Das Geheimnis der Holzfiguren

Olav Schröder

Bernau (MOZ) Die im 19. Jahrhundert abgerissene Scherer-Orgel in der St.-Marien-Kirche macht von sich reden. Mit der Restaurierung noch erhaltener Orgelfiguren hofft die Projektgruppe auch auf die Wiederentdeckung verloren gegangener Stücke. Zudem werden alle Dokumente der Orgelgeschichte derzeit digitalisiert.

Komplette Bestände: Wolf Bergelt sichtet im Bernauer Stadtarchiv die historischen Unterlagen zur Geschichte der Orgeln in der St.-Marien-Kirche.
© MOZ/Sergej Scheibe

Wolf Bergelt ist begeistert: "Sie wäre heute eine der bedeutendsten Renaissance-Orgeln in Deutschland", sagt der Berliner Orgelhistoriker und Spezialist der brandenburgischen Orgelbaugeschichte. Gemeint ist die 1573 von Hans Scherer dem Älteren errichtete Orgel in der Bernauer Marienkirche. Die Orgel, die zu den frühesten Werken Scherers gehörte, gibt es nicht mehr. Sie wurde 1864 abgerissen, lediglich um moderneren Klangvorstellungen gerecht zu werden, wie vermutet wird. Erhalten aber blieben einige der Figuren, die die Orgel einst schmückten. Das Ziel der Kirchengemeinde, sie zu restaurieren und in der Kirche wieder zugänglich zu machen, rückt auch die einstige Orgel wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Wie berichtet, haben Verbände, Fördervereine und Landesämter aus dem Bereich der Denkmalpflege sowie die Landeskirche eine gemeinsame Spendenaktion unter dem Titel "Vergessene Kunstwerke" gestartet. Eine Zuschuss der Stadt Bernau befindet sich gegenwärtig in der Abstimmungsphase.

Tatsächlich ist über die Figuren noch viel herauszufinden - trotz der Einmaligkeit der einstigen Scherer-Orgel. "Wir wissen heute nicht, wo die Figuren an dem einstigen Orgelprospekt befestigt waren", fast Christa Jeitner von der dreiköpfigen Projektgruppe der Kirchengemeinde zusammen. "Es gibt noch nicht einmal ein Foto von der Scherer-Orgel, obwohl sie kurz vor dem Abriss noch einmal abgelichtet werden sollte. Es gab damals ja schon einen Fotografen in Bernau." Vergleiche mit anderen noch erhaltenen Scherer-Orgeln sollen bei der Rekonstruktion der Orgelansicht weiterhelfen. Auch die Figuren selbst können Einiges verraten. Größe, Proportionen, Farben, gut sichtbare und daher besonders detailliert ausgearbeitete Partien und selbst Hinweise auf ihre Befestigung können Anhaltspunkte für die Rekonstruktion liefern. Mit 14 sind allerdings nur noch knapp die Hälfte aller Figuren, so wird geschätzt, vorhanden. Mit ihren Mitstreitern in der Projektgruppe, der Restauratorin Annett Schauß und dem Kirchenhistoriker Hartmut Kühne, hofft Christa Jeitner, dass mit der öffentlichkeitswirksamen Spendenaktion auch verschollene Figuren wieder entdeckt werden. "Möglicherweise wurden einzelne Figuren verschenkt und vielleicht besitzt jemand einen Engel, kann ihn aber nicht zuordnen", sagt sie. Ausgeschlossen ist dieser Fall nicht, wie die vor wenigen Jahren wieder aufgefundenen Kanzelfiguren der Dorfkirche Birkholz zeigen. Allein die Figuren zu sehen, könnte Aufschluss über ihre einstige Anordnung bringen.

Um Licht in das Geheimnis der Orgel zu bringen, hat sich die Mariengemeinde auch an den Spezialisten Wolf Bergelt gewandt. Er sichtet nicht nur die im Bernauer Stadtarchiv aufbewahrten historischen Unterlagen zur Orgelgeschichte in der Marienkirche seit dem frühen 16. Jahrhundert, sondern fertigt auch Digitalaufnahmen an, um jedes einzelne Dokument zu sichern. "Ich hätte nicht vermutet, wie umfangreich dieser hervorragend geordnete Schatz ist", sagt er. Hinweise auf den Verbleib der Figuren habe er bislang noch nicht gefunden, sagt Christa Jeitner. In einzelnen Dokumenten sei lediglich der Verkauf von Holz erwähnt, doch damit seien eher Balken oder Ähnliches gemeint gewesen.

Auf jeden Fall sollen die restaurierten Figuren im kommenden Jahr in einem Schauraum in der Kirche aufgestellt werden. Neben der öffentlichen Unterstützung erbittet der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Spenden unter der IBAN DE94 5206 0410 0003 9113 90, Stichwort Orgelprospekt Bernau

Märkische Onlinezeitung vom 25. Januar 2015

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