Kleine Schwester, großer Name

Mit ihrem hohen neugotischen Backsteinturm von 1896 scheint die Ragower Kirche ihrer großen Schwester in Mittenwalde Konkurrenz machen zu wollen  
Mit ihrem hohen neugotischen Backsteinturm von 1896 scheint die Ragower Kirche ihrer großen Schwester in Mittenwalde Konkurrenz machen zu wollenGroßbildansicht
Der Kanzelaltar der Ragower Paul-Gerhardt-Kirche. Das barocke Prachtstück sorgt dafür, dass die Dorfkirche im "Kirchenführer der Mark Brandenburg" vertreten ist
Der Kanzelaltar der Ragower Paul-Gerhardt-Kirche. Das barocke Prachtstück sorgt dafür, dass die Dorfkirche im "Kirchenführer der Mark Brandenburg" vertreten istGroßbildansicht
  Die Schukeorgel - eine der wenigen original erhaltenen - soll zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2006 wieder so klingen wie einst
Die Schukeorgel - eine der wenigen original erhaltenen - soll zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2006 wieder so klingen wie einstGroßbildansicht
Fotos: Torsten Müller

Wenn man so will ist sie die "kleine Schwester" der Mittenwalder St. Moritz-Kirche, die - Gemeinheiten sind unter Geschwistern ja nicht unüblich - sich jedoch ganz forsch und unbekümmert den großen Namen gesichert hat, der sie beide verbindet: Paul-Gerhardt-Kirche Ragow.

Es ist nicht überliefert, aber doch höchstwahrscheinlich, dass der Kirchenlieddichter während seiner Mittenwalder Zeit von 1651 bis 1657 auch in der zwei Kilometer entfernten Gemeinde predigte. Wie die Ragower es allerdings schafften, sich den Namen "an Land zu ziehen", ist, so bedauert der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats Hans Neuberg, bislang nicht bekannt. Das Gotteshaus war zu jener Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ein arg in Mitleidenschaft gezogener Feldsteinbau, dessen Anfänge auf das 14. Jahrhundert zurückgehen. Rund ein halbes Jahrhundert später wurde auf ihren Mauern eine neues Gebäude errichtet. Seit dieser Zeit ziert die Ragower Kirche jener großartige barocke Kanzelaltar, der ihr heute zu einem Eintrag im "Kirchenführer der Mark Brandenburg" verhilft. Der zu DDR-Zeiten restaurierte Altar stammt aus einer Potsdamer Tischlerei und Holzschnitzerei und wurde - so will es jedenfalls die Überlieferung - von einem Bauern mit dem Pferdewagen nach Ragow gebracht.

Die Pracht des Altars hebt sich deutlich von der Innenansicht des Sakralbaus ab. An Decke und Wänden sind sichtbar feuchte Stellen zu verzeichnen. "Wir hoffen, das notwendige Geld aus unserem eigenen Haushalt und verschiedenen weiteren Quellen zusammen zu bekommen, um noch in diesem Jahr das Dach neu zu decken und rund um die Kirche einen Erdaushub vorzunehmen", kündigt Neuberg an. In den nächsten Bauabschnitten sollen eine Heizung und ein neuer Innenputz folgen.

Ein zweites Glanzstück der Ragower Kirche, vor deren schönes Spitzbogenportal während eines weiteren aufwendigen Umbaus im Jahre 1896 der hohe neugotische Backsteinturm gesetzt wurde, ist die Sauer-Orgel. Sie wurde 1906 in der renommierten Frankfurter Werkstatt erbaut und steht heute wie die Kirche auf der Denkmalliste des Landkreises, da sie als eine der ganz wenigen original erhaltenen Instrumente jener Zeit gilt. "Ein Gutachten bescheinigt uns, dass sie bis auf zwei Orgelpfeifen noch den ursprünglichen Zinnprospekt besitzt", erklärt Hans Neuberg, "dass ist deswegen so bedeutsam, weil die meisten während des ersten Weltkrieges eingeschmolzen wurden." Auch das mit reichem Schnitzwerk versehene Holzgehäuse der Orgel, das aller Wahrscheinlichkeit nach auf ein Vorgängerinstrument in der Kirche zurückgehe, sei noch gut erhalten.

Bis zu ihrem 100. Geburtstag im Jahre 2006 soll die im Moment als nicht bespielbar geltende Orgel instandgesetzt und restauriert sein. Zu diesem Zweck hat sich im letzten Jahr im Dorf ein Förderverein gegründet, der die dafür erforderlichen rund 40000 Euro zusammentragen will. "Unser Kirchsommerfest am letzten Wochenende wurde nicht nur wieder ein sehr schönes Zusammensein, es kamen auch rund 1000 Euro für unser Spendenkonto zusammen", freut sich Hans Neuberg, der auch den Förderverein leitet. Und erfüllt erst einmal wieder der ursprüngliche, frisch polierte Orgelklang das Kirchenschiff, dann will sich die Ragower Gemeinde gleich den nächsten Klangkörpern widmen. Im Turm warten noch ebenfalls vor dem Schmelzöfen des Krieges gerettete originale Bronzeglocken aus dem 15. Jahrhundert auf ihre "Runderneuerung", da ihr Klangbild durch die Abnutzung eines halben Jahrtausends doch erheblich beeinträchtigt ist.

Wer sich die Ragower Dorfkirche anschauen möchte, der kann sich unter den Rufnummern (033764)62615 (bei Frau Wegmann), (03375)62587 (bei Herrn Mudrich) oder (03375)21362 (bei Herrn Neuberg) melden. Die Mitglieder der Kirchengemeinde schließen gern die Pforten auf und erzählen über die Geschichte des Hauses und ihre ehrgeizigen Vorhaben, seine Schätze wieder neu erstrahlen und erklingen zu lassen.

 

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