11.09.2020  –  Märkische Oderzeitung

Johannes Menard – seit 30 Jahren Pfarrer in Altlandsberg

Als der Geistliche im August 1990 seine Stelle antrat, war noch einige Wochen DDR – und das Stadtbild ein ganz anderes.

11. September 2020, 16:14 Uhr•Altlandsberg
Von Thomas Berger

Johannes Menard, seit dem Vormonat genau 30 Jahre Pfarrer in Altlandsberg, Anfang September 2020 in der nun auch innen weitgehend sanierten Stadtkirche, hier an der Kanzel
Einweihung der Kirche Hirschfelde am 9.5.15 Pfarrer Jonannes Menard und Hans-Jürgen Albrecht vom Förderverein

Wie fast immer bei diesem viel beschäftigten Mann, sortiert sich das Gespräch zu seinem Jubiläum zwischen zwei anderen Terminen ein. Dennoch macht es Johannes Menard sichtlich Spaß, einmal auf diese Weise in den verschiedensten Erinnerungen zu wühlen. Noch einmal einzutauchen in markante Ereignisse, Herausforderungen und Erfolge. Zurückzublicken auf Wegmarken seines Wirkens, die vom Alltagsgeschehen längst überdeckt sind – und es doch lohnt, abermals ins Bewusstsein gerufen zu werden.

30 Jahre Pfarrer in Altlandsberg: Eine solche Ortsverbundenheit eines kirchlichen Amtsträgers ist selten geworden in heutiger Zeit. Und als jemand, der seine Arbeit aufnahm, als der Staat drum herum noch für einige Wochen Deutsche Demokratische Republik hieß, bevor er von der politischen Landkarte und in den Annalen der Geschichte verschwand, ist Menard zudem ein Zeitzeuge der besonderen Art.

Ein Zeitzeuge der besonderen Art

Der 1. August 1990 war damals sein erster offizieller Arbeitstag, das weiß er noch. Also muss es kurz zuvor Ende Juli gewesen sein, als er von Strausberg aus, wo er zuvor als Vikar wirkte, erstmals mit dem Bus von Vorstadt aus über Bruchmühle den Weg nach Altlandsberg nahm. „Der Marktplatz, wo ich ausstieg, sah noch ganz anders aus, war ein Friedhof der Sowjetsoldaten mit einer etwa 50 Zentimeter hohen Mauer ringsherum. Da saßen dann im Sommer die Alkoholiker“, kann er sich noch an das Begrüßungsbild erinnern. Sowie an die kurze Suche, wo sich denn nun eigentlich die Stadtkirche befindet. Dass dort, wo diese ein Stückchen weiter ihren Standort hat, mal der alte Markt lag, hat er erst später erfahren.

Altlandsberg war „eine traurige Stadt“

Überhaupt war Altlandsberg zu jener Zeit „im Erscheinungsbild eine traurige Stadt“, und so mancher im Bekanntenkreis habe ihn unterschwellig bedauert. Schließlich gab es so einige Klischees, die über das nun wieder schmucke, damals aber triste Ackerbürgerstädtchen im Umlauf waren. Beispielsweise, dass fast alle miteinander verwandt seien. Viel hat er sich aus dem schlechten Leumund seines neuen Heimatortes nicht gemacht. Und bis heute ist er dankbar dafür, dass er von Anbeginn auch richtig loslegen, seine eigenen Ideen und Ansätze umsetzen konnte. Nicht selbstverständlich: „Mein Vorgänger Helmut Friske, ein sehr geschätzter Kollege, lebte ja noch im Ort. Er hat sich aber in keiner Weise eingemischt.“Johannes Menard, Jahrgang 1960, geboren in Merseburg, hat in drei Jahrzehnten Altlandsberg mit geprägt. Und genauso ist diese lange Zeit am gleichen Ort nicht ohne Auswirkungen auf ihn geblieben, der zwar selbst aus einer Pfarrerfamilie stammt, aber erst mit gewissen Umwegen zu seinem Beruf kam, der auch Berufung ist. Schon sein Opa – der eine Pfarrstelle bei Schneidemühl (damals Pommern, heute auf polnischer Oderseite) hatte – begründete dereinst diese Traditionslinie, die der im Vorjahr verstorbene Vater fortsetzte. Der zog mit der Familie durch Einsatzortwechsel regelmäßig um. Ab der 2. Klasse bis zum Ende der Schulzeit war dann auch für Sohn Johannes das eher beschauliche Dahme (Mark) neue Heimat auf Zeit.

Maurerlehre statt Architekturstudium

Schon als Neuntklässler, erzählt Menard, habe er mit einem Architekturstudium geliebäugelt. Doch schon das Abitur blieb dem Pfarrersohn, der weder bei den Pionieren noch in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) war, verwehrt. Naheliegend war dann aber irgendwie die nun aufgenommene Maurerlehre, die er bei einem großen Tiefbaukombinat in Cottbus absolvierte. Mit dem theoretischen Teil an einem Bildungszentrum, aus dem etliche Jahre und einen politischen Systemwechsel später einmal die Technische Universität hervorgehen sollte. Auch die Wehrdienstverweigerung sortierte sich damals mit ein. Die Gelegenheit, doch noch eine Art von Abitur zu machen, auch wenn nicht staatlich anerkennt, ergab sich dann in Naumburg, einer von drei kirchlichen Arbeiterschulen DDR-weit. Bis er dann in der gleichen Stadt noch ein fünfjähriges Theologiestudium anschloss, sollte es aber einen weiteren beruflichen „Schlenker“ geben: Mit dem Ziel, anschließend Orgelbauer zu werden, absolvierte der junge Mann noch zwei Jahre eine Ausbildung zum Bautischler.

Schwärmen für den Werkstoff Holz

„Holz ist so ein toller Werkstoff, das war etwas sehr Schönes“, gerät er noch heute, Jahrzehnte später, regelrecht ins Schwärmen. Und mit den beiden sehr bodenständigen Handwerksberufen, in denen er mit seiner Lehre bewandert es, verwundert es im Nachgang keineswegs, dass die zahlreichen Sanierungsprojekte an den Kirchen in und um Altlandsberg, für die er als Pfarrer später zuständig war und bis heute ist, trotz mancher Hürden im Detail insgesamt mehr Lust als Last waren. Auch im Bauausschuss des Kirchenkreises ist er als zusätzliches Ehrenamt schon länger Mitglied.Tatsächlich hätte manch anderer vielleicht entnervt die Segel gestrichen, so viele Vorhaben zur Sicherung der kirchlichen Bauten in seinem lokalen Zuständigkeitsbereich reihten sich in den 30 Jahren beinahe ohne längere Pausen aneinander.

Trabant-Kombi als Dienstfahrzeug

Es war ein Trabant-Kombi, den der junge Pfarrer als Dienstfahrzeug von Friske übernommen hatte und mit dem er nun zwischen Altlandsberg, Bruchmühle (ohne Kirchenbau), Wegendorf, Wesendahl, Buchholz und Seeberg unterwegs war. In dem schon früh zur Stadt eingemeindeten Siedlungsteil neben der Autobahn war die dortige Kirche anfangs gar nicht nutzbar, hat er noch gut die Bilder aus jenen Tagen im Kopf. Zwischenzeitlich zu einem Möbellager umfunktioniert, lag die Empore draußen, waren Taufstein und Kanzel ebenso verschwunden wie der Altar. „Die Feuerwehr hatte wenigstens die Fenster mit Blechen gesichert“, setzt er hinzu. Immerhin war der Turm schon fertig, als er kam. Und Bernd Kaminski aus Strausberg, der mit seiner PGH „Himmel und Erde“ das damalige Sanierungswerk übernahm, hat er gerade vor wenigen Monaten im April beerdigt.Die beiden Pfarrhäuser bildeten die nächsten Projekte: Zunächst jenes in der Bernauer Straße 6, das von seinem Vorgänger Friske und anderen Mietern bewohnt war, dann der von seiner Familie bewohnte Gründerzeitbau mit klassizistischen Elementen, der bis heute ein Dreieck mit Stadt- und Schlosskirche am Eingang zum Schlossgut-Areal nebenan bildet. Gern hätte Menard ja auch schon damals die Stadtkirche in Angriff genommen, doch es sollte noch bis 2003 dauern, als Unterstützung von der Kommune kam und wenigstens schon der Turm mit Fördermitteln saniert werden konnte.

Frage nach Pfarrstellenwechsel abgebogen

Als die Kirchenkreise Strausberg und Fürstenwalde fusionierten und der neue Superintendent Eckhard Fichtmüller ihn fragte, ob er nicht die Pfarrstelle wechseln wollte, lehnte Johannes Menard ab: So lange die Stadtkirche baulich nicht wieder hergerichtet sei, sah er seine hiesige Aufgabe noch nicht als erfüllt an. Bevor es dazu aber richtig losging, drängten sich erneut andere Vorhaben dazwischen: Uwe Sack, der zu einem ersten Gespräch bei ihm vorbeischaute und den Förderverein in Wesendahl aus der Taufe hob, sollte sich als hartnäckiger Visionär erweisen, um die dortige Kirchenruine wieder nutzbar zu machen und zum Schluss sogar mit einem Turm zu krönen: Das diesen Sonnabend stattfindende (durch Corona verkleinerte) Kirchturmfest erinnert bis heute daran. Auch in Wegendorf hatte es eine Vereinsgründung gegeben, treibende Kraft der heutige Ortsvorsteher Michael Töpfer – und im Visier jene Kirche, die sich bei Menards Amtsantritt vor 30 Jahren als Einzige ohne sichtbar große Schäden darstellte. Ein Irrtum. Dass der Schwamm sich unter der Decke munter ausbreitete, konnte da noch keiner ahnen …Menard ist froh und dankbar für etliche Menschen, die in den einzelnen Orten die Initiative ergriffen, nicht locker ließen. Auch in Gielsdorf, das mit dem Wegfall der eigenen Pfarrstelle ihm mit zugeschlagen wurde und wo Brigitte Kurras die komplette Kirchensanierung vor acht Jahren in der Verantwortung beinahe allein stemmte: „Da habe ich fast nur beim Richtfest den Nagel eingeschlagen“, wie er mit einem Lächeln sagt. Und auch in Hirschfelde jenseits der Kreisgrenze, wo sich örtlicher Förderverein und Gemeindekirchenrat lange nicht einigen konnten, ist das Sanierungswerk bis auf wenige Restarbeiten vollbracht.

Alternativformate in der Corona-Zeit

Schließlich ging es auch an der Stadtkirche weiter: Erst die Feldsteinfassade, zuletzt mit großem Aufwand (und manchen positiven wie negativen Überraschungen) der ganze Innenbereich. Am 21. März hätte eigentlich die große Feier zur Wiedereinweihung sein sollen, doch kurz zuvor kam Corona mit dem Lockdown dazwischen. Mehrere Wochen war gar kein Gottesdienst erlaubt, gemeinsam mit technisch versierten Partnern wie dem Wegendorfer Enrico Konkel wurden digitale Alternativformate aus dem Boden gestampft: Die erste Woche nur mit Predigt, dann mit Orgel, beim dritten Mal auch mit Gesang – vom Pfarrer und seiner Frau.Seelsorger in jeglichen Lebenslagen, Bauherr an so vielen Stellen, dazu alle weiteren Aufgaben, die so anfallen: Wie entspannt er da eigentlich? Zu Jugendzeiten habe er begeistert Volleyball gespielt, erzählt Menard, heutzutage gehen er und seine Frau regelmäßig zum Tennis. Und dann ist da die Liebe zur Musik: Schon in Studententagen in Naumburg war er Mitglied einer Band, und die Leitung des Kirchenchores hat er nie als extra Belastung, sondern stets schönen Ausgleich empfunden. Erst als Christoph Bornheimer als regionaler Kantor anfing, gab er die Chorleitung ab – und bekam sie mit Bornheimers Abschied nun zurück.

Den Geschichten lauschen

Menard liebt es, Menschen bei ihren kleinen und großen Geschichten aus dem Leben zuzuhören. Er genießt es, in der nun sanierten (wenngleich immer noch nicht fertigen) Stadtkirche mit ihren historischen Reichtümern zu stehen. Und es erfüllt ihn, sich seit nun schon sieben Jahren auch einer weiteren Aufgabe zu widmen: Als Träger einer kirchlichen Kita. 60 Kinder da beim Start ins bewusste Leben etwas auf den Weg mitgeben zu können, sei ebenfalls etwas sehr Schönes.

Märkische Oderzeitung, 11.09.2020
Zu den Kirchen
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Johannes Menard – seit 30 Jahren Pfarrer in Altlandsberg 11.09.2020 · Märkische Oderzeitung