29.05.2020  –  Märkische Oderzeitung

Abstrakte Kunst in der Marienkirche Frankfurt

Dialog im Raum: die Arbeiten von Marta Djourina und Erika Stürmer-Alex in der Marienkirche© Foto: Anke Zeisler

Christina Tilmann/ 28.05.2020, 15:02 UhrFrankfurt (Oder) (MOZ) Horst Bartnig spricht lieber von Konkreter Kunst. Und erklärt: „Den rechten Winkel und das Quadrat, das hat der Mensch erfunden.“ Seine Arbeit „schwarz weiß quadrate geteilt“, ein Hauptwerk von 1973–74, das je zwei Quadrate raffiniert verschiebt, ist ein Blickfang in der Ausstellung in der Marienkirche in Frankfurt. Und auf der anderen Seite Erika Stürmer-Alex lodernd farbiges neues Werk „Aufbruch“ von 2019, leuchtende Rot-Gelb-Orange-Töne, wie Flammen. So viel freie Energie, wo bei Bartnig gezügelte Kraft ist.

24 über den Rau verteilte Werke

Abstrakt, das klingt als Ausstellungsthema erst mal nicht sehr verlockend, auch wenn Kuratorin Anke Zeisler natürlich den Resonanzraum zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion in den Verschiebungen zwischen Ost und West mitdenkt. Was aber im weiten Hallenraum der Kirche zu erleben ist (als zweiter Teil eines Projekts, das im Januar in der Sparkasse in Strausberg begann) wird unerwartet und unverhofft zu einem Glücksmoment des befreiten Sehens. Das liegt sicherlich nicht nur daran, dass es nach den langen Wochen digitalfixierten Kunstgenusses eine Freude ist, real wieder vor Werken zu stehen. Zwischen den 24 Werken, die so lapidar wie kräftig gehängt an schwarzen Rahmen über den Raum verteilt sind, entspinnt sich ein erstaunliches Kräftefeld.

Karla Woisnitza, in Rüdersdorf geboren und heute in Berlin lebend, fasst es so zusammen: Man erlebe einen Dialog zwischen den modernen Kunstwerken und dem Kircheninventar, den Grabsteinen, den fast verblassten Fresken, die etwa ihre Entsprechung in der Arbeit „Calypso“ von Daniel Grüttner finden. So spannten sich Linien durch den Raum.

Ganz deutlich ist das bei den Arbeiten auf Fotopapier der knapp dreißigjährigen Bulgarin Marta Djourina, leuchtende Farben, die aus Experimenten mit Direktbelichtung in der Dunkelkammer hervorgegangen sind, und nun sechs Meter hoch im Kirchenschiff hängen und mit der Farbigkeit der mittelalterlichen Glasfenster korrespondieren.

Woisnitza selbst hat ganz zarte Tuschezeichnungen auf Chinapapier beigesteuert, Rollbilder zwischen Kalligrafie und Abstraktion, die an den gewichtigen Mittelpfeilern hängen. So wie das Spiel zwischen Schwere und Leichtigkeit, Masse und Luft überhaupt die Ausstellung prägt. Etwa in einer kleinen Marienstatue aus Lindenholz, die Ernst Baumeister mit so vielen Leerräumen versieht, dass sie wie eine  kostbare Stickerei wirkt. Oder der Skulptur von Henry Stöcker, in der eine amorphe Masse auf filigranen Eisenstreben balanciert.

Es sind sparsam gehängte Interventionen, die dem Raum seine Eigenständigkeit lassen und trotzdem, je länger man verweilt, ihn neu mit Kraft aufladen. Bei Strawaldes „Elektrischer Nacht“, zu der der Künstler nach Worten der Kuratorin durch einen Aufenthalt in Singapur inspiriert wurde, blitzen weiße Leinwandreste wie Lichtfunken in der glänzenden Schwärze des dick aufgetragenen Farbe. Und bei Dieter Goltzsche reicht in die Grafik montierter Kartonrest, um das Auge geradezu magisch anzuziehen.

Die Idee zum Titel „was du nicht siehst“ kam Anke Zeisler übrigens, als sie in einem Restaurant am Nebentisch eine Mutter mit ihrem Sohn das bekannte Kinderspiel spielen hörte. Und im Kopf ergänzt jeder Betrachter den Satz für sich: „Ich sehe was“.

„Was du nicht siehst. abstrakt“: Marienkirche Frankfurt (Oder), bis 14.7., täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Das Begleitbuch kostet 22 Euro

Märkische Oderzeitung, 29.05.2020
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Pfarrkirche St. Marien Frankfurt (Oder) im Pressespiegel
Abstrakte Kunst in der Marienkirche Frankfurt 29.05.2020 · Märkische Oderzeitung