Kontroverse um Windräder auf Kirchenland

Christian Schönberg

Ostprignitz-Ruppin (MZV) Am Ende lauschten alle andächtig still. Superintendent Matthias Puppe las den Psalm 104 "Gottes Lob aus der Schöpfung", in dem "der Himmel sich ausbreitet wie ein Kleid". Zuvor war wenig Stille und wenig Poesie im Spiel, als es in einer episch anmutenden Debatte darum ging, ob die Kirchengemeinden ihr Land für weitere Windkraftanlagen öffnen sollten.

Protest in Bölzke: Im Grenzgebiet zwischen der Prignitz und Ostprignitz-Ruppin soll im Waldgebiet bei Heiligengrabe ein Windpark entstehen. Dem Klosterstift gehört dort Land. Sollte die Kirche den Windrad-Bau zulassen?
© MZV/Schönberg

Rund 70 Zuhörer saßen am Donnerstagabend im Großen Festsaal der Ruppiner Kliniken. Der Kirchenkreis Wittstock-Ruppin hatte Experten an einen Tisch geholt, Hans-Georg Baaske zum Beispiel. Der Umweltbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) betonte, dass der Mensch stets fehlerhaft beziehungsweise Sünder beim Versuch sei, die Schöpfung zu bewahren. Ein theologischer Standpunkt. Für den politischen Standpunkt war Dr.Sebastian Helgenberger von der Plattform "Energiewende" da: Jede Form von Energie habe Auswirkungen auf die Umwelt, sagte er. Atomkraft vernichte ganze Landstriche. Kohle und Öl forcieren den Klimawandel. Oder eben Windkraft, die Eingriff ins Landschaftsbild und die Sorge um menschliche Gesundheit bedeutet. "Es gilt abzuwägen", sagte er. Heide Schinowsky vom Bund für Umwelt und für Naturschutz (BUND) erklärte, dass ihr Verband abgewogen habe: Irgendwann einmal müsse 100Prozent aller Energie aus regenerativen Ressourcen gewonnen werden - Windkraft inklusive. Und der Wissenschaftler Dr. Johannes Pohl erzählte, dass es in der Nähe von Windkraftanlagen "zehn Prozent Anwohnerbeschwerden" zum Beispiel in Bezug auf Schlafstörungen gebe. Studien zufolge sollen aber gar nicht die Windkraftanlagen allein schuld sein, sondern die schlechte Kommunikation im Vorfeld und zum Beispiel Lärm bei der Bauphase, die Ängste aufbauen.

Gemurmel im Publikum. Nachfragen durfte es nicht direkt geben. Dafür gab es Zettel auf jedem Stuhl. Dort sollten Fragen aufgeschrieben. Sie wurden von Kirchenbediensteten eingesammelt. Moderator Matthias Spenn las sie vor. Von wem die Fragen kamen - ob von Windkraftbefürwortern oder -gegnern, blieb unklar. Windrad-Bauer Christian Wenger-Rosenau ergriff das Wort zur Frage, ob größere Windräder mehr Abstand zu Wohnanlagen brauchen als es das Gesetz jetzt vorgibt. Mit Blick auf einen Fall in Hessen meinte er, für 200Meter hohe Anlagen könne man sich auf 1200Meter einigen. Es war der Punkt, in dem das Fragezettel-Spiel ausgespielt hatte: Rainer Güntheroth aus Herzberg ergriff spontan das Wort. Er wohnt dort, wo 2007 an der B167 vier hohe Anlagen errichtet wurden: "Sie sind laut - nicht nur am Tage, auch in der Nacht." Ihm werde nun der Schlaf geraubt. Wenn sich die Kirche Barmherzigkeit auf die Fahnen geschrieben habe, solle sie sich zur 10H-Regelung bekennen: 200Meter hohe Anlagen 2000Meter von Wohnbebauung weg. "Dieses bisschen Barmherzigkeit" wünschte er sich. "Es ist nicht auszuhalten", rief er, lief zur Tür und verschwand.

Anton Henning aus Manker nahm den Ball auf: "Es ist unerträglich für alle, dass es nicht möglich ist, sich zu Wort zu melden." Er sprach laut von einer "üblen Propaganda-Veranstaltung", in der nur noch der Film mit den ertrinkenden Eisbären fehle und den Bürgerinitiativen so die Pistole auf die Brust gedrückt wird: "Wollt ihr das oder wollt ihr das nicht?"

Helgenberger, der die Energiewende will, nahm das Mikrofon und erklärte, dass es immer eine Frage sei, wie viel man sich bei der Energiegewinnung zumute. In punkto Lärmschutz gebe es Grenzwerte, "die wir sehr systematisch auswerten". Schinowsky vom BUND knüpfte daran an, sprach von Dezibel-Zahlen, die für Windräder genauso gelten wie für Autorasthöfe. Und Menschen nähmen Geräuschkulisse unterschiedlich wahr.

"Wollen Sie den Mann verhöhnen?", so der Zwischenruf von Fariba Nilchian aus Bölzke, wo in der Hohen Heide ein Windpark geplant ist. Und: "Bevor die Energiewende scheitert, rauben wir den Menschen den Schlaf?", so ein anderer Zwischenruf.

Doch die Expertenrunde blieb bei der Auffassung, wie auch Baaske verdeutlichte: "Wenn Windkraftanlagen nicht gebaut werden, dann sind andere Menschen betroffen", sagte er mit Blick auf die Gebiete, die nach einer Kernschmelze verstrahlt oder für landwirtschaftlichen Anbau nicht mehr nutzbar sind, weil der Klimawandel zugeschlagen hat. Und Funktelefone, so Baaske: "Die Akzeptanz ist so groß geworden, dass sie nicht mehr diskutiert werden, obwohl es Menschen gibt, die unter der Strahlung leiden."

Thomas Voigt, dem Temnitzer Amtsausschuss-Vorsitzenden, platzte der Kragen: "Der Deutsche Ärzteverband empfiehlt, die Windkraftgebiete weit weg von Wohngebäuden zu bauen", sagte er. Und Ingela-Toa Henning von der Initiative "Gegenwind Manker" sagte gar, dass sie sich "als Ärztin fremdschäme für das, was Dr.Pohl gesagt hat". Es sei absurd zu denken, dass Bürger vom Lärm nicht mehr betroffen sind, wenn man sie im Vorfeld - zum Beispiel finanziell - stärker beteiligt. Henning sprach diesbezüglich auch von der "Verquickung von Interessen", auf die auch Fariba Nilchian einging: Am Waldgebiet der Hohen Heide hat das Kloster Stift zum Heiligengrabe Anteil. Dort sitzt Christian Gilde im Kuratorium, wie Nilchian verdeutlichte, und Gilde ist zugleich Präses der Kirchenkreis-Synode.

Der Ex-Landrat wollte die ganze Kritik nicht auf sich sitzen lassen: "Wir müssen uns doch fragen, was uns mehr zerstört: Atomkraft, Kohle, Biomasse? Ich persönlich stehe zu erneuerbaren Energien", so Gilde. Und dass die Kirche über Pachten Mehreinnahmen durch neue Strommühlen auf eigenem Besitz hat, findet er nicht anrüchig: "Ohne Verdienst und Einnahmen gibt es doch keine Entwicklung."

Doch wohin die Entwicklung gehen kann, wenn die Kirche noch mehr Windräder auf eigenem Land zulässt, scheint unklar. Das machte Friedrich Weber vom Förderverein "Stülerkirche" Langen deutlich: "Es hat für uns keinen Sinn mehr, Unterstützer für Fördervereine und kirchliches Engagement zu finden", wenn die Kirche am Bau von Windrädern, die keiner will, profitiere. Und in Manker scheint es schon ganz konkret zu sein, dass sich die Kirchengemeinde gegen neue Anlagen auf eigenem Land sperrt: "Wir treffen eine Entscheidung, die für alle Dorfbewohner Relevanz hat", sagte Andreas Glaubitz vom dortigen Kirchengemeinderat. Sie seien aber nur zu viert. "Da muss jeder prüfen, ob er mit seinem Wissen so entscheiden darf und kann", so Glaubitz. "Und man darf auch Nein sagen: Weil es eine so große Verantwortung ist."

Baaske warnte in seinem Schlusswort davor, diesen Gestaltungsspielraum von vornherein aus der Hand zu geben. Und er hoffte, dass der Dialog weiter gehe. Schinowsky: "Sich einfach herauszuziehen, würde ich nicht empfehlen." Und Superintendent Matthias Puppe hält es auch für "geboten, wenn es kein oder nur wenig Geld geben würde", auf regenerative Energien zu setzen. Dann folgte der Psalm 104. Es war eine moderne Version: "Doch die Sünder sollen von der Erde verschwinden, und es sollen keine Frevler mehr da sein", heißt es am Ende.

Märkische Onlinezeitung vom 16. Oktober 2015

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