KIRCHEN IN BRANDENBURG

„Es ist drei Minuten vor zwölf“

Von Jens Blankennagel

POTSDAM – In einem jahrelangen Kraftakt gelang es, viele marode Kirchen in Brandenburg zu retten. Doch viele Kunstwerke im Inneren drohen endgültig zu verfallen. Eine Spendenaktion im Advent soll auf das Problem aufmerksam machen

Gerettet: Auch diese Dorfkirche in Sternhagen (Uckermark) wurde saniert.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Im Land Brandenburg zahlen nur knapp 20 Prozent der Bewohner überhaupt Kirchensteuer. Auch 25 Jahre nach dem Ende der DDR ist es ein klar atheistisch geprägtes Land. Bei den Gottesdiensten sind die meisten Kirchen schlecht besucht, aber trotzdem gibt es natürlich viele Hunderte Kirchen im Land, die einerseits für ihre Orte stadtbildprägend sind, die andererseits nach dem Ende der DDR teilweise in einem erbärmlichen baulichen Zustand waren.

„Die Mauer ist 1989 gerade noch rechtzeitig gefallen, um die vielen verfallenen Kirchen doch noch retten zu können“, sagte am Mittwoch der Bischof der evangelischen Kirche, Markus Dröge, in Potsdam. „Es ist durchaus beachtlich, dass in Brandenburg nach der Wende nicht eine einzige Kirche abgerissen werden musste.“

„Kulturelle Ankerpunkte“

Die Rettung der Kirchen in der Mark sei eine Erfolgsgeschichte, sagte Dröge, der zusammen mit Kulturministerin Sabine Kunst (SPD) und Bernd Janowski, Chef des Förderkreises Alte Kirchen, die diesjährige Spendenaktion für „Vergessene Kunstwerke“ startete. Alle betonten, dass der Erhalt der Kirchen nicht nur ein Verdienst von Christen, sondern auch der Atheisten sei, die sich in ihren Dörfern für diese historisch wertvollen Bauwerke einsetzen. Heute seien die Kirchen oft „kulturelle Ankerpunkte“ für die Orte, sagte Landeskonservator Thomas Drachenberg.

Ministerin Kunst erzählte von einem Tag der offenen Tür in einer kleinen Dorfkirche. „Als wir dort ankamen, dachten wir, dass bestimmt niemand in der Kirche ist, doch das Haus war voll.“ Die Anwohner waren da und wollten wissen, was aus dem Haus wird. Die Kirche sei schon 18 Jahre lang in der DDR ungenutzt gewesen, und die Nachbarn haben dann einfach angefangen, das Haus zu sanieren. „Die Kneipe war weg, der Konsum-Laden war weg“, sagte die Ministerin. „So wurde die Kirche zum Kristallisationspunkt des Dorfs.“ Es gehe immer auch darum, dass dann vor Ort ein Konzept gefunden wird, wie die Kirchen zum Beispiel für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden können wie zum Beispiel bei der Aktion „Musikschulen öffnen Kirchen“. In diesem Jahr gibt das Land 250 000 Euro und im kommenden Jahr doppelt so viel Geld als Denkmalhilfe für alte Kirchen – eine Art Soforthilfe, wenn ganz schnell ein Gebäudeteil vor dem Zusammenbruch gerettet werden muss und keine Zeit ist, langwierige Förderanträge zu stellen.

Insgesamt seien etwa drei Viertel aller Kirchgebäude inzwischen entweder gesichert, oder die Außenhülle seien bereits saniert, sagte Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen. „Da fällt keine Kirche mehr ein. Auch wenn es noch etliche Dächer zu decken und Fundamente trockenzulegen gibt.“ Der noch in der DDR, im Mai 1990, gegründete Verein hat bislang fast 1,4 Millionen Euro gesammelt. Er ist eine Art Dachverband für 300 lokale Initiativen zur Kirchenrettung. Meist wird das Geld genutzt, damit Gemeinden ihre Eigenmittel finanzieren können, die nötig sind, wenn das Dorf Fördergeld für die Sanierung seiner Kirche beantragt.

Mit der alljährlichen Sammelaktion im Advent soll nun die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vor allem auf die Kunstwerke im Inneren der Kirchen gelenkt werden. „Bei vielen Kunstwerken in den Kirchen ist es nicht fünf vor zwölf, sondern es ist drei Minuten vor zwölf“, sagte Kulturministerin Sabine Kunst. Es gebe jetzt noch ein kleines Zeitfenster, um viele Kunstwerke vor dem endgültigen Verfall zu retten. „Viele Werke sind durch Feuchtigkeit beschädigt oder durch falsche Restaurierungsversuche in den vergangenen Jahrzehnten.“

Akuter Schaden gestoppt

In diesem Advent wird für die Rettung eines sehr alten Altars im südbrandenburgischen Ruhland gesammelt, der als einmalig in Brandenburg gilt. Der hölzerne Altar mit vielen Figuren, wie zum Beispiel den Zwölf Aposteln, stammt aus dem Jahre 1510. „Er wurde um 1600, also in nachreformatorischer Zeit, neu zusammengesetzt“, sagte Landeskonservator Drachenberg.

Die großen Schäden seien schon auf Fotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts erkennbar. „Der akute Schaden durch Insektenfraß ist gestoppt, aber ein großer Teil der Farbfassungen sind schon weg oder lösen sich ab“, sagte Drachenberg. „Für die Restaurierung sind etwa 20 000 Euro nötig.“

Rettung vor dem Verfall
In Brandenburg wurden seit 1990 etwa drei Viertel aller Kirchengebäude baulich gesichert oder auch bereits saniert. Das sind insgesamt 320 Stadtkirchen, 1 500 Dorfkirchen, 17 Klosteranlagen und 260 Pfarrhäuser.
Finanziert wurde das von der EU, dem Bund, dem Land, den Kirchen und Spenden vom Förderkreis Alte Kirchen. Das Land unterstützt die evangelische Kirche jährlich mit 1,5 Millionen Euro für Sanierungen von etwa 25 Objekten.
Spenden gehen an: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, IBAN: DE94520604100003911390, Stichwort: Altar Ruhland

Berliner Zeitung vom 04. Dezember 2015

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