05.04.2020  –  Märkische Oderzeitung

Barnims Kirchen schenken Hoffnung im Strudel der Panik

Mutmacherin im Ausnahmezustand: Anja Giese, evangelische Pfarrerin in der Friedenskirche Finow, bedauert, dass sie die neue Osterkerze nicht bei einem Gottesdienst mit ihrer Gemeinde erstmals anzünden kann.© Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Quelle der Erbauung: Am Hauptportal der Maria-Magdalenen-Kirche hängt eine „Geistliche Tasche“ mit sakralen Texten.© Foto: MOZ/Thomas Burckhardt

05.04.2020, 07:00 UhrEberswalde (MOZ) Der ökumenische Arbeitskreis in Eberswalde wird am Sonntag Neuland betreten. Ab 10 Uhr kann auf den Internetseiten aller beteiligter Gemeinden ein Gottesdienst abgerufen werden, der zuvor von etlichen Beteiligten an ihren jeweiligen Wirkungsstätten ohne Publikum, aber vor der Kamera gehalten und dann zusammengeschnitten wurde.

Auch Anja Giese (46), seit November 2015 Pfarrerin der Friedenskirche in Finow, hat ihren Anteil daran. „Ich trage die Fürbitte vor und singe zwei Lieder“, verrät sie. Die Aufzeichnung sei für diesen Sonnabend vorgesehen.

Die Pfarrerin hat sich überdies entschlossen, über die Feiertage ihr Gotteshaus offen zu halten. „Am Altar wird extra die neue Osterkerze angezündet sein. In der festlich geschmückten Kirche ist uns Gott besonders nah“, sagt Anja Giese, die davon ausgeht, dass die Gläubigen, so sie nicht zu einer Familie gehören, von sich aus darauf achten werden, Abstand zu einander zu halten.

Die behördlich verfügten Einschränkungen des öffentlichen Lebens treffen auch Finows evangelische Pfarrerin hart. „Für mich persönlich werden es wohl die traurigsten Ostertage meines Lebens“, sagt sie. Karfreitag und Ostersonntag seien neben Weihnachten die wichtigsten Feiertage der Christen und der persönliche Kontakt zu den Gläubigen durch keinen Anruf, keine Videokonferenz und keinen Livestream zu ersetzen. Zumal von den rund 1300 Mitgliedern ihrer Gemeinde vielleicht zwei Prozent online erreichbar seien.

Den treuesten Besuchern der Gottesdienste und sonstigen Veranstaltungen in der Friedenskirche und im Gemeindehaus will Anja Giese noch vor Ostern mit Gemeindebriefen Trost spenden, die unter anderem Predigttexte und Fürbitten enthalten. Der Pfarrerin ist besonders wichtig, dass die Menschen in all den Ängsten, die sie jetzt umtreiben, die Hoffnung nicht verlieren. Deshalb hat sie die Aktion „Mut to go“ gestartet, bei der Texte von Gebeten und Andachten in Folie mit Wäscheklammern an einer Schnur am Kirchenzaun in der Eberswalder Straße befestigt wurden.

Banner mit Mutbotschaft

Aus dem gleichen Grund ist ebenfalls für den Zaun ein Banner bestellt, dessen Botschaft an die vorbeifahrenden Autofahrer gerichtet ist. „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, wird darauf stehen. Dies seien die oft zitierten und gehörten Worte des Apostel Paulus, der im Gefängnis gesessen habe, als er sie an seinen Mitarbeiter Timotheus schrieb, erklärt Anja Giese. Seine Ermahnung spreche gut in unser aller gegenwärtiges Leben hinein.

Die Pfarrerin weiß um die tiefen Sorgen so vieler Zeitgenossen, deren Arbeitsplatz oder Gewerbe durch die Corona-Krise massiv gefährdet sei. Die ebenfalls berechtigte Furcht davor, sich mit dem Virus anzustecken, nehme mehr und mehr irrationale Züge an, findet sie. Das alltägliche Leben sei aus den Fugen geraten. „Gerade in Zeiten wie diesen wird die Institution Kirche dringender denn je gebraucht“, hat die Seelsorgerin erfahren, die täglich mehrere Stunden am Telefon oder vor dem Computer verbringt. „Ich werde häufig angerufen und greife gleichfalls rege zum Hörer“, berichtet Anja Giese, die selbst eine  harte Woche in Quarantäne verbringen musste. Und dabei Erfahrungen fürs Leben gewonnen hat.

Alles habe seinen Anfang genommen, als sie am 11. März eine Praxis aufsuchte, um sich ein Rezept verschreiben zu lassen und kurz mit der Ärztin zu sprechen. Im Wartezimmer habe in großem Abstand zu ihr eine Frau gesessen, die später positiv auf das Coronavirus getestet wurde. „Am 19. März bekam ich einen Anruf vom Gesundheitsamt, bei dem mir mitgeteilt wurde, dass ich fürs Erste zu Hause zu bleiben habe“, sagt die Pfarrerin, die danach spätestens alle zwei Tage telefonisch nach ihrem Befinden befragt wurde. Am 25. März wurde sie endlich darüber informiert, dass ihre Bewegungsfreiheit wieder hergestellt sei. „Ich selbst bin nicht getestet worden und symptomfrei geblieben“, betont Anja Giese, die sich vor allem über die Welle der Hilfsbereitschaft aus ihrer Gemeinde freut, die sie während der Quarantäne erreichte. „Wir hielten gemeinsam im Strudel der Panik, die auch in Finow herrscht, die Hoffnung hoch“, sagt die Pfarrerin.

„Geistliche Tasche“ am Portal

Mit den Gläubigen in Kontakt zu bleiben, ist das Ziel aller christlichen Gemeinschaften in Eberswalde. Pfarrer Hanns-Peter Giering von der evangelischen Stadtkirche verweist dabei auch auf seinen Videogottesdienst, der am Karfreitag ab 10.15 Uhr per Live-Stream auf der Internetseite zugänglich gemacht wird. Am Portal der Maria-Magdalenen-Kirche hängt eine „Geistliche Tasche“ mit sakralen Texten sowie mancher frohen Überraschung.

Infos auf www.kirche-barnim.de

AUSKÜNFTE VOM BODENPERSONAL GOTTES

Auf der Internetseite des evangelischen Kirchenkreises Barnim wird darüber informiert, dass sämtliche Veranstaltungen und Gottesdienste zunächst bis zum 19. April 2020 ausgesetzt seien. Dennoch fände weiterhin gemeindliches Leben statt – nur eben in anderer Art und Weise. Der Kirchenkreis sammle alle Angebote und mache diese für die Gläubigen zugänglich. „Wir, das Bodenpersonal Gottes, sind weiterhin per E-Mail und telefonisch erreichbar“, heißt es weiter. Die Kontaktdaten seien ebenfalls auf der Internetseite abgedruckt.“Bleiben Sie gesund und von Gott behütet!“, lautet die Bitte der Verantwortlichen des Kirchenkreises.⇥sk

Märkische Oderzeitung, 05.04.2020
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