Offener Brief des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg

Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Staatsministerin Frau Christina Weiss
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Str. 1
10557 Berlin
Berlin, den 16.07.2003
Protestbrief der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg
Offener Brief aus Groß-Fredenwalde
Märkische Allgemeine: Nichts mehr unter Dach und Fach
Märkische Allgemeine: Fäulnis im Gotteshaus
Berliner Zeitung: Gespräch mit Ministerin Wanka

Sehr geehrte Frau Weiss,

mit Bestürzung haben wir die von Ihnen in einer Erklärung vom 10. Juli 2003 verkündete Beendigung des Investitionsprogramms "Kultur in den neuen Ländern" sowie des Sanierungs-Programms "Dach und Fach" zur Kenntnis genommen.

Durch diese Maßnahme sind zahlreiche kleine Kultureinrichtungen in den ländlichen Regionen in ihrem Fortbestand gefährdet. Die Streichung der "Dach und Fach" - Mittel wird als Signal der weiteren kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Isolierung der neuen Bundesländer verstanden.

Die Auswirkungen auf den Denkmalbestand in den ohnehin vernachlässigten ländlichen Gebieten sind verheerend, da es sich bei "Dach und Fach" um ein Notsicherungsprogramm handelt. Nahezu 80 % der Mittel dieses Programms werden im Land Brandenburg für substanzerhaltende und restauratorische Maßnahmen an Dorfkirchen aufgewendet, die in ihren Orten zumeist die einzigen verbliebenen Zeugnisse der regionalen Geistes- und Kulturgeschichte sind und gleichzeitig wichtige Identifikationsorte in einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit darstellen. Die letzten Sicherungsmaßnahmen an kleinen Dorfkirchen liegen oft 80 Jahre und mehr zurück. Mit endgültigen Verlusten muss gerechnet werden.

Kultur und Denkmalpflege sind wichtige Standortfaktoren. In den Randregionen Brandenburgs liegt die Arbeitslosenrate bei etwa 25 %. Der Wegfall des Sanierungsprogramms "Dach und Fach" wird den ohnehin schwachen Arbeitsmarkt weiter negativ beeinflussen. Im Gegensatz zum Neubau sind Tätigkeiten im Bereich Denkmalpflege bei geringem Materialverbrauch äußerst arbeitsintensiv. Zahlreiche lokale Handwerker und kleinere Baubetriebe stehen vor der Insolvenz.

Der Aufbau einer touristischen Infrastruktur oft die letzte Hoffnung in weitgehend industriefreien Regionen ist ohne Bewahrung der Denkmal- und Kulturlandschaft nicht denkbar.

Denkmalpflege ist eine Investition in die Zukunft, denn sie trägt dazu bei, Arbeitsplätze zu schaffen und langfristig zu erhalten.

Mit dem Wegfall der Bundesmittel bricht ein gewachsenes System der Kofinanzierung zusammen. Stiftungen, Spender und Sponsoren, die wesentlich dazu beitragen, den jeweils nötigen Eigenanteil aufzubringen, werden sich zurückziehen, wenn ihre Zuschüsse nicht mehr in umfassende Finanzierungskonzepte eingebunden werden können.

Leistungen der Arbeitsförderung (speziell Vergabe-ABM) im Bereich Denkmalpflege verlieren ihren Sinn, wenn die Gesamtfinanzierung von Sanierungs- und Instandsetzungsarbeiten nicht garantiert werden kann.

Der materielle Verlust dürfte ein Vielfaches dessen betragen, was an Bundesmitteln eingespart wird.

Mit der angekündigten Beschränkung auf "Kultureinrichtungen und Denkmale von nationaler Bedeutung" wird die bereits bestehende Kluft zwischen Ballungsräumen und abgelegenen ländlichen Gebieten weiter zunehmen. Die Konzentration auf "Leuchttürme" lässt kulturfreie Zonen entstehen, in denen zwangsläufig auch soziale Konflikte zunehmen.

In einer Epoche wachsender Globalisierung und Beschleunigung wächst die Sehnsucht nach Beständigem. Der Begriff Heimat erhält neue Bedeutung auch Kultur ist Heimat.

Die Streichung der Mittel zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt die Vermutung aufkommen, dass die verstärkte Kulturförderung Berlins zu Lasten einer umfassenden kulturellen Flächenförderung gehen soll.

Zahlreiche Denkmale verdanken ihre Erhaltung und Bewahrung dem bürgerschaftlichen Engagement zahlreicher ehrenamtlicher Helfer. Im Land Brandenburg gibt es über 150 Fördervereine, die sich allein um den Erhalt von Kirchengebäuden in den oft kleinen Dörfern bemühen. In vielen Fällen sind es konfessionell nicht gebundene Personen, die sich zusammen mit den zahlenmäßig schwachen Kirchengemeinden für ihre Dorfkirche engagieren.

Diese Initiativen sind oftmals ein wichtiger Katalysator für das gesamte kulturelle und soziale Leben im Dorf. Ein Wegfall öffentlicher Unterstützung in den Bereichen Kultur- und Denkmalförderung ignoriert das dringend erforderliche Entstehen einer Bürgergesellschaft in den neuen Bundesländern.

Wir fordern Sie auf, Ihren Einfluss in der Bundesregierung geltend zu machen, um die Streichung der Programme "Kultur in den neuen Ländern" sowie "Dach und Fach" rückgängig zu machen, um auch. weiterhin eine flächendeckende Grundversorgung auf diesen Gebieten zu gewährleisten.

Mit freundlichen Grüßen

Angus Fowler Bernd Janowski
(Vorsitzender)(Geschäftsführer)