01.04.2019  –  Märkische Oderzeitung

Altkünkendorf – Fotoverbot auf Kirchturm

Zimmer mit Ausblick: Viele Besucher haben zur Einweihung des sanierten Altkünkendorfer Kirchturms den Aufstieg über mehr als 90 Stufen gewagt. Veronika Cavalier (l.) und Monika Stürmann vom Förderverein sind nach wie vor begeistert von der Idee des Aussichtspunkts.© Foto: Oliver Voigt
Ungeschützte Einsicht auf Höfe: Besucher des Turms dürfen von oben nicht fotografieren oder filmen.© Foto: Oliver Voigt
Protest von Anwohnern: Sie fürchten um die Dorfidylle und um ihre Privatsphäre. Eine Bürgerinitiative läuft Sturm.© Foto: Oliver Voigt

Oliver Schwers/ 01.04.2019, 06:45 Uhr – Aktualisiert 01.04.2019, 07:39Altkünkendorf (MOZ) Begleitet von Anwohnerprotesten ist der neue Aussichtspunkt auf dem sanierten Kirchturm von Altkünkendorf von vielen Besuchern eingeweiht worden. Der Aufstieg über die neue Holztreppe wird mit einer Weitsicht auf den Grumsiner Buchenwald belohnt.

Über 90 Stufen führen hinauf. Architektin Bettina Krassuski hat sich etwas einfallen lassen, um Besucher und Naturtouristen auf den schlank aufragenden Turm zu leiten. Durch die Fenster der alten Dorfkirche können Gäste in die waldreiche Uckermark-Landschaft schauen, die ihnen zu Füßen liegt. Anschließend sollen sie das Welterbe Buchenwald Grumsin auf eigene Faust zu Fuß erkunden – so die einmalige Idee.

Doch das gefällt nicht allen Einwohnern. Von oben fällt der Blick auf ein im Garten aufgestelltes Schild „Privatsphäre“. Und zur Einweihung des neuen Aussichtspunkts kocht die Auseinandersetzung im Ort um Für und Wider erneut auf. „Hier werden Sie nicht verschaukelt, hier werden Sie verar…“ steht auf einem Protestplakat, das Anwohner hinter der Friedhofsmauer hochhalten. Große Holzgrabkreuze tragen die Aufschriften „Hier ruht Nachbarschaft“, „Hier ruht Demokratie“. Als sie direkt vor dem Eingang zur Kirche eingeschlagen werden sollen, schreitet der Angermünder Bürgermeister Frederik Bewer persönlich ein, spricht von „Hausfriedensbruch“. Die Kritiker ziehen unter den Rufen „Bürgermeister go home“ in den öffentlichen Raum vor der Mauer um.

„Wir sind erschöpft und entsetzt“, sagt Ina Köhler, Sprecherin der Bürgerinitiative. Vom Turm sei weniger Einblick in das Welterbe, aber umso mehr in die umliegenden privaten Rückzugsräume möglich. Das habe zu heftigen Konflikten geführt. Eine Mediation im Dorf habe zwar zufriedenstellende Ergebnisse gebracht. Bürgermeister Frederik Bewer werfen die Anwohner vor, „mit vielerlei Winkelzügen deren rechtssichere Umsetzung zu verhindern“.

Die Mediation sei mit einem Ergebnis beendet worden, das die Initiative aufgekündigt habe, so Frederik Bewer. Der Förderverein habe sich entschlossen, nur geführte Besuche auf dem Turm zuzulassen und zwar ohne Fotografieren und Filmen.

Irgendwann werde auch der letzte Zweifler erkennen, dass der Umbau des Turms ein Zugewinn sei, so Vize-Bürgermeister und Projektleiter Christian Radloff in seiner Einweihungsrede. Vor sechs Jahren ist die Idee entstanden. Der Kirchenförderverein will damit das Bauwerk regelmäßig nutzen, Veranstaltungen unterstützen. 182 000 Euro an Lottomitteln haben den Umbau ermöglicht. „Es ist heute ein bewegender Moment“, sagt Vereinsvorsitzender und Ortsvorsteher Hans-Jürgen Bewer. „Es ist ein Zeichen, wie man mit Ideen und Beharrlichkeit viel erreichen kann. Ich mache das nicht als Hobby für mich, sondern für viele Menschen.“ Der Kompromiss von Führungen ohne Fotoaufnahmen beweise, dass man auf unterschiedliche Lebensphilosophien reagiere.

In seiner Fürbitte beim Festgottesdienst bittet Pfarrer Uwe Eisentraut um Mut und Einsicht, die Probleme anzugehen, welche die Menschen im Ort entzweit hätten, sodass wieder ein gutes Miteinander entstehe.

Märkische Oderzeitung, 01.04.2019
Zur Kirche
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