Glockentrio löst sich auf

Roland Becker

Hennigsdorf (MZV) "Ach, die Katholiken haben ein richtig schickes Geläut." In den Worten von Hennigsdorfs evangelischem Pfarrer Clemens Liepe schwingt fast ein wenig Neid mit. An die Glocken seiner Martin-Luther-Kirche mag er dabei gar nicht denken. "Das klirrt richtig. So was Olles habe ich noch nicht gehört", geht er mit den Fähigkeiten des Glocken-Trios hart ins Gericht. Aber was heißt überhaupt Trio. Das, was da jetzt noch bimmelt, stammt ohnehin nur noch von zwei Glocken. Die Kleinste nämlich wurde bereits im Frühjahr abgehängt. "Die war kurz vor dem Absturz", berichtet der Pastor und hält ein Stück 96-prozentige Zinklegierung in den Händen. Solche Stücke von der Größe einer Kinderfaust hatten sich bereits gelöst. Für die Gemeinde bedeutete das höchste Alarmstufe. Die 1946 in der Märkischen Glockengießerei Hennigsdorf entstandene Glocke schweigt seither. Doch auch mit ihren beiden Schwestern ist es nicht mehr weit her. "Auch die Mittlere hat an der Aufhängung mehrere Risse", berichtet der Geistliche. Sie muss in regelmäßigen Abständen begutachtet werden, ob sie ihren Dienst noch tun darf. Und die, die von Größe und Alter her den Ton im Trio angibt, rostet innen vor sich hin. Damit dürfte das 1919 gegossene Stück seinen 100. Geburtstag kaum noch erleben. Repariert werden kann laut Liepe keine der altersschwachen Glocken.

Altersschwach, aber noch funktionstüchtig: Die mittlere der drei Glocken erfüllt bislang mit Ach und Krach noch ihre Aufgabe.
© Roland Becker/MZV

Eine Kirche ohne Glocken ist nicht nur für einen Pfarrer unvorstellbar. Auch viele Nichtchristen dürften etwas vermissen, wenn der Glockenschlag gar nicht mehr ertönt. Für die Gemeinde ist klar: Der bei günstigen Windverhältnissen zu hörende Dreiklang - gemeint sind hier die Geläute der Luther- und der katholischen Kirche sowie des Gotteshauses in Heiligensee - soll wiederhergestellt werden. Und zwar schöner als zuvor. "Wir wollen uns vom Klang der Glocken mit den anderen beiden Gemeinden abstimmen. Wenn die alle gleichzeitig klingen, soll das im Ohr nicht wehtun", wünscht sich Liepe. Er selbst ist in solchen Dingen natürlich kein Fachmann. Dafür gibt es aber in der evangelischen Landeskirche einen Glockensachverständigen.

Rund 25 000 Euro, so haben es erste Schätzungen ergeben, muss die Gemeinde ausgeben. Liepe hat auch schon einen Weg gefunden, um die Summe aufbringen zu können. Der Gemeindekirchenrat hat beschlossen, das Kirchgeld von 2015 und 2016 dafür aufzusparen. Das zahlen vor allem Rentner und Geringverdiener freiwillig, die per Kirchensteuer nicht oder kaum belangt werden. Erste Rückmeldungen stimmen ihn positiv. "Die Glocken liegen vielen am Herzen", hat der Pfarrer erfahren. Manche Hennigsdorfer haben schon angekündigt, für ihre neuen Glocken mehr als das übliche Kirchgeld zu geben.

Bleibt noch die Frage, wie das neue Geläut in den Turm kommt. "Dafür müssen wir wohl einen Teil des Turmdaches abnehmen. Raufschleppen will ich die jedenfalls nicht", scherzt der Pastor. Bis 2017 müssen sich die Hennigsdorfer wohl gedulden, ehe das neue Geläut erklingt. Das kündigt übrigens nicht nur die Gottesdienste an. Nach alter Tradition werden um 12 Uhr die Mittagspause und um 18 Uhr der Feierabend eingeläutet.

Wer für die neuen Glocken spenden möchte, überweist auf folgendes Konto: KK Verband Berlin Mitte-Nord, IBAN DE70520604109203995550, BIC: GENODEF1EK1, Kennwort: Glocke KG Luther Hennigsdorf

Märkische Onlinezeitung vom 04. November 2015

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