Quelle: Märkische Allgemeine vom 23. Juli 2003

STOPP DER BUNDESFÖRDERUNG GEFÄHRDET ZAHLREICHE DORFKIRCHEN IM LAND

Fäulnis im Gotteshaus

STEPHAN BREIDING

SCHÖNA/POTSDAM Rund 800 Jahre hat die Dorfkirche in Schöna (Teltow-Fläming) Gläubige beherbergt. Doch damit könnte bald Schluss sein. In den vergangenen Jahrzehnten blieb das Gotteshaus sich selbst überlassen mit fatalen Folgen. Im Holz siedelte sich Schwamm an, die Dachbalken sind marode und die Mauern des Feldsteinbaus haben erste Risse. Um den Zusammenbruch zu verhindern, wurde der Bau mit Stützbalken notdürftig gesichert. Noch in diesem Jahr sollen erste schwammbefallene Teile ausgetauscht werden. "In zwei, drei Jahren könnte die Kirche dann fertig sein", hofft der Bürgermeister der Doppelgemeinde Schöna-Kolpien, Willi Pflanze. Doch die Chancen stehen dafür schlecht: Der Bund will das Förderprogramm "Dach und Fach" zum Jahresende einstellen.

Für Frank Stiehler, Baupfleger des evangelischen Kirchenkreises Bad Liebenwerda, ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar. Die einmal begonnene Sanierung müsse "dringend" fortgesetzt werden, mahnt der Kirchenbauexperte. Man könne nicht einfach eine offene Baustelle zurücklassen. Schließlich gehe es auch darum, den Innenraum mit wertvollen mittelalterlichen Putzresten zu sichern.

Ähnlich sieht es auch in Körba (Elbe-Elster) aus, so Stiehler. Die Gemeinde habe bereits den maroden Turm aus eigenen Mitteln gesichert. Doch für das vom Regen vermoderte Dach und die rissigen Mauern sei man auf Fördermittelangewiesen. Der Bürgermeister der Großgemeinde Lebusa, zu der Körba gehört, Andreas Polz, will noch nicht aufgeben. "Wir werden gegen diese Entscheidung rebellieren."

Doch nicht nur in einzelnen Kommunen, im ganzen Land formiert sich der Widerstand. "Mit Bestürzung" habe er die Nachricht erhalten, sagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen. Der Wegfall von "Dach und Fach" sei ein "Signal der weiteren kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Isolierung der neuen Länder". Besonders ärgerlich sei, dass damit der Bundesmittel auch "ein gewachsenes System der Kofinanzierung" wegbreche, erklärt Janowski. "Stiftungen, Sponsoren und Spender werden sich zurückziehen."

Unverständnis auch bei der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg: Durch die "Sparidee" seien zahlreiche Dorfkirchen, Kapellen und städtische Sakralbauten "akut gefährdet", heißt es in einem Brief des Vize-Bischofs, Propst Karl-Heinrich Lütcke, an Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos).

Kritik kommt auch von Detlef Karg, Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege. Der überraschende Förderstopp bedeute, dass die begonnene Sanierung von 40 Objekten nicht weitergeführt werden könne. Es sei völlig unklar, wie nun die Baustellen gesichert werden sollen, so Karg. Konsequenzen habe die Kürzung auch für den Arbeitsmarkt. Im ohnehin strukturschwachen Brandenburg sei die Kirchensanierung zu einem wichtigen Faktor auf dem Arbeitsmarkt geworden, da viele kleine und mittelständische Betriebe von den Aufträgen gelebt hätten. "Die Entscheidung ist kurzsichtig am Ende wird es mehr kosten, die entstandenen Schäden in der Wirtschaft und an den Kirchen wieder auszugleichen." Karg fordert das Land auf, die bisher bereitgestellten Landesmittel nicht ebenfalls zu streichen, "damit wir wenigstens das Notwendigste machen können".

Protest gibt es auch auf ministerieller Ebene. Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) hat gemeinsam mit dem sächsischen Minister Matthias Rössler (CDU), Ministerin Dagmar Schipanski (CDU) aus Thüringen sowie Minister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) aus Thüringen eine Protesterklärung verfasst. Die Einstellung des Förderprogramms stoße auf "entschiedenes Unverständnis", heißt es dort. Schließlich widerspreche der Förderstopp den im Einheitsvertrag festgeschriebenen Verpflichtungen, sich um eine Annäherung in der kulturellen Infrastruktur zu bemühen, so Wanka. Es sei nicht hinnehmbar, dass Berlin allein in diesem Jahr 95 Millionen Euro aus dem Kulturhaushalt erhalte, die vom Verfall bedrohten Dorfkirchen jedoch auf der Strecke blieben. Im Kulturministerium hofft man, wenigstens die Landesmittel für die Kirchensanierung zu retten. Doch eine klare Zusage gibt es derzeit noch nicht. "Darüber wird zu entscheiden sein", bleibt Ministeriumssprecher Holger Drews vage.

Der Schönaer Bürgermeister hofft derweil noch. "Wir brauchen insgesamt knapp 400.000 Euro für die Grundsanierung sonst kann die Kirche nicht genutzt werden." Während er wartet, bröckeln die Mauern weiter.

Weitere Beiträge zum Thema gibt es unter www.kulturportal-brandenburg.de

"Dach und Fach"

Das Bundesförderprogramm "Sicherung und Erhaltung von Kulturdenkmalen in den neuen Ländern", kurz "Dach und Fach" genannt, besteht seit 1996. Seitdem wurden jedes Jahr rund sechs Millionen Euro an die neuen Länder verteilt. Zwischen 800 000 und 1,2 Millionen Euro landeten dabei in den märkischen Kassen. Das Land war verpflichtet, die selbe Summe bereitzustellen. Bund und Länder übernahmen damit jeweils 40 Prozent einer Fördermaßnahme. Die restlichen 20 Prozent mussten Kommunen, Stiftungen oder Sponsoren aufbringen. Mit dem Geld wurden Denkmale, in den meisten Fällen vom Verfall bedrohte Dorfkirchen, gesichert. Finanziert wurde nur die Grundsanierung von Mauern und Dächern. Für die Wiederherstellung der Innenräume mussten die Kirchen in die eigene Tasche greifen. Insgesamt gibt es in Brandenburg rund 1500 Dorfkirchen. Davon sind rund 1300 im Besitz der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, weitere 78 gehören zum katholischen Erzbistum Berlin-Brandenburg. seb

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