19.05.2019  –  Märkische Oderzeitung

Ein Projekt, das Lichtenberg zusammenrücken lässt

Noch ist die Kirche nicht fertig saniert, am Sonntag feierten die Lichtenberger und viele Gäste aber das Ende einer Etappe. Die Mauern sind gesichert, Altar und Turm wiederaufgerichtet. Außerdem wurde die neue Glocke aus Cottbus geweiht.© Foto: Heinz Köhler

Die Sonne strahlt durch das offene Dach der Lichtenberger Dorfkirche, die Stühle und dazu gestellten Bierbänke reichen längst nicht aus. Alle – und nicht nur Lichtenberger sind unter den Gästen – wollen die Glockenweihe miterleben. Die neue Bronzeglocke erklang erstmals Heiligabend in Lichtenberg, an diesem Tag wurde auch die alte Stahlglocke letztmalig geläutet und danach außer Dienst gestellt.

76 Kilometer hat die neue Glocke bereits hinter sich gebracht – denn ursprünglich stammt sie aus der einstigen Cottbuser Schlosskirche, die 2015 an den Landesverband der jüdischen Gemeinden verkauft und zur Synagoge umgewidmet wurde. Deshalb sind am Sonntag auch Gäste aus Cottbus bei der Glockenweihe in Lichtenberg dabei.

Ulrike Menzel etwa, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Cottbus, der für die dortige Schlosskirche zuständig war. „Für mich ist das heute ein ganz besonderer Moment, dass diese Glocke wieder läutet, denn ich musste viele Anfeindungen über mich ergehen lassen“, erzählt sie den Lichtenbergern und anderen Gästen. Es sei ein schwerer Moment gewesen, als die Kreuze und die Glocke abgenommen wurden.

Fast 20 Jahre Kirchsanierung

Pfarrerin Katharina Falkenhagen blickt auf die vergangenen bald 20 Jahre Kirchensanierung zurück: Damals war die Lichtenberger Kirche noch dem Verfall preisgegeben. Jetzt sind die Mauern gesichert, Altar und Turm wiederaufgerichtet und die Cottbuser Glocke erklingt. Es habe damals keine Zusage eines Großspenders gegeben. Also griff man auf die Kraft der eigenen Muskeln, die Technik der Freiwilligen Feuerwehr und Spendengeld zurück. „Viele Menschen gaben mit Liebe, je nach ihren Möglichkeiten“, berichtet die Pfarrerin.

Im Laufe der Jahre kamen ohne Fördermittel oder Geld aus der Kirchensteuer mehr als 250 000 Euro Spenden zusammen. Nur dadurch konnte der Turm aufgebaut und das neue Geläut in Betrieb genommen werden. Ziel war vor allem auch, die Lichtenberger zusammenzuschweißen. Das scheint gelungen.

„Es ist schön zu sehen, dass im Dorf etwas passiert und wir uns aufeinander verlassen können“, sagt Samantha Haupt und lobt die Zusammenarbeit und Spendenbereitschaft in Lichtenberg. Die 29-Jährige zog 1999 mit ihren Eltern in den Ortsteil, kam 2016 nach wenigen Jahren in Frankfurt mit Mann und Kind wieder zurück. Sie erinnert sich noch an Zeiten, in den die zugewachsene Kirchruine eher einem Abenteuerspielplatz glich.

Konfirmation vor 70 Jahren

Noch ältere Erinnerungen an die Kirche haben Gerhard Wenske und Clemens Schlomka, die beide vor 70 Jahren in Lichtenberg Konfirmation feierten. Allerdings nicht in der Kirche, wie Schlomka sich erinnert. „Ich finde das fantastisch“, sagt er über die Entwicklung der Kirchensanierung. 1949 sei das Dach eingestürzt gewesen, die Orgel beschädigt und geplündert und die Bänke aus der Kirche gerissen – man habe das Material benötigt. Deshalb wurden die zwölf Heranwachsenden im Tanzsaal des ehemaligen Gasthauses konfirmiert. Heute ist die Dorfkirche wieder so hergerichtet, dass in diesem Jahr, zu Pfingsten, fünf Jugendliche dort ihre Konfirmation begehen können.

Sie gehören zur Zukunft dieses unvollendeten Werkes. „Unsere Kinder haben viele Möglichkeiten, selbst Hand an dieses Haus zu legen“, so Katharina Falkenhagen. Denn nicht nur der Turm, auch das Kirchenschiff wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

„Man könnte denken, das hier sind nur Steine“, sagt OB Wilke bei der Glockenweihe. Doch Menschen könnten so viel mehr aus einer Sache machen, wenn sie nur beharrlich sind und an eine Idee glauben. Das Trennende beiseite schieben und gemeinsam Neues schaffen – das könne jeder von den Lichtenbergern lernen.

Die Glocke läutet den Feierabend ein, lädt zum Gottesdienst und gibt den Lichtenbergern ein Stück Heimat, das wird am Sonntag deutlich. „Ja, Träume können sich erfüllen. Nicht gleich heute, aber morgen“, so die Lichtenberger Ortsvorsteherin Ellen Thom. „Und morgen ist heute.“

Märkische Oderzeitung, 19.05.2019
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