13.08.2019  –  Der Tagesspiegel

Wie Städter auf dem Land neu anfangen

mmer mehr Stadtmenschen zieht es aufs Land. Mit digitalen Möglichkeiten erfinden sie dort das Leben und Arbeiten neu. von MARIE RÖVEKAMP

Nicht mehr lange, dann kann er endlich in die Provinz. Raus aus dem quirligen Friedrichshain, rein in das 256-Seelen-Dorf Prädikow. Philipp Hentschel ist 36 und denkt seit mindestens fünf Jahren über diesen Umzug nach. Mit ihm kommen seine Freundin, seine beiden kleinen Kinder – und 45 weitere Menschen. Auf einem der größten Vierseithöfe Brandenburgs werden sie wohnen und arbeiten. Ländlich, aber nicht zu sehr.

Seit Jahren wollen die Jüngeren aus solchen Regionen eigentlich nur weg. Umso interessanter ist eine Gegenbewegung, für die Philipp Hentschel exemplarisch steht. Die Großstadt wird irgendwann zu voll, zu laut und teuer.

Die Doppelhaushälfte in einem öden, fremden Ort soll es aber auch nicht sein. Deswegen haben das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und die Denkfabrik Neuland 21 für eine Studie 18 Projekte in entlegenen Regionen Ostdeutschlands untersucht, die das Leben auf dem Land anders denken. „Die Städter, die hinausziehen, wollen das Beste aus beiden Welten vereinen“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts.

In Umfragen geben über sechzig Prozent an, dass sie eigentlich im Grünen leben möchten. Doch die Jobmöglichkeiten der Stadt halten viele ab. Zumindest noch. Die moderne Arbeitswelt lässt nämlich neue Fragen zu: Kann die digitale Vernetzung, kann ortsflexibles Arbeiten nicht dafür sorgen, dass ich auch auf dem Land alles haben kann? Und gibt es nicht auch Alternativen zum klassischen Eigenheim für die Kleinfamilie oder mich allein? Und so finden sich Freunde, Kollegen oder Unbekannte, die gemeinschaftlich ein neues Leben im Dorf beginnen.

„Es ist ein Lebensprojekt für die nächsten zehn, 15 Jahre“

Die Bandbreite der untersuchten Projekte ist groß. Mal leben zehn Menschen zusammen, mal hundert. Sie verwirklichen ihre Ideen in stillgelegten Fabriken und Mühlen, Krankenhäusern und Berufsschulen, Klosteranlagen und Landgütern. Manche Projekte stehen ganz am Anfang, andere werden bereits ausgebaut. Auf dem Hof Prädikow möchte die Gruppe leben, ein Café und eine Kneipe aufmachen, eine Tischlerei und vielleicht eine kleine Kita. Dafür haben sie unter anderem eine Genossenschaft gegründet und „eine ordentliche Summe einbezahlt“. Die Ersten werden in den kommenden Monaten einziehen. „Es ist ein Lebensprojekt für die nächsten zehn, 15 Jahre“, sagt Hentschel. 

Laut der Studie entscheiden sich meistens Akademiker zwischen 30 und 40 Jahren für seinen Schritt, die kreativ in Wissensberufen arbeiteten – sei es als Mediengestalter, Journalisten, Berater oder Architekten. Sie können ihre Aufgaben von jedem Ort aus erledigen, von zu Hause aus oder vom Bürotisch. Die Digitalisierung macht es möglich. Oft bringen sie auch ein Raumkonzept mit, das sie kennen: Coworking Spaces. „Wie in der Stadt können sich hier Freiberufler und Selbstständige vorübergehend Schreibtische mieten, um gemeinschaftlich zu arbeiten“, sagt Silvia Hennig, Neuland-21-Gründerin. Die Grundvoraussetzung von allem ist deswegen eine schnelle Internetanbindung.

Einige der Coworking Spaces entstehen sogar mit angeschlossenen Unterkünften. Hier können sich gestresste Stadtbewohner mal in einer lärmfreien Umgebung auf ihre Arbeit konzentrieren. Ein neues Tourismuskonzept entsteht. „Das lockt nicht nur Besucher in den Ort, sondern schafft auch Arbeitsplätze und bringt Geld in die Kassen der Projekte“, meint Manuel Slupina, Mitautor der Studie. 

Der Gruppenumzug auf das Gehöft ist aber nicht nur eine Chance für Digitalarbeiter. Philipp Hentschel ist zwar Projektmanager und möchte dies weiterhin tun. Seine Freundin hört jedoch als Programmiererin auf und wird Tischlerin. Andere machen sich selbstständig, zum Teil mit einer ganz neuen Idee. Pendeln – oder finden ganz in der Nähe eine Stelle als Erzieher, Lehrerin, Pflegerin, Arzt. Stichwort: Fachkräftenot.

Manche befürchten jedoch reinste Hipsterdörfer

Ist diese Entwicklung denn stark genug, um die Landflucht gerade in Ostdeutschland abzubremsen? Wohl kaum. Fündig wurden die Studienautoren vor allem in Brandenburg, rund um Berlin, wo sich Familien die Vier-Zimmer-Wohnung plötzlich mehr leisten können. In den anderen ostdeutschen Bundesländern böten die Städte noch ausreichend Platz, heißt es. Entsprechend selten gibt es dort Beispiele für gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitsprojekte auf dem Land. 

Sollte das Städtewachstum aber anhalten, könnten künftig auch gut angebundene Regionen in größerer Entfernung von Berlin oder im Umland anderer Großstädte wie Dresden oder Leipzig von der Landlust profitieren, vermuten die Forscher. Ob es sich bei dem Phänomen der „Stadtmüden“ um eine ganz neue gesellschaftliche Bewegung handele, sei jedoch noch nicht abschließend zu beantworten. 

Auch wenn die neue Landbewegung den entlegenen Regionen nicht überall aus der Misere helfen wird, wäre die Politik gut beraten, die Motive und Bedürfnisse der jungen Leute besser kennenzulernen , glaubt Reiner Klingholz. Gerade jetzt, wo sie ein neues Interesse an einem Ausgleich zwischen Stadt und Land gefunden hätten. Denn der Trend brächte nicht nur Einwohner, Steuern und Gebührenzahler aufs Land, sondern auch neue Ideen: Bei den bisherigen Projekten suchen die Leute nach Möglichkeiten, wie man ohne Auto auf dem Dorf mobil bleiben kann, denken über Carsharing und Mitfahrt-Apps nach. 

Sie wollen Hofläden zur Verbesserung der Nahversorgung eröffnen, Kitas, Galerien, wollen Festivals veranstalten. Und sie würden zeigen: Das, was lange keinen Wert hatte, ist wieder attraktiv. „Die Städte haben es ins 21.Jahrhundert geschafft“, sagt Klingholz. „Das Land aber noch nicht.“ Andererseits fürchten manche schon die Gentrifizierung auf dem Land.

Der Tagesspiegel, 13.08.2019
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