IN DER SANKT MARIENKIRCHE ENTSTEHT EIN REKONSTRUIERTER ORGELPROSPEKT MIT FAST 450 JAHRE ALTEN SKULPTUREN

Feiertag für Bernauer Engel

Olav Schröder

Bernau (MOZ) Die restaurierten Engel und Ornamente der Bernauer Scherer-Orgel von 1573 werden am Reformationstag in der Sankt Marienkirche erstmals an ihrem neuen Standort präsentiert. Mit der Rekonstruktion wird die Ausstattung einer der bedeutendsten historischen Pfarrkirchen in Brandenburg weiter vervollständigt.

Zurück in Sankt Marien: Restaurator Dirk Zacharias bringt einen Engel zu seinem künftigen Platz über der Empore. Über mehrere Jahrhunderte hatte dieser die Scherer-Orgel geschmückt.
© Foto: MOZ/Sergej Scheibe
 
Groß und klein: Der Unterschied lässt Rückschlüsse auf die Position im ursprünglichen Prospekt zu.
© Foto: MOZ/Sergej Scheibe

Dirk Zacharias arbeitet in diesen Tagen unmittelbar unter dem Bogengewölbe der Kirche. Der Dresdner Restaurator kniet auf dem hohen Gerüst, trägt feine Handschuhe und hält einen fast 450 Jahre alten Holzengel mit Bedacht an die Wand. Ein Scheinwerfer sorgt für genügend Licht auf der Empore gleich neben der heutigen Orgel. Am Gemäuer sind Stangenträger angebracht. Sie lassen die Dimensionen ahnen, die das Arrangement einnehmen wird. Dazu zählen 14 geschnitzte Figuren, zwei geschmückte hölzerne Prospektpfeifen und das Stadtwappen.

Sämtliche Teile gehörten zu dem Prospekt der Orgel, die der Hamburger Hans Scherer d.Ä. (um 1535 bis 1611) erbaut hat. Das Instrument wurde 1864 abgebaut, um es durch ein neues zu ersetzen. Ein Teil des Prospekts - der Außenansicht einer Orgel - blieb jedoch erhalten. Einige dieser Skulpturen übergab die Kirchengemeinde als Leihgabe dem Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte. Dort wurden sie bereits restauriert. Im September 2014 startete die Spendenaktion "Vergessene Kunstwerke", um auch die in Bernau verbliebenen Figuren zu sanieren. Das ist jetzt geschehen.

Um einen noch möglichst authentischen Eindruck zu vermitteln, sollten die Figuren in ihren ursprünglichen Positionen aufgestellt werden - ohne dass diese bekannt waren. Gemälde oder Fotos vom Original lagen nicht vor.

Ein Puzzle begann. Immerhin gehörten einmal 27 Engel und 22 Angesichter von verschiedenen Bildhauern zu dem Prospekt. Etwa die Hälfte der Figuren ist noch erhalten. Montagepunkte, so Dirk Zacharias, können Anhaltspunkte für die ursprüngliche Anordnung geben. Größere Engel konnten dem Prospekt weiter oben zugeordnet werden, während detailliert ausgeführtes Schnitzwerk dem Betrachter sicher näher war. Nicht zuletzt ließ die Sicht von unten auf die Figuren Rückschlüsse auf ihren Standort zu.

Nur noch wenige Tage Zeit: Bis zum Reformationstag wird in diesem Kirchenbogen auf der Empore der "neue" Orgelprospekt entstehen.
© Foto: MOZ/Sergej Scheibe

Auch wenn die Anordnung der restaurierten Figuren Fragen aufwarf, der Bedeutung des Vorhabens tat dies kein Abbruch. In Stendal gebe es zwar auch einen gut erhaltenen Orgelprospekt, es sei aber kaum etwas über seine Entstehung bekannt. So verweist Zacharias auf die umfangreiche Dokumentation des Orgelhistoriker Wolf Bergelt, die dieser parallel zur Restaurierung der Figuren anfertigt hat.

Am Zustandekommen des Projekts im Rahmen der Lutherdekade, für das mehr als 70000 Euro veranschlagt wurden, waren viele Seiten beteiligt. Dazu gehören der Förderkreis Alte Kirchen, die brandenburgische Denkmalpflege, die Landeskirche, die Stadt Bernau, die Kinader-Vits- und Ernst-Koch-Stiftung sowie die Stiftung Kirchliches Kulturerbe und nicht zuletzt eine dreiköpfige Projektgruppe der Kirchengemeinde.

In der Kirchengemeinde ist man bereits gespannt, wie der "neue" Orgelprospekt aufgenommen wird. Pfarrerin Konstanze Werstatt freut sich, dass zum Gottesdienst am 31. Oktober auch die Katholische Kirchengemeinde, die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde und die Christlich-missionarische Gemeinschaft begrüßt werden können. "So bekommt der Tag auch einen ökumenischen Aspekt", sagt sie.

Festgottesdienst "500 Jahre Reformation" am 31. Oktober, 10.15 Uhr. Bläser und Kantorei führen die Choralkantate "Ein feste Burg ist unser Gott" von Johann Philipp Krieger (1649-1725) auf. Anschließend Präsentation des rekonstruierten Orgel-Prospekts und vieler weitererer Projekte in der Kirche.

MOZ.de vom 24. Oktober 2017

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