Holzfiguren vor Verjüngungskur

Olav Schröder

Bernau (MOZ) Die noch erhaltenen Figuren der vor rund 150 Jahren abgerissenen Scherer-Orgel der Bernauer Marienkirche sind am Dienstag an die Restauratoren übergeben worden. Sie sollen zusammen mit bereits aufgearbeiteten Engeln des Orgelprospekts wieder zugänglich gemacht werden.

Sicher: Restauratorin Marita Reincke und Annett Schauß (v.r.) bereiten eine Figur für den Transport vor.
© MOZ/Sergej Scheibe

Behutsam umfasst Marita Reincke eine liegende Engelsfigur und richtet sie auf, während Dirk Zacharias den filigran geschnitzten hölzernen Körper mit Schutzfolie umgibt. Die beiden Restauratoren aus Berlin beziehungsweise Dresden werden über Monate mit den noch erhaltenen Objekten der einstigen Orgel befasst sein. Und hoffen, dabei zur Lösung des Rätsels um die Figuren beitragen zu können. Heute ist nicht mehr bekannt, wie sie im Orgelprospekt angeordnet waren. Durch die Analyse der Größen und Proportionen, der Farbe und eventueller Montagespuren hoffen sie auf Hinweise zur früheren Anordnung. Parallel dazu erforscht der Berliner Orgelhistoriker Wolf Bergelt das rund 700 Seiten umfassende Material im Bernauer Stadtarchiv zur Orgelgeschichte der Kirche.

"Es gibt kein wirklich vergleichbares Werk", sagt Christa Jeitner von der dreiköpfigen Projektgruppe, die sich für die Kirchengemeinde um die Restaurierung kümmert. Auch deshalb sei es eine Herausforderung, die ursprüngliche Anordnung auch nur in Teilen zu rekonstruieren. Auf jeden Fall werden die Figuren wieder auf der Orgelempore aufgestellt.

Heute wird der Abriss der von dem Hamburger Hans Scherer 1573 errichteten Orgel weithin bedauert. Wahrscheinlich sollte mit der Aufstellung eines neuen Instruments moderneren Klangvorstellungen Rechnung getragen werden. Nach dem Abriss der Orgel blieben von 27 geschnitzten Figuren lediglich 14, zwei hölzerne Prospektpfeifen, das Bernauer Stadtwappen, das die Orgel zierte, und Ornamentteile erhalten. Einige Stücke sind bereits restauriert und als Leihgabe im Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam zu sehen. Auch sie sollen nach Bernau zurückkehren.

Außer den Holzfiguren wird auch eine massive, im Spätmittelalter gefertigte Holztür des sogenannten "Geldschranks" der Kirche wieder aufgearbeitet. Hinter ihr waren vermutlich die Kollekte und andere Werte aufbewahrt worden, sagt Dirk Zacharias. Eisenbänder und ein ausgeklügeltes Schließsystem eisen darauf hin. Und Einbruchsspuren, wie der Restaurator hinzufügt. Auch diese werden durch seine Arbeit der Nachwelt erhalten bleiben. Die jahrhundertealte Schranktür wird in dem noch zu schaffenden Schauraum auf dem Schülerchor der Kirche - dort lagerten bislang die Orgelfiguren - zusammen mit anderen Ausstattungsstücken aufgestellt werden.

Die durch die Förderung von kirchlichen, denkmalpflegerischen und kommunalen Stellen, Stiftungen und Verbänden ermöglichte Restaurierung ist in umfangreiche Aktivitäten eingebunden, mit denen die Marienkirche und ihr Inventar bis 2017 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Kirche ist ein "Modellfall für die Reformation vor Ort", sagt die Bernauer Grafikerin und Bauforscherin Annett Schauß, die ebenfalls der Projektgruppe angehört. In dem Gotteshaus habe sich eine reiche Ausstattung von Gemälden, kirchlichem Mobiliar und anderen Objekten erhalten, die in dieser Vielfalt kaum in einer anderen Pfarrkirche Brandenburgs und darüber hinaus anzutreffen sei.

Die Übergabe der Holzfiguren wird als Beginn weiterer Aktivitäten angesehen, die sämtlich unter der Überschrift "Kein Bildersturm" das kirchliche und städtische Leben vor und nach der Reformation rund um die Marienkirche beleuchten sollen.

Dazu gehört eine zweitägige wissenschaftliche Tagung am 5. und 6. November 2015. Experten werden vor Ort spezielle Aspekte der Figuren und der Orgel erörtern. Bereits am 27. Juni findet ein Gottesdienst mit Bischof Markus Dröge statt. An diesem Tag sollen die bis dahin noch nicht restaurierten Figuren noch einmal öffentlich gezeigt werden. Es ist die letzte Gelegenheit, sich ein Bild von ihrem derzeitigen Zustand zu machen.

Märkische Onlinezeitung vom 12. Mai 2015

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