Baukulturpreis für eine Sinfonie in Backstein

Dietmar Stehr

Wittstock (MOZ) Der alle zwei Jahre vergebene Brandenburgische Baukulturpreis geht zum zweiten Mal in Folge nach Wittstock (Ostprignitz-Ruppin). Der Berliner Diplom-Ingenieur Tim Kleyer erhielt die Auszeichnung am Mittwoch für die von ihm ersonnene Gestaltung der Kita Kinderland.

Gewagt: Die früheren Schulgebäude sind durch eine gläserne Brücke verbunden. Die darunter verlaufende Gasse ist abends und am Wochenenden begehbar.
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Erhaben streckt sich der Turm der auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden Kirche St. Marien in den Himmel über der einstigen Bischofsstadt. Intensiv leuchtet das Rot des alten Backsteins. Fast scheint es, als hätte es auf die umliegenden Gebäude abgefärbt. So auch auf den Kirchplatz 8 und 10, einen Gebäudekomplex in bester Altstadt-Lage, der einst Knaben- sowie Mädchenschule und nach der Wende eine Realschule beheimatete. Trotzdem stand das Ensemble seit 2004 leer - bis sich die Stadt Wittstock nach mehreren verworfenen Nutzungsideen entschied, die bis dahin in einem Plattenbau beheimatete Kita Kinderland hier einziehen zu lassen.

"Grundlage war die Frage, wie Stadtentwicklung bei schrumpfenden Einwohnerzahlen funktionieren kann", beschreibt Tim Kleyer die Ausgangssituation. Die Idee: 30 Krippen-, 90 Kindergarten- und bis zu 60 Hortkinder sollten neues Leben ins alte Zentrum bringen. Dafür brauchte es gleich mehrere Geistesblitze. Neben dem Denkmalschutz waren auch die Energieeinsparverordnung, Brandschutzauflagen und die Barrierefreiheit für die integrative Kita zu berücksichtigen.

Die Lösung brachte ein Gutachterverfahren zwischen drei Architekturentwürfen, aus dem Kleyer, Koblitz, Letzel, Freivogel aus Berlin als Sieger hervorging. Erfolgreich hatte Tim Kleyer einen Ergänzungsbau vorgeschlagen, in dem zusätzliche Räume plus Lift und Fluchttreppe Platz fanden. Zudem entstand zwischen den einstigen Schulgebäuden im ersten Obergeschoss eine gläserne Brücke als zentrales gestalterisches Element.

Als architektonisches Kleinod präsentiert sich zudem der neu geschaffene Anbau. Um den schönen Giebel des etwa 175Jahre alten Nachbargebäudes weitestgehend zu erhalten, wurde der Ergänzungsbau in geringem Abstand dazu errichtet und setzt die äußeren Konturen fort. Auch hier verbindet ein gläserner Gang nun beide Häuser. Der Neubau-Teil sticht zugleich mit seinem halb transparenten Ornamentmauerwerk ins Auge. Die Inspiration dazu kam von den Gerüstlöchern der benachbarten St. Marienkirche.

Innendämmung, neue Fenster und eine Pelletheizung sorgen neben einer Lüftung mit Wärmerückgewinnung seit dem Einzug im August 2013 für niedrige Betriebskosten. Als Glücksfall erwiesen sich zugleich die großen Räume der früheren Schulgebäude. Grundrisse im Inneren mussten so kaum verändert werden. Klassische Gruppen gibt es in der stark nachgefragten Kita nicht. Stattdessen stehen den Kindern Räume zum Turnen, Musizieren, Basteln und sogar zum Umkleiden zu Verfügung - meist versehen mit Spiegelwänden und eigens entworfenem Mobiliar.

Möglich wurde das durch Förderung aus verschiedensten Töpfen und eine Stadtverwaltung, die im Zuge des Umbaus zugänglich für unkonventionelle Lösungen war. Ein Architekt sei nichts ohne den Bauherr, gesteht Kleyer und lobt: "Das war eine ideale Zusammenarbeit".

Schon 2013 ging der Brandenburgische Baukulturpreis, der von der Architekten- und der Ingenieurkammer des Landes vergeben wird, nach Wittstock. Geehrt wurde damalsdie "Bibliothek im Kontor", wofür die ortsansässige Architektin Bärbel Kannenberg ein Fachwerkhaus saniert hatte.

Die neuerliche Ehrung versteht Wittstocks Bürgermeister Jörg Gehrmann (parteilos) als Würdigung der Rathaus-Strategie, "Funktionen in die Innenstadt zu bringen". Er spricht von einer Konzentration der Stärken. Diese solle das historische Zentrum auch fürs Wohnen attraktiver machen und somit der Abwanderung entgegenwirken.

Märkische Onlinezeitung vom 07. Oktober 2015

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