Mit 200 Jahren ein Jungspund

Volkmar Ernst

Großmutz (MZV) 200 Jahre sind für eine Dorfkirche in Brandenburg eine ungewöhnlich kurze Zeit, findet Pfarrer Tobias Ziemann. Die Großmutzer Feldsteinkirche wurde 1815 neu errichtet. Für ihre zwei Jahrhunderte andauernde Standfestigkeit ehrt sie die Kirchengemeinde am Sonntag in einem Festgottesdienst. Und dennoch, so richtig "alt" ist das Gebäude noch nicht. Die Kirche in Gutengermendorf beispielsweise wurde im 17. Jahrhundert errichtet. Laut dem historischen Kirchenbuch stand die Großmutzer Dorfkirche schon einmal, allerdings vernichtete ein Brand den neugotischen Feldsteinbau im Jahr 1808 bis auf die Grundmauern. Danach wurde die Kirche auf diesen neu errichtet. Was es damit auf sich hat, versucht Tobias Ziemann anlässlich der 200-Jahr-Feier herauszubekommen. Wegen der alten Sütterlinschrift des Kirchenbuchs, eine Herausforderung. "Vielleicht bekomme ich etwas heraus, das ich während des Gottesdienstes erzählen kann", so der Pfarrer.

Für den Erhalt: Kirchenratsmitglied Gisela Acker ist stolz auf die bisherigen Baumaßnahmen an der Großmutzer Kirche, die am Sonntag 200 Jahre alt wird. Arbeit bleibt weiterhin.
© MZV

Wie es zu diesem Kirchenbrand kam und, ob die Schlacht bei Jena und Auerstedt, die Napoleon 1806 während seines Feldzuges führte und auf der er bis nach Berlin durchdringen wollte, damit zu tun hat, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren, sagt auch Kirchenratsmitglied Gisela Acker. Aber es wäre ein Ansatz. In jedem Fall steckt eine erzählenswerte Geschichte in den Feld- und Backsteinmauern des in der Ortsmitte gelegenen Gebäudes auf dem Dorfanger, sagt sie.

Mit Schinkel, Schmid und Triest waren drei bekannte Architekten der Preußenzeit am Neubau der Kirche beteiligt. Johann Carl Ludwig Schmid fertigte den Kirchturm nach Zeichnungen Karl-Friedrich Schinkels. "Er entwarf den Turm mit eisernen Maßwerkfenstern und eiserner Tulpe", erzählt Gisela Acker. Somit bekam Großmutz die erste neugotische Kirche nach den napoleonischen Kriegen. 1836 fertigte die Berliner Gießerei Thiele zwei neue Glocken für den Turm an. Eine davon wurde im Ersten Weltkrieg, vermutlich um Material für die Waffenproduktion zu gewinnen, entfernt. Heute ist der Turm verputzt und hat auf jeder Seite neue Uhren erhalten. Kanzelaltar, Gestühl und Empore sind noch im Original erhalten. Um das Gebäude herum erstreckt sich der Friedhof. Jährlich fallen neue Instandsetzungsmaßnahmen an der Kirche und nebenstehendem Pfarrhaus an. Auch dafür soll der Festgottesdienst am Sonntag um 14 Uhr sensibilisieren. Letzteres stammt aus derselben Zeit und besteht aus Scheune und Stall. "Ein Teil davon wurde als Mietwohnung hergerichtet", sagt Gisela Acker.

Märkische Onlinezeitung vom 28. August 2015

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