelmäßig Veranstaltungen wie etwa Konzerte geben, bei denen die Menschen mehr über die jüdische Religion, Kultur und Tradition erfahren können.“

Sorge, aber keine Angst

„Wir hoffen, dass die Synagoge von den Cottbusern angenommen wird“, sagt Gemeindemitglied Max Solomonik. Zunächst habe es Bürger gegeben, die die Entwidmung der Schlosskirche im Herbst negativ aufgenommen hätten. Stets schwinge in der Gemeinde auch die Sorge vor möglichen Angriffen auf das jüdische Leben mit. „Die Geschichte kann man nicht vergessen“, sagt Solomonik. Angst gebe es aber nicht - daran habe auch der jüngste Überfall auf ein jüdisches Lebensmittelgeschäft in Paris, bei dem mehrere Menschen starben, nichts geändert. Die Verbindungen zur Stadt und Polizei seien gut. „Wir fühlen uns sicher“, fügt der ältere Mann hinzu.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres wurden die Kreuze der Schlosskirche demontiert. Der Weg war frei für die neue Synagoge der Stadt Cottbus. Für die feierliche Einweihung hat sich die Jüdische Gemeinde ein besonderes Datum ausgesucht: den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. In einem Zug mit Gesang und Tanz wird die Thorarolle am Dienstagnachmittag vom bisherigen Gemeindezentrum in die Synagoge getragen. Künstler aus Israel und Sänger des RiasKammerchores werden die Zeremonie begleiten. Geleitet wird die Einweihung von Rabbiner Nachum Presman aus der Landeshauptstadt Potsdam, der als Rabbi für alle Juden im Land Brandenburg zuständig ist.

Für ihn ist die Eröffnung der neuen Cottbuser Synagoge „ein großer Freudentag“. Entgegen aller Prognosen knüpft der Rabbi an die Synagoge die Hoffnung, dass durch sie wieder mehr und vor allem auch jüngere Juden den Bezug zum Glauben finden. „In Brandenburg gehen den jüdischen Gemeinden viele Jugendliche verloren. Das ist sehr schade. Wir wollen die Statistik ändern. Die Juden sollen nicht vergessen, dass sie Juden sind. Das ist unsere größte Aufgabe. Die Gemeinden sollen wieder wachsen, und nicht nur durch Zuzug“, wünscht sich Rabbi Presman.

Ruhiger als in anderen Ländern

Während Terror und Drohungen gegen jüdische Einrichtungen Schlagzeilen machen und auch die Cottbuser Polizei für die Synagoge in der Stadt ein eigenes Sicherheitskonzept entwickelt hat, fühlt sich zumindest Rabbi Nachum Presman nicht bedroht. „Ich lebe seit 18 Jahren in Brandenburg und ich habe nie Angst gehabt. Was die Terrorgefahr angeht, denke ich, dass die Situation in Deutschland ruhiger ist als in anderen Ländern. Und Neonazis mit ihrer Ideologie und ihrem Antisemitismus schüchtern mich nicht ein“, sagt er.

Zu der festlichen Einweihung am kommenden Dienstag erwartet die Jüdische Gemeinde in Cottbus viele Gäste. Da der Platz in der Synagoge begrenzt ist, wird die Zeremonie direkt auf eine Großbildleinwand übertragen, sodass Interessierte das Ereignis auch im Freien vor der Synagoge oder in einem Zelt verfolgen können. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr.

VON 1938 BIS 1998 KEINE COTTBUSER GEMEINDE

Von Nicole Nocon und Anna Ringle-Brändli

Lausitzer Rundschau vom 24. Januar 2015

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