03.04.2020  –  Der Prignitzer

Lietzen – Auf den Spuren der einzigen Komturei

Mit „Komturei“ kann nicht jeder etwas anfangen / Der Begriff geht auf den Templerorden zurück, der im frühen Mittelalter so Niederlassungen wie in Lietzen bezeichnete

von Jeanette Bederke 
17. März 2020, 05:00 Uhr

Die sanierte alte Feldsteinmauer am Rande der Siedlung Lietzen-Nord (Märkisch-Oderland) umsäumt ein 20 Hektar großes, gepflegtes Anwesen. Dort finden sich Kirche, Herrenhaus, ein fünfstöckiger Speicher und diverse Nebengebäude. Es ist in der Landschaft am Rande des Oderbruchs kaum zu übersehen. Thront es doch etwas erhöht in der ansonsten sehr flachen Umgebung. „Im Kriegsfall haben die hier die Schotten dicht gemacht, konnten sich autark versorgen und waren einigermaßen sicher“, sagt Gebhard Graf von Hardenberg. Er ist seit 1993 Hausherr des Areals, das noch immer „Komturei Lietzen“ genannt wird.

Der Begriff geht zurück auf den Templerorden, der hier 1232 eine Niederlassung errichtete, inklusive etwa 5000 Hektar Land: Felder, Wälder und ein halbes Dutzend Seen im Umkreis von 35 Kilometern. „Die frühmittelalterliche Geschichte ist das spannendste an der Anlage“, erzählt der 60-Jährige, der vor 26 Jahren mit seiner Familie aus Göttingen in Niedersachsen in die Brandenburger Provinz kam. Er habe es noch keinen Tag bereut, betont er.

Die zweistöckigen Gewölbekeller unterhalb des Herrenhauses dürften noch aus den Gründungsjahren stammen. Mittendrin gibt es einen Brunnen, der selbst bei größter Trockenheit nicht versiegt, wie der Graf erzählt. „Die Komturei in Lietzen ist die einzige erhaltene Niederlassung der Tempelritter in der Mark“, erläutert Julia Küchle vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. Außerdem gebe es noch Dorfkirchen in Marxdorf und Neuentempel (Märkisch-Oderland), die den Templern zugeschrieben würden, da sie zu gleicher Zeit wie die Komturei entstanden. Dafür gebe es jedoch keine eindeutigen Belege, sagt sie. 

In der Kirche der Komturei mit dem himmelblauen Kreuzgewölbe zeugen alte Grabtafeln von Verstorbenen aus dem 13. Jahrhundert. An den Wänden hängen runde Gedenktafeln für Herrenmeister des Johanniterordens, Nachfolger der Templer in der Komturei.

Vor Jahren hatte eine Frau aus dem Ort Führungen über das Gelände veranstaltet, doch die Sache sei leider eingeschlafen, bedauert der Hausherr, dem selbst die Zeit dafür fehlt. Bewirtschaftet er doch mit 23 Mitarbeitern die Ländereien der Komturei. Zu erzählen gebe es über das geschichtsträchtige Anwesen wohl eine Menge.

Nach der Auflösung des Templerordens ging der Besitz an den Johanniterorden über. Im Zuge der Säkularisierung 1812 wurde die Komturei Lietzen Eigentum des preußischen Staates. Zwei Jahre später bekam Staatskanzler Karl August von Hardenberg sie für seine Verdienste geschenkt. Bis 1944 bewirtschafteten die von Hardenbergs die Ländereien. Aufgrund der Beteiligung am Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wurde der Besitz von den Nazis beschlagnahmt, ein Jahr später durch die Bodenreform ein weiteres Mal enteignet.

Durch Rückübertragung nach der Wende gelangte die Komturei Lietzen wieder in den Besitz der von Hardenbergs. „Endgültig abgeschlossen ist dieser Prozess aber immer noch nicht. Einzelfallprüfungen dauern ewig“, so Gebhard von Hardenberg. Dem Grafen ist der Stolz über den Erhalt der mittelalterlichen Anlagen anzumerken. „Ein Vermögen“ habe die Familie investiert, näher beziffern möchte er das nicht. Doch er macht deutlich, wie aufwändig die „Rekultivierung“ war. „Zu DDR-Zeiten war die Komturei ein volkseigenes Gut mit 7000 Schweinen. Wir haben dort, wo jetzt unsere Obstbaumplantage wächst, etwa 40 Ställe abgerissen, eine marode Kantine und andere Bauten aus jener Zeit. Etwa 90 Prozent der Fläche war versiegelt.“ 

Besucher dürfen über die ganze Anlage spazieren, Anwohner nutzen dafür gern die Parkanlage und den Rundweg um den See. Die Kirche, so bekräftigt von Hardenberg, stehe tagsüber immer offen. „Wir haben mit dem Grafen ein Wahnsinnsglück gehabt“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister in Lietzen, Frank Kasper (parteilos). „Erstens menschlich: Er behandelt jeden auf Augenhöhe. Und zweitens, weil er aus der Komturei ein Schmuckstück gemacht hat, ein Aushängeschild für den Ort.“ 

Aus dem Verwaltungsgebäude will der Sohn des Grafen bald ein Domizil mit Ferienwohnungen machen. Gerade, so erzählt der Vater, vollziehe sich ein Generationswechsel in der Komturei. Seine fünf Kinder, heute zwischen 25 und 33 Jahre alt, seien in Lietzen aufgewachsen. Einer der Söhne übernimmt jetzt die Leitung, zieht demnächst in das Herrenhaus mit den eindrucksvollen Stuckdecken und Deckengemälden, die die Geschichte des Johanniterordens erzählen.

Die Eltern lassen sich auf dem hinteren Gelände ein neues Wohnhaus bauen. Dabei wäre in dem mehrstöckigen Herrensitz durchaus Platz – immerhin fünf Zimmer gibt es pro Etage. „Die Räume waren vom Johanniterorden für Repräsentationszwecke im Barockstil umgebaut worden. Hier wurde nicht gewohnt, sondern getagt“, sagt der 60-Jährige lächelnd. Vielleicht zieht es ihn künftig häufiger in den fünfstöckigen Speicher, der – 1280 erbaut – als einer der ältesten Deutschlands gilt. Dort hat Gebhard von Hardenberg zusammengetragen, was er im Laufe der Jahre alles fand: alte Gerätschaften, Scherben und einen Mühlenstein aus der Geschichte der Komturei.

Der Prignitzer, 03.04.2020
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