Ruhlander Altar gibt Bild des Jammers ab

Spendenaktion für vergessene Kunstwerke in Brandenburg startet / Denkmalschützer kritisieren Kommunalreform

POTSDAM/RUHLAND Mit der Spendenaktion "Vergessene Kunstwerke" versucht Brandenburg Jahr für Jahr Geld für den Erhalt wertvoller Denkmäler zu sammeln. In diesem Jahr ist der spätmittelalterliche Altar der Ruhlander Stadtkirche Hauptmotiv der Sammlung.

Teil des Altaraufsatzes in der Ruhlander Kirche.
Foto: Stephan Breiding

Das Holz ist wurmstichig, die Farbe blättert ab. Der spätmittelalterliche Holzaltar aus der Stadtkirche Ruhland bietet ein Bild des Jammers. Der Heilige Sigismund hat Löcher im Gesicht, auf den Köpfen der Apostel Petrus und Paulus blättert die Farbe ab. 1510 war der Altar für das Gotteshaus geschaffen worden. "Aber jetzt brauchen wir dringend 20 000 Euro für notdürftige Konservierungsmaßnahmen", sagt Landeskonservator Thomas Drachenberg.

Deswegen steht der Altar in diesem Jahr im Mittelpunkt der Spendenaktion "Vergessene Kunstwerke". Das Land Brandenburg, der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) rufen dazu zum siebenten Mal auf. Die zunächst als Hilfsaktion für bedrohte Taufengel gestartete Kampagne erbrachte insgesamt bislang rund 100 000 Euro Spendenmittel. "Während wir einen guten Sanierungsstand bei den Außenhüllen der Kirchen in Brandenburg haben, ist es für viele Ausstattungsgegenstände drei Minuten vor zwölf", sagte Kultusministerin Sabine Kunst (SPD) Mittwoch in Potsdam.

Bedeutend auch für Atheisten

Häufig gebe es Feuchtigkeitsschäden oder Folgen falscher Restaurierungen, die die Kunstgegenstände in Mitleidenschaft zögen. Ein stärkeres Engagement für die "Schätzchen" in den Dorf- und Stadtkirchen sei dringend erforderlich. Derzeit fördert das Land die Sanierung von Kirchen mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr aus Mitteln des evangelischen Staat-Kirche-Vertrages. Zudem stünden nach Angaben von Kunst auch dafür Mittel der neu geschaffenen "Denkmalhilfe" zur Verfügung. Im aktuellen Haushalt sind dafür 250 000 Euro und 2016 rund 500 000 Euro vorgesehen. Auch der Bischof der EKBO, Markus Dröge, würdigte die Spendenaktion. "Kunstwerke wie dieser Altar bringen das Lebensgefühl vergangener Generationen zum Ausdruck", so Dröge. Kirchen im Land Brandenburg seien "kulturelle Orte", die nicht nur für Christen, sondern auch für Atheisten da sind.

Stellen fachfremd besetzt

Doch auch einen Wermutstropfen gab es am gestrigen Mittwoch: Der Vorsitzende des Förderkreises Alte Kirchen, Bernd Janowski, der mit seinen Mitstreitern seit 1990 rund 1,3 Millionen Euro für den Erhalt bedrohter Dorfkirchen sammelte, warnte vor möglichen Folgen der geplanten Kommunalreform. In dem von Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) im Sommer vorgestellten Leitbildentwurf ist vorgesehen, Teile der Aufgaben des Landesdenkmalamtes an die Landkreise zu verlagern. "Wir beobachten immer öfter, dass die Denkmalschutzbehörden in den Landkreisen fachfremd, etwa mit Verwaltungsjuristen, besetzt werden", so Janowski. "Und dass die unteren Denkmalschutzbehörden das umzusetzen haben, was der Landrat erreichen will." Autorität und Kompetenz des Landesdenkmalamtes seien weiter dringend erforderlich. Ministerin Sabine Kunst signalisierte zumindest, das Landesdenkmalamt als "Fachbehörde, die das Händchen drüberhält", erhalten zu wollen.

Zum Thema:

Die Stadtpfarrkirche in Ruhland wurde mehrfach Opfer von Bränden. Nach dem letzten großen Stadtbrand im Jahre 1768 erfolgte der Wiederaufbau. Neben der größtenteils spätbarocken Ausstattung haben sich auch noch Teile eines ehemaligen Altaraufsatzes aus der Zeit um 1510 erhalten, der in nachreformatorischer Zeit um 1600 umgearbeitet, ergänzt und neu zusammengestellt worden war. Die Altarteile sind in der Holzsubstanz vor allem durch früheren Insektenfraß und Schäden an der Farbfassung gefährdet. Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg wurde 1990 als gemeinnütziger Verein gegründet. Er setzt sich für die Erhaltung und Wiederherstellung von Kirchen in den ländlichen Regionen Brandenburgs ein und arbeitet mit der Denkmalpflege sowie mit Kirchengemeinden, Kommunen und lokalen Fördervereinen zusammen.

Benjamin Lassiwe

Lausitzer Rundschau vom 02. Dezember 2015

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