10.01.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Der geglückte Drahtseilakt des künftigen Pfarrers Oliver Notzke in Golzow-Planebruch

Oliver Notzke ist Betriebswirt und stieg aus seinem Job aus, um Pfarrer zu werden. Er studiert als landesweit erster Absolvent berufsbegleitend Theologie und ist Seelsorger der Gemeinde Golzow-Planebruch.

Oliver Notzke ist ein Drahtseiltänzer. So gelingt es ihm als landesweit erstem Absolventen, berufsbegleitend Theologie zu studieren und gleichzeitig als Seelsorger und angehender Pfarrer die Aufgaben eines Pastors zu stemmen. Der 38 Jahre alte Familienvater und bisherige Mann der Wirtschaft ist als Famulant der Theologie zuständig für die Evangelische Kirchengemeinde Golzow-Planebruch mit rund 1000 Gläubigen. Im März meistert er diese Aufgabe bereits ein Jahr.

Gab es Bedenken gegen ihn? Immerhin ist er noch kein fertig studierter Pfarrer. Oliver Notzke überlegt kurz und holt tief Luft: „Ich glaube, es war so lange ein Seelsorger abwesend, dass die Freude groß ist, dass wieder jemand da ist, der sich der Menschen und ihrer Themen annimmt, und zweitens ist der Vorteil, dass ich aus dem Dunstkreis komme“, sagt der bald dreifache Vater.

Elf Dörfer und sieben Kirchen

Denn tatsächlich: Vom Himmel gefallen ist Oliver Notzke nicht. Er ist ein Einheimischer. Aufgewachsen ist er in Damelang, das nun zu seinem Pfarrsprengel gehört neben Golzow, Freienthal, Krahne, Reckahn und Meßdunk. Es sind insgesamt elf Dörfer mit sieben Kirchen.

„Meine Frau ist noch mehr eine Hiesige, sie ist in Golzowaufgewachsen.“ So war es für beide auch eine Heimkehr. „Aber eine mit viel Erfahrungen. Wir mussten uns nur daran gewöhnen, dass der Bäcker am Samstag um 11 Uhr Feierabend macht. Das ist im ländlichen Raum halt so.“

Abitur am Fläming-Gymnasium

Abitur hat Oliver Notzke am Bad Belziger Fläming-Gymnasium gemacht. Nach zwei Jahren bei der Bundeswehr wechselte er zu einer Immobilienverwaltungsfirma. Dort studierte er zum ersten Mal berufsbegleitend. Damals noch Betriebswirtschaftslehre in Potsdam. 16 Jahre lang arbeitete er in dem Konzern. Er übernahm später internationale Kunden und war zuletzt dreieinhalb Jahre lang Leiter eines 64-köpfigen Teams in Leipzig.

Wie kam es zu dem Sprung aus dem Wirtschaftsleben zur Theologie? „Meine Wurzel war immer der Glaube.“ Mit 19 trat er in den Gemeindekirchenrat ein, sein Freund und Förderer war der langjährige frühere Golzower Pfarrer Jens Meiburg, heute Pfarrer in Brandenburg.

Die Golzower Kirche auf ihrem Sonnenhügel im Ortskern. Quelle: Marion von Imhoff

Beim früheren Superintendenten Jürgen Lorenz absolvierte er die Ausbildung zum Lektor. Als solcher war Oliver Notzke oft im Evangelischen Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg und auch in seiner Heimatgemeinde tätig und gestaltete Gottesdienste mit. „Früher im Anzug und heute halt im Talar.“ Er wurde in den Kreiskirchenrat und in die Synode und ins Präsidium gewählt. Oliver Notzke ist stellvertretender Präses des Kirchenkreises.

Student mit Lebenserfahrung

„Ich habe gesehen, dass es schwierig ist, Pfarrer auf das Land zu kriegen.“ Tatsächlich war auch die Golzower Pfarrei lange vakant. „So kam die Idee, lebenserfahrene Menschen, die schon studiert haben, die die Sehnsucht in sich tragen, sich zu verändern, dies zu ermöglichen.“ So sei die Kooperation zwischen Kirchenkreis und Landeskirche zustande gekommen. Und Oliver Notzke absolviert den ersten Durchlauf. Bundesweit studieren derzeit nur 21 Männer und Frauen berufsbegleitend Theologie. Oliver Notzke ist der einzige davon aus dem Land Brandenburg.

Der Balanceakt zwischen Studium und Gemeinde sei gewaltig, sagt Oliver Notzke. „Wenn Sie dann noch eine Familie haben, haben Sie drei Seiten, die permanent an einem ziehen. Wenn man dann auf einem Drahtseil ist, kann man manchmal auch die Balance verlieren.“ Doch drei Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, sei er aus seinem früheren Beruf gewöhnt.

Familie ist sein Rückhalt

Derzeit lernt er Hebräisch als alte Sprache. Oliver Notzke studiert in Heidelberg und verbringt immer wieder Tage dort. Dort gab es erstmals dieses berufsbegleitende Angebot. Einige Seminare besucht er in Berlin.

Seine Frau hat ihn ermutigt, diesen Weg einzuschlagen. Er trage so lange den Wunsch und die Sehnsucht in sich, nun müsse er das auch Wirklichkeit werden lassen, sagte sie. „Meine Familie ist mein absoluter Rückhalt“, so sagt er es. „Sonst würde ich das Mammutprogramm, an dem man auch zerbrechen kann, nicht schaffen.“

Sechs Jahre in Golzow – mindestens

Wie sieht er seine Zukunft in Golzow: „Der Zeitstrahl ist vorprogrammiert allein schon durch das fünfjährige Studium und das anschließende auf ein Jahr verkürzte Vikariat“, sagt Oliver Notzke. So lange werde er auf jeden Fall in Golzow bleiben. „Das empfinden die Leute schon als Kontinuität. Das ist wichtig, damit Vertrauen wächst. Wie es danach aussieht, werden wir dann sehen, ob die Gemeinde und auch wir den Weg weiter gehen werden.“

„Wir“, das sind neben Oliver Notzke seine Frau Franziska und die bald drei Kinder. Franziska Notzke arbeitet in Potsdam bei einem diakonischen Träger in der Finanzbuchhaltung. Bevor sie nach Golzowkam, lebte die Familie zehn Jahre lang in Werder.

Seit vorigen Frühjahr wohnen die Notzkes im Golzower Pfarrhaus. Den grünen und weiten Pfarrhof möchten sie als Mitmachgarten für die Gemeinschaft öffnen. Am 22. März pflanzt Oliver Notzke mit den Familien der acht Täuflinge von 2019 im Garten Obstbäume.

Viel Leben in der Bude

„Jeden Tag ist hier Leben im Pfarrhaus, das ist mir wichtig, denn das macht eine lebendige Gemeinde aus.“ So nutzen nun auch Vereine das Pfarrhaus, der Gemischte Chor Golzow ist ebenso dabei. „Mir ist bewusst, dass nicht alle in der Kirche sind, aber wir sind mit allen im Dialog und es ist schön, zu sehen, wie da etwas zusammenwächst.“

Sonntags wechselt sich der künftige Theologe bei den Gottesdiensten mit Pfarrer Heino Winkler ab. Amtshandlungen wie Taufen vollzieht Oliver Notzke in Begleitung eines ordinierten Pfarrers. Mit Dorothea Sitzler-Osing, Pfarrerin in Lütte, gestaltet der 38-Jährige den Konfirmanden-Unterricht gemeinsam.

Gründonnerstag will der angehende Pfarrer mit den 13 Konfirmanden ein Kreuz aus Holz bauen, mit dem sie gemeinsam an Karfreitag zur Sterbestunde Jesu zur Pernitzer Kirche pilgern und es dort aufstellen werden.

Predigt vom Lastwagen aus

Die Gemeinde ist bereit, neue Wege zu gehen. So wie ihr Seelsorger. Erstmals feierte die Kirchengemeinde im vorigen Sommer einen Schuljahresanfangs-Gottesdienst. 90 Besucher strömten zu dem Zelt, in dem Oliver Notzke die Andacht hielt.

In Grüneiche hielt er einen Open-Air-Gottesdienst. Weil es in Strömen goss, organisierte jemand flugs einen Lastwagen, der angehender Pfarrer kletterte auf die Ladefläche und predigte vor dort. „Man muss sich öffnen, nur mit der starren Lehre wird man kaum Menschen gewinnen“, sagt Oliver Notzke. „Es muss schon das Herz berühren.“

Von Marion von Imhoff

Märkische Allgemeine Zeitung, 10.01.2020
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