19.02.2020  –  Märkische Oderzeitung

Kloster Neuzelle zeigt die Ausstellung „Historische Handschriften“

Meisterlich: Die Regel des Heiligen Benedikt (1604) ist eine von sieben Handschriften, die in Neuzelle gezeigt werden.© Foto: Gerrit Freitag/MOZ

Ein bisschen erinnert die Szenerie auf dem Neuzeller Stiftsplatz Anfang der Woche an jemanden, der rohe Eier transportiert. Ganz vorsichtig wird eine Holzkiste aus dem Transporter gehievt. „Fragile“, „zerbrechlich“ steht darauf in großen Lettern. „Nicht so schwer, wie ich dachte“, sagt einer der Träger. Wobei allein die Kiste 42 Kilogramm wiegt, wie ein Aufdruck verrät. Um das Innenleben zu sehen, müssen erst einmal zehn Schrauben gelöst werden. Die Spannung im klimatisierten Museumsraum des ehemaligen Kutschstallgebäudes steigt, jeder will den ersten Blick erhaschen. Doch erst einmal sind nur schützende Verpackungsmaterialien zu sehen.

Auf Pergament verewigt

Die erste Hand, die gezielt in die Kiste greift, gehört Tilman Schladebach, seinesgleichen Leiter Marketing und Kultur bei der Stiftung Stift Neuzelle. Er nimmt das kleinste Päckchen heraus und beginnt, das weiße Papier sorgfältig zu öffnen. „Handschuhe benötigt man nicht“, versichert er. „Ich habe in der Staatsbibliothek zu Berlin extra noch einmal gefragt.“ Dorther wurden nun sieben mittelalterliche Handschriften geholt, die im Kloster Neuzelle entstanden sind und seit rund 190 Jahren in der Staatsbibliothek gehegt und gepflegt werden.

„Historische Handschriften“ heißt die Sonderausstellung, die am Sonnabend im Kalefaktorium des Klosters eröffnet wird. Letztlich ist das eine Zugabe aus dem Jubiläumsjahr 2018, als „750 Jahre Kloster Neuzelle“ gefeiert wurden. „Die jetzige Ausstellung ist der sehr guten und vertrauensvollen Arbeit mit der Staatsbibliothek zu verdanken“, betont Tilman Schladebach. Im Jubiläumsjahr  hatte sich die Stiftung bereits den Original-Stiftsatlas (1758) von dort ausgeliehen. „Aber die Staatsbibliothek hat ja noch viel mehr Schätze, die für Neuzelle relevant sind“, sagt der Marketingleiter. „Die Handschriften zum Beispiel.“

Bei dem Schatz, den er soeben enthüllt hat, handelt es sich um die auf Pergament verewigte Regel des Heiligen Benedikt aus dem Jahre 1604. Gebet, menschliches Miteinander und Arbeit – die Kapitel der Benediktsregel geben Richtlinien für das ganze Leben nach der Lehre Christi. Es ist sozusagen die Fibel für das klösterliche Dasein. „Benedikt hat das Mönchstum begründet. Darauf beziehen sich auch die Zisterzienser“, weiß Schladebach.

Klöster waren nicht nur Orte der Stille und des Gebets, sondern auch Zentren der Bildung. Eine Bibliothek durfte nicht fehlen, auch nicht in Neuzelle: Gesangsbücher, Psalterien und Messbücher gehörten dazu – alle handgeschrieben. Im zweiten Band des Psalmenkommentars aus dem 15. Jahrhundert – ebenfalls eine Leihgabe der Staatsbibliothek – hat der Schreiber sogar Stoßseufzer eingestreut. „Hilff goth, Maria“, heißt es da. Experten gehen davon aus, dass diese Seufzer die Mühen des Schreibens belegen. Auch Handschriften mit Briefen Bernhards von Clairvaux (1090–1153) werden in der Ausstellung zu sehen sein. Clairvaux gilt als einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens, der in Neuzelle ansässig war und im Jahre 2017 zurückgekehrt ist.

In Berlin liegen die Neuzeller Handschriften im Tresor – in guter Gesellschaft. Zu finden sind dort auch die weltweit größte Mozart-Sammlung, Partituren von Beethoven sowie Texte von Herder, Eichendorff und anderen. „Die haben schon eine höhere Wertigkeit“, sagt Jeanette Lamble, Pressesprecherin der Staatsbibliothek, mit Blick auf die Neuzeller Dokumente. Eingeordnet sind sie im Bestand „Abendländische Handschriften“, zu denen auch drei der neun vollständig erhaltenen Handschriften des Nibelungenliedes gehören. Die sieben Neuzeller Leihgaben gehören zu den insgesamt 452 000 Handschriften in der Bibliothek.

Wer sich so etwas ausleiht, muss strenge Vorgaben erfüllen. „Das wird auch überprüft“, versichert Jeanette Lamble. Aus diesem Grund sei auch immer ein Fachrestaurator beim Aufbau dabei. Und das ist nicht alles. „Wir haben extra Buchwippen anfertigen lassen“, sagt Tilman Schladebach. Sieben Unikate – letztlich so etwas wie orthopädische Einlagen. Schließlich hat jede gebundene Handschrift eine eigene Größe, ein eigenes Gewicht. „Es ist sogar vorgegeben, welche Seite aufgeschlagen wird.“ Eine Wissenschaft für sich also. Und eine Ausstellung, die eine fast vergessene Epoche des Neuzeller Klosters wieder ans Tageslicht bringt.

„Historische Handschriften“, Kalefaktorium Kloster Neuzelle, 22.2.–13.4., Eröffnung am Sonnabend, 15 Uhr.

DIE KLOSTERANLAGE IN NEUZELLE

Der erste Hingucker in der 1268 vom Meißener Markgraf Heinrich III. gestifteten Neuzeller Klosteranlage ist die Stiftskirche St. Marien. Das gotische Gotteshaus wuchs in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts in die Höhe. Die Kirche wurde barock umgestaltet und 1741 eingeweiht. Seit der Auflösung des Klosters 1817 wird St. Marien als katholische Pfarrkirche genutzt. Auf dem Klostergelände gibt es aber noch eine Kirche, und zwar eine evangelische, die Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz. Außerdem befinden sich auf dem Areal ein Schulcampus  und zwei Museen. Der barocke Klostergarten ist ebenfalls eine Augenweide. Und seit 2017 leben wieder Zisterzienser in Neuzelle. ⇥ja

Märkische Oderzeitung, 19.02.2020
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