Saarmunder wollen zum 800. Geburtstag ihres Ortes der Kirche die Uhr zurückgeben

Die Turmuhr soll wieder schlagen

In den letzten Kriegstagen im April 1945 soll die Saarmunder Kirchturmuhr aufgehört haben zu schlagen. Knapp 70 Jahre danach hat sich eine Initiative gegründet, die ein Ziel hat: Bis zum 800. Geburtstag von Saarmund, der 2016 gefeiert wird,soll die Kirche ihre Uhr zurückbekommen. Finanzieren wollen die Saarmunder das Geburtstagsgeschenk komplett aus Spenden.

Michael Steppat, Dieter Hinze und Roy Sandner (v.l.) an der Kirche, die 2016 ihre Turmuhr zurückbekommen soll.
Quelle: Jens Steglich

Saarmund. Es gibt verschiedene Überlieferungen, wann die alte Saarmunder Turmuhr aufgehört hat zu schlagen. Eine Version: In den letzten Kriegstagen 1945 trifft ein Panzergeschoss den Kirchturm und beschädigt die Uhr schwer. Einzelne Saarmunder glauben, dass sie sie danach noch schlagen gehört haben: Im öffentlichen Bewusstsein des Ortes ist das Ende der Turmuhr aber mit der Zeit verbunden, als der Krieg im April 1945 nach Saarmund kam.

Fast 70 Jahre danach hat sich eine sechsköpfige Initiative im Ort gegründet, die ein Ziel hat: Bis zum 800. Geburtstag des Ortes im nächsten Jahr soll die Kirche ihre Turmuhr zurückbekommen. Das beste Geschenk zum Jubiläum wollen sich die Saarmunder selbst machen. Die neue Uhr, deren Ziffernblatt dem alten Original nachempfunden wird, soll komplett über Spenden finanziert werden. Die Mission beginnt am kommenden Mittwoch, 18 Uhr, im Gasthof „Mühlengrund“, wenn die sechs Männer des Arbeitskreises „Turmuhr“ das Vorhaben erstmals der Einwohnerschaft vorstellen (siehe Info-Kasten). „Es wird schon spannend, wie viele Leute kommen werden. Der Abend ist so etwas wie ein Barometer“, sagt Saarmunds Pfarrer Roy Sandner, einer der sechs Leute vom Arbeitskreis.

Einen ersten Geldschein für die neue Turmuhr hat Dieter Hinze, der den Anstoß gab, es zu versuchen, schon bekommen. Von einer gebürtigen Dresdnerin, die jedes Jahr nach Elbflorenz zur Frauenkirche fährt, für deren Wiederaufbau sie gespendet hatte. Als er ihr von der Idee erzählte, auch in Saarmund mit Spenden Vergangenes in die Gegenwart zurückzuholen, öffnete sie sofort ihr Portemonnaie.

Er ist denn auch optimistisch, „dass wir das Projekt zu 100 Prozent schaffen“. Geplant ist derzeit, eine elektrische Funkuhr ohne Glockenschlag zu montieren und die Ziffernblätter wie früher an zwei Seiten des Turms anzubringen. Wenn das Geld aber reichen sollte, könnte die neue Uhr auch ein Schlagwerk bekommen, das 12 und 18 Uhr zu hören ist. Auf einer Spendentafel in der Kirche soll zudem namentlich vermerkt werden, wer sich finanziell engagiert hat.

Wird genug Geld eingenommen, soll das alte, weitgehend erhaltene Uhrwerk im Turm geborgen und restauriert werden und dann als Schauwerk in der Kirche dauerhaft zu sehen sein. Für das Gesamtkonzept braucht man 10?000 Euro, davon etwa 6500 Euro für die Uhr und ihre Montage, sagt Michael Steppat. Er hat großen Anteil daran, dass Saarmunder sich auf den Weg machen, die Uhr am Kirchturm in einer Zeit in ihr Leben zurückzuholen, in der Zeiger-Uhren abgeschafft werden. Der Dozent der Beuth Hochschule für Technik in Berlin hatte mit dem Studenten Tim Arnold einen Film über Saarmunds verlorene Turmuhr produziert (MAZ berichtete). Beide waren im Streifen etwa der Frage nachgegangen, warum das Uhrwerk schon so lange stillsteht. Steppat und Arnold fragten auch Frauen aus dem Ort, die einst den Zeitmesser noch schlagen hörten, nach ihren Erinnerungen und wollten von ihnen wissen, wann sie gern einmal die Zeit angehalten hätten. Der Film, der 2013 gezeigt wurde, wühlte auf. „Man hat gemerkt, dass dieses Thema die Saarmunder bewegt“, sagt Pfarrer Roy Sandner. Für den Gottesmann bekommt der Kirchturm durch die Uhr einen wichtigen Teil seiner Bedeutung zurück: „Die Turmuhr zwingt zum Blick nach oben und sie zeigt: Unsere Zeit ist begrenzt.“

Ende Mai, Anfang Juni 2016 soll die Zeit ohne Uhr im Ort vorbei sein. Ihre Rückkehr wollen die Saarmunder mit einem Extra-Fest im Jubiläumsjahr feiern.

Vom Tag, als die Turmuhr wieder zu schlagen beginnt, haben Roy Sandner, Michael Steppat und Dieter Hinze schon eine Vision: 12 Uhr mittags läuten die Glocken, das Tuch, das noch das Ziffernblatt verhüllt, fällt. Und dann spielt Pink Floyd den Song „Time“.

Von Jens Steglich

Märkische Allgemeine vom 20. März 2015

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