Drei Minuten vor zwölf

von Thorsten Metzner

Spenden sollen mittelalterliches Kleinod retten. Kulturministerin: Kirchenschätze vom Verfall bedroht

In Not. Dem mittelalterlichen Altaraufsatz in der Kirche in Ruhland hat der Insektenfraß erheblich zugesetzt. Auch die Farbe blättert inzwischen bei Maria mit dem Christusknaben sowie beim Heiligen Heinrich (l.) und dem Heiligen Sigismund (r.) an vielen Stellen ab.
Foto: W. Ziems

Potsdam - Der Holzwurm ist inzwischen satt. Altes Holz schmecke eben nicht so, „aber die enstandenen Schäden durch Insektenfraß sind akut, auch die Farben lösen sich“, sagte Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg, als am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Potsdam die diesjährige Brandenburger Spendenaktion „Vergessene Kunstwerke“ eröffnet wurde. Das ist diesmal ein Kleinod aus der Kirche von Ruhland in der Niederlausitz, ein mittelalterlicher Altaraufsatz, mit Maria und dem Christusknaben, dem heiligen Sigismund und den Köpfen der Apostel, alles wunderbar geschnitzte und farbige Figuren aus der Vorreformation. Wenn nicht schnell etwas getan wird, so der Befund, wäre der Aufsatz bald verloren. Um das abzuwenden, um ihn wenigstens für 20 000 Euro „notdürftig zu sichern und für künftige Generationen zu bewahren“, wie Drachenberg sagte, werden nun Spenden gesammelt.

Bereits zum siebten Mal, immer in der Vorweihnachtszeit, wird in Brandenburg und Berlin nun zu dieser Rettungsaktion aufgerufen. Und zwar gemeinsam vom Freundeskreis Alte Kirchen Berlin-Brandnenburg e.V., der Evangelischen Kirche und dem Landesdenkmalamt. In den vergangenen Jahren wurde etwa unter dem Motto „Menschen helfen Engeln“ für Taufengel aus märkischen Dorfkirchen gesammelt, 80 000 Euro kamen zusammen, vor allem über Kleinspenden aus der Region. Sie sei voller Bewunderung, schwärmte Kulturministerin Sabine Kunst auf ihre Art, „dass so viel Kleinvieh so viel Mist macht“.

Dabei haben sich die Sorgen der Denkmalschützer, auch das zeigt die konzertierte Aktion, inzwischen verlagert, es sind andere geworden. In den ersten Jahrzehnten nach dem Fall der Mauer hatte Vorrang, verfallene alte Kirchen im Lande überhaupt zu retten. Und das sei gelungen, betonte Kunst. So konnten mittlerweile 1500 Dorfkirchen, 17 Klosteranlagen und 260 Stadtkirchen gesichert werden. Und aus diesen Kirchen seien damit oft auch wieder „kulturelle Orte“ geworden, sagte Bischof Martin Dröge, „nicht nur für die Christen, sondern auch für die Atheisten“. Nun hat sich der Blick ins Innere der geretteten Bauwerke gewendet, zu den „beweglichen“ Kunstschätzen wie den Taufengeln der Vorjahre, oder diesmal dem Altaraufsatz in Ruhland. „Und bei diesen Schätzchen, die dort versteckt sind, ist es häufig drei Minuten vor zwölf“, sagte Kunst.

Und so wirft die Aktion alle Jahre wieder eben auch ein Licht auf die im Land Brandenburg vernachlässigte Denkmalschutzförderung, die seit über einem Jahrzehnt zu den schlechtesten in Deutschland gehörte. Drachenberg wollte das, was sein Vorgänger Detlef Karg bei seinem Abschied 2012 der Politik öffentlich ins Stammbuch schrieb, am Mittwoch zwar nicht wiederholen. Aber auch er sagte: „Was Brandenburg fehlt, ist ein Landesförderprogramm, ein Feuerwehrtopf.“ Bis 2003 hatte es den noch gegeben, in Millionenhöhe, er war damals aber der „Kommunalisierung“ zum Opfer gefallen. Das Geld kam in den großen Topf der Gemeindefinanzierung Brandenburgs hinein, in der Hoffnung, dass die Kommunen das Geld weiter für die Rettung von Denkmalen ausgeben, was aber nicht geschah. Erst in diesem Jahr hat Kunst einen Not-Fördertopf aufgelegt, die sogenannte „Denkmalhilfe“ in Höhe von 250 000 Euro, 2016 sind 500 000 Euro vorgesehen, um Notsicherungen an akut gefährdeten Denkmalen finanzieren zu können, „um Zeit zu gewinnen“, betonte Drachenberg. Die Summe ist, angesichts Tausender Denkmale im Land, ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Es kann eine Steigerung erfahren. Der Bedarf ist riesig groß. Das muss verstetigt werden“, sagte Drachenberg. Wird es das? In der Pressekonferenz machte Ministerin Kunst zumindest eine Zusage: „Ich halte es für sehr realistisch, dass es fortgeschrieben wird.“ Und schon droht den Denkmalpflegern die nächste Kommunalisierung. Das Landesamt für Denkmalpflege soll nach den Plänen für die Kreisgebietsreform Aufgaben an die neuen Großkreise abgeben. Kunst betonte zwar: „Mein Position ist die, dass das Landesdenkmalamt als Fachbehörde, die die Hand schützend über die Denkmale hält, erhalten bleibt.“ Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen, beobachtet schon jetzt eher eine Schwächung der Denkmalbehörden in den Landkreisen. Ein Trend, so seine Sorge, der sich bei einer Kommunalzuständigkeit noch verstärken wird. „Ich befürchte, dass untere Denkmalbehörden das umzusetzen haben, was aus wirtschaftlichen Gründen der Landrat erreichen will.“ Da sei das Landesdenkmalamt weiter als Korrektiv gefragt.

Spendenkonto für die Aktion „Vergessene Kunstwerke“: Empfänger Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V., Konto-Nr.: 3911390, BLZ: 520 604 10 (Evangelische Bank), IBAN: DE94 5206 0410 0003 9113 90, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort: Altar Ruhland

www.ekbo.de
www.bldam-brandenburg.de
www.altekirchen.de

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 03. Dezember 2015

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