Ein Gang durch die Jahrhunderte

Die Apsis mit dem Chorraum ist der älteste Teil der Großziethener Dorfkirche, wobei das Kreuzrippengewölbe und der Mittelteil des Altars erst später hinein kamen 
Die Apsis mit dem Chorraum ist der älteste Teil der Großziethener Dorfkirche, wobei das Kreuzrippengewölbe und der Mittelteil des Altars erst später hinein kamenGroßbildansicht
Das "Prachtstück" der Kirche - die spätgotische Kreuzigungsgruppe des Altars aus der Zeit um 1520/30
Das "Prachtstück" der Kirche - die spätgotische Kreuzigungsgruppe des Altars aus der Zeit um 1520/30Großbildansicht
Fotos: Torsten Müller

"Ich kann drei Minuten oder drei Stunden über die Kirche erzählen", empfängt der pensionierte Pfarrer Rainer Borrmann die Gäste, die an der Dorfkirche von Großziethen Halt machen und Einlass begehren. Jeden Sonntagnachmittag erwarten er und seine Frau für drei Stunden Besucher und Menschen, die Kontakt zur Gemeinde aufnehmen wollen, in der "Offenen Kirche".

Schon beim ersten Blick ins Innere des Gotteshauses ist klar - es wäre ungerecht gegenüber diesem schönen, gut erhaltenen Bau, würde man sich tatsächlich nur drei Minuten Zeit für ihn nehmen. Beeindruckend das Kreuzrippengewölbe über dem Chor, wohlproportioniert die bemalten Emporen im Schiff, Neugierde weckend die Gutsbesitzerloge oder die Zimbelsterne an der Orgel. Höhepunkt der Innenausstattung ist natürlich der Altar, insbesondere sein Mittelstück - eine Schnitzarbeit aus der Reformationszeit um 1520/30, in die die noch einmal um 100 Jahre älteren Figuren der Maria und des Johannes eingefügt wurden.

Für den, der es ganz genau wissen will, ordnet Rainer Borrmann die Zusammenhänge, die Spuren, die die Jahrhunderte in der Großziethener Kirche hinterlassen haben, gern in zeitliche und bauliche Abläufe. Apsis und Chor, so erklärt er, stammen aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts. Er verweist auf die zugemauerten spätromanischen Fenster und auf die fünfseitig behauenen Feldsteine in der Außenhaut. Er führt sprichwörtlich durch die Jahrhunderte - hier die romanischen Ursprünge, da die gotischen Einfügungen wie das Kreuzrippengewölbe und die Altarmitte, dort die barocke Kirchenschiff-Erweiterungen des 17. Jahrhunderts, schließlich der neoromanische Turm und die Innenausstattung wie Emporen, Kanzel und Bänke aus dem 19. Jahrhundert oder die Altarflügel mit der Bauernmalerei aus dem 20. Jahrhundert. "Das ist das Schöne an diesem Gebäude, es lässt sich eine Geschichte ablesen. Die Menschen haben zu jeder Zeit mit ihren Möglichkeiten und nach ihrem Geschmack ihre Kirche erhalten, erweitert und verschönert."

Das gilt auch für die jüngste Vergangenheit, denn zwischen 1983 und 1987 wurde die Großziethener Dorfkirche in Eigenleistung der Kirchengemeinde und mit Unterstützung zahlreicher Freunde vor dem drohenden Verfall gerettet und von grundauf instandgesetzt. Seitdem überspannt die jetzige Holzbalkendecke das Kirchenschiff, erstrahlt ihr Inneres im warmen, wohltemperierten Licht. Und schon wieder schickt sich die Zeit an, im neuen Jahrtausend neue Spuren rund um die Kirche zu setzen. Denn so wie Großziethen seit dem Mauerfall wächst und wächst, so erfährt auch die Kirchengemeinde stetig neuen Zulauf. "Unser Problem ist, dass wir wachsen", sagt der pensionierte Pfarrer, wobei er diesem "Problem" durchaus positive Seiten abgewinnen kann. Der zu klein gewordene Begegnungsort Küsters Scheune wird bald Entlastung bekommen, da im August gegenüber der alten Dorfkirche der Grundstein für ein neues Gemeindezentrum gelegt.

Die Großziethener Dorfkirche ist jeden Sonntag von 15 bis 18 Uhr zur Besichtigung geöffnet, wobei das Ehepaar Borrmann auch zu Kaffee und Kuchen einlädt. Weitere Informationen unter 030/6338298 (Pfarramt Schönefeld).

 

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