Eva-Martina Weyer

Gas gegen Holzwurm

Schwedt (MOZ) Ein seltenes Ereignis hat in der Dorfkirche von Wartin stattgefunden. Die Kirche wurde mehrere Tage lang begast. Der Grund: Der Holzwurm hatte die kostbare Orgel, den Altar und den Tauf-engel zum Fressen gern. Die Hoffnung: Chemie weist den Schädling in seine Schranken

In der Kirche von Wartin: Pastorin Almut Schimkat zeigt auf eine Gewandfalte des Taufengels. Dort hat der Wurm seine Fraßspuren hinterlassen, kleine Häufchen von Holzmehl haben sich angesammelt.
© MOZ/Eva-Martina Weyer
 
Vor dem Altar: Schädlingsbekämpfer haben ihre Technik aufgebaut und rücken dem Holzwurm zu Leibe.
© privat

Der prächtige Taufengel aus der Zeit des Barock hängt direkt neben dem Altar. Per Knopfdruck lässt Pastorin Almut Schimkat den Engel herunterfahren und zeigt auf verräterische Spuren: Kleine Haufen von Holzmehl. Sie sind ein untrügliches Zeichen für den Holzwurm. Er hatte auch an anderen Gegenständen der Kirche sein gefundenes Fressen.

Die Orgel von Baumeister Joachim Wagner aus dem Jahre 1744 war schwer betroffen. "Wir wollen die Orgel erhalten, wenn nicht sogar sanieren. Ein erster Schritt ist jetzt gemacht, indem wir sie vor dem Holzwurm gerettet haben. Über kurz oder lang wäre sonst nichts mehr zu sanieren gewesen. Es war quasi fünf vor Zwölf", sagt Almut Schimkat. Neben Orgel und Taufengel war auch der Altar vom Wurm befallen. Alle Prachtstücke hätten einzeln eingehaust und begast werden können. Doch das wäre genauso teuer geworden wie die Begasung des gesamten Kirchenraumes. Die Kirchengemeinde hatte sich schließlich für die große Variante entschieden und sämtliche Nachbardörfer eingeladen: Wenn ihr vom Holzwurm befallene Gegenstände habt, lagert sie einfach bei uns ein. Kirchengemeinden aus der Nähe von Anklam und Pasewalk haben das Angebot genutzt und 100 Kirchenstühle, ein Taufbecken sowie Holzfiguren nach Wartin gebracht.

Vier Tage haben Schädlingsbekämpfer aus Dresden über große Ventilatoren das Gas Sulfurylfluorid eingeleitet. Sämtliche Fenster und Ritzen in der Kirche waren dabei abgedichtet. Nichts durfte nach außen dringen. Täglich war ein Fachmann vor Ort. Jetzt sollte der Wurm eigentlich erledigt sein. Restlos klären wird das ein unabhängiges Gutachten einer Prüfanstalt in Magdeburg. Sie hat ein versiegeltes Probestück erhalten.

Pastorin Schimkat freut sich über die abgeschlossenen Arbeiten. "Wir wollen das gemeindliche Leben aufrecht erhalten. Hier finden Gottesdienste und wegen der Nähe zum Schloss viele Trauungen statt."

Märkische Onlinezeitung vom 21. September 2017

   Zur Artikelübersicht