Wiederbelebung eines Engels

In Thoralf Herschels Werkstatt in Falkensee werden Funde aus einer Scheune auf dem Sadenbecker Pfarrgelände restauriert

Historischer Fund: Mit einem Mikroskop untersucht Restaurator Thoralf Herschel feinste Nuancen der Farb- und Holzbeschaffenheit einer barocken Taufengelfigur. Seine Frau Christl Janacek-Herschel widmet sich der Rekonstruktion des Gesichts des Engels.
Foto: Julia Lehmann

Als Restaurator kann Thoralf Herschel einem Kunstschatz neues Leben einhauchen. Der Wert seiner Arbeit liegt nicht im Neuen, sondern im Erhalt des historischen Zustands. Auch für die Restaurierung zweier barocker Holzfiguren aus der Prignitz gilt: Weniger ist mehr.

Das Holz ist stark in Mitleidenschaft gezogen, der Korpus von Wurmlöchern übersät. Die einst prächtige Farbe lässt sich nur noch vereinzelt an kleinen Stellen erahnen. Bruchstellen am Rücken erinnern an zwei große Flügel. Auch die Hände fehlen. In einer Pappschachtel steht ein Kopf mit zerfressenem Gesicht, hält ihn aufrecht. Arme und das rechte Bein liegen auf der großen Arbeitsplatte in der Restaurierungswerkstatt von Thoralf Herschel und seiner Frau Christl Janacek-Herschel. „Es ist eindeutig ein Taufengel“, sagt Thoralf Herschel, über die aufgebahrte Figur gebeugt. Die Bruchstellen der Flügel, die Aufhängung am Rücken, Schnitzereien und Form des Korpus – für den Profi entscheidende Hinweise.

Bei Aufräumarbeiten auf dem 2013 verkauften Sadenbecker Pfarrgelände wurden die Figuren in einer Scheune entdeckt. Die Evangelische Kirchengemeinde Pritzwalk will die Figuren wiederbeleben und ihnen einen Platz in der Dorfkirche geben.

Ob sie auch wirklich aus Sadenbeck kommen, darüber können auch Susanne Gloger vom Förderkreis Alte Kirchen und Werner Ziems vom Landesamt für Denkmalpflege nur spekulieren. Gemeinsam mit Thoralf Herschel und seiner Frau beratschlagen sie in der Werkstatt, mit welchen Maßnahmen man den Figuren am besten gerecht wird. Die Herkunft spielt bei der Rekonstruktion eine entscheidende Rolle.

„Von Vergleichsbeispielen weiß man sicher, dass Taufengel nur in protestantischen Kirchen zu finden waren“, sagt Herschel. Sie stammen, so der 50-Jährige, aus dem Barock, aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Vor allem im nord- und mitteldeutschen sowie dem Ostseeraum sind sie zu finden. Mit einem Seil befestigt, hängen sie wie im Flug von der Decke. So möchte auch die Gemeinde ihren Engel in den nächsten Monaten wieder erlebbar machen.

Thoralf Herschel vermutet, dass die Figur 100 bis 150 Jahre gelegen hat. Diese Zeit hat ihre Spuren am Lindenholz hinterlassen. Der große Riss, längs im etwa 80 Zentimeter langen Korpus, Abbrüche an Gewand und Gliedmaßen würden dafür sprechen, so Herschel. Auch ein Sturz von der Decke wäre denkbar, so der Restaurator.

„Vom Schädigungsgrad her haben wir einen relativen Extremfall“, meint Susanne Gloger. Bislang stehen für beide Figuren 6900 Euro aus Spenden des Förderkreises und von Privatpersonen zur Verfügung.

„Die Figur musste zunächst wegen des aktiven Holzwurmbefalls mit Stickstoff begast werden“, sagt Christl Janacek-Herschel. Zur Festigung wurde gelöster Kunstharz in das geschädigte Holz injiziert. Abbrüche werden mit einem Kunstharz-Holzmehl-Gemisch sowie durch Schnitzereien rekonstruiert.

„Es gibt Restaurierungen, die wir stark bearbeiten und welche, bei denen wir den Ist-Zustand erhalten. Wir gehen hier einen Mittelweg.“ So wird der Engel keine neuen Flügel bekommen, da die Restauratoren nicht genau sagen können, wie das Original-Paar aussah. Die Figur solle historisch nicht verfälscht werden, so Herschel. „Vollständigkeit ist nicht unbedingt immer ästhetischer“, sagt Susanne Gloger.

Für die Rekonstruktion des Gesichts, das nur noch kaum erkennbare Züge von Augen, Nase und Mund besitzt, hat Christl Janacek-Herschel aus Knetmasse einen Entwurf geformt. Feinste Schnitzereien verraten ihr Position und Größe der Augen. Mund und Nase entwirft sie nach Vorbildern aus Literatur und Fotos. Für das Haar des Engels kämen zwei verschiedene Varianten in Frage. Zusammen mit Susanne Gloger und Werner Ziems entscheiden sie sich für den Entwurf mit Dutt und groben Locken. Für die Anfertigung der Holzschnitzerei ist Matthias Schmerbach in der Gemeinschaftswerkstatt zuständig.

„Der Engel wird nicht bunt und glänzend zurückkehren, sondern so, dass das historische Objekt spürbar bleibt“, sagt Werner Ziems. Auch Gemeindevertreterin Margarethe Hecht meint: „Wir wollen ihn gar nicht so sehr bunt, sondern eher naturbelassen.“ Warum die Figuren in eine Scheune verbannt wurden, dafür hat Thoralf Herschel eine ganz pragmatische Begründung: „Sie waren einfach nicht mehr zeitgemäß.“ Um die zweite, eine stehende Frauenfigur, wird sich das Team im Anschluss an den Engel kümmern. „Hier kommt vor allem eine konservatorische Aufgabe auf uns zu“, sagt Herschel.

Der Prignitzer vom 05. März 2015

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