Fachtagung des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. zum Thema "Die Kirche im Dorf lassen."

Grußwort des Landrates Dr. Joachim Benthin


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf Sie im Landkreis Uckermark auf das herzlichste begrüßen.

Ihr Motto "Die Kirche im Dorf lassen" ist wie für den Landkreis Uckermark zugeschnitten: 227 sakrale Bauwerke (zumeist Dorfkirchen) sind in dem Verzeichnis der Denkmale des Landkreises Uckermark eingetragen – das sind mehr als 30% der zur Zeit etwa 730 positionen umfassenden Denkmalliste, Teil I. Im II. Teil haben wir noch 12 Denkmalbereiche verzeichnet. Hinzu kommen noch etwa 5.500 bekannte Bodendenkmale – das sind etwa ein Zehntel der tatsächlich vorhandenen Bodendenkmale im Landkreis und ein Viertel der Bodendenkmale des Landes Brandenburg. Die Uckermark ist ein mit Denkmalen reich gesegnetes Land!

Der hiesige Landkreis zeichnet sich nicht nur durch seine immense Größe aus (Sie wissen, dass er mit seinen 3.058,45 qkm größer als das Saarland und der flächenmäßig größte Landkreis Deutschlands ist!). In der Uckermark hat (fast) jedes Dorf seine Kirche – bei "zusammengewachsenen" Dörfern wie Jagow, Kutzerow und Taschenberg haben wir gar drei Kirchen "in Reichweite"!

Von diesen 227 sakralen Denkmalen sind etwa drei Viertel mittelalterlichen Ursprungs, zeugen also schon sehr lange von uckermärkischer Kirchenbaukunst, sind somit schon sehr lange der Mittelpunkt des Dorfes und natürlich das älteste Bauwerk des Ortes.

Die mittelalterlichen Kirchen sind zumeist aus regelmäßig behauenen Feldsteinen gefertigte Bauten; vier jedoch sind den seltenen mittelalterlichen Backsteinbauten zuzurechnen (Fergitz, Drense, Hohengüstow und Heiliggeist in Gartz/O.).

16 der in der Denkmalliste eingetragenen Kirchen sind wüste Kirchen (z.B. Arendsee, Berkenlatten, Rittgarten) oder Ruinen (z.B. Flieth, Strehlow, Heiliggeist Prenzlau). Ich darf Ihnen versichern, dass keine dieser Ruinen oder Wüstungen nach der Wende entstanden sind – und so soll es und so wird es auch bleiben! Das heißt natürlich, dass wir uns anstrengen müssen, die stark gefährdeten – weil seit längerem ungenutzt stehenden Dorfkirchen in Küstrinchen, Malchow, Weselitz oder Werbelow zu retten – die ersten Schritte für Küstrinchen wurden vom "Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg" gemacht. Der Landkreis läuft mit und zwar nebenher und nicht dahinter!

Über die "Funktion" der Dorfkirche in liturgischer, in orts- und bauhistorischer oder auch in touristischer Hinsicht brauche ich Ihnen nichts zu erzählen – Sie selbst könnten und werden mir im Laufe des Tages noch einige Dinge erzählen...

Deshalb möchte ich zu meinem Hauptproblem in Zusammenhang mit Denkmalschutz und Denkmalpflege kommen: Nicht das Sanieren und Erhalten an sich macht uns Sorgen – wir haben in der Uckermark einige Handwerksbetriebe, die aufgrund ihrer sehr guten Facharbeit weit über die Region hinaus bekannt sind und gerne mit Arbeit beauftragt würden, wenn – ja wenn die notwendigen finanziellen Voraussetzungen erfüllt wären! Das Hauptproblem ist eben die schlechte finanzielle Ausstattung der Denkmaleigentümer, seien es private, kommunale oder – unser heutiges Thema – kirchliche.

Artikel 14 (2) GG lautet: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Das kann und darf es aber nicht allein sein, wenn wir von der Sicherung, Erhaltung und Sanierung unserer Kirchen sprechen. Es kann und darf nicht nur der Eigentümer als einziger finanziell verantwortlich sein für sein Bauwerk, das nur deshalb in der Denkmalliste steht, weil an seiner Erhaltung ein öffentliches Interesse besteht.

Hier folgt der Rückschluß: Es hat sich also die Öffentlichkeit, die sogenannte "öffentliche Hand", ebenso an der Erhaltung zu beteiligen. Und entsprechend steht es dann in unserer Landesverfassung: Lt. Artikel 34 (2) haben das Land, die Gemeinden und die Gemeindeverbände die Aufgabe, Denkmale der Kultur zu schützen, zu erhalten und zu erschließen.

Als Landrat habe ich wenig Einfluß darauf, wie die Gemeinden sich dieser Aufgabe stellen, nicht größer ist mein Einfluß (leider) auf das Land. Das Land Brandenburg ist derzeit in Vorbereitung einer Novelle des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes und in diesem Zusammenhang mit der Einrichtung eines dringend notwendigen Landesdenkmalfonds. Ich kann nur hoffen, dass dieser ausreichend bestückt wird, um die Sicherung brandenburgischer Denkmale zu ermöglichen. Ich hoffe ebenso, dass die Verteilung der Fonds-Mittel dann nicht wieder nach Bevölkerungszahlen geschieht, sondern streng nach Notwendigkeit!

Ich habe auch keinen Einfluß darauf, wie der Bund seiner Aufgabe des zwingenden finanziellen Ausgleichs bei der Rettung deutschen Kulturgutes nachkommt. Dazu zählen auch uckermärkische Denkmale, uckermärkische Kirchen! Kultur ist zwar eine landeshoheitliche Aufgabe in unserer föderalen Republik, Hilfe nehmen wir jedoch gerne und problemlos an, wie z.B. beim leider finanziell unzureichend ausgestatteten Förderprojekt des Landes und des Bundes "Dach und Fach". Über das Altschuldengesetz treibt der Bund hart jede Mark ein, dort ist er Gläubiger als Rechtsnachfolger der DDR. Er ist aber meines Erachtens aber auch Schuldner als Rechtsnachfolger der DDR, die die Denkmale, wie z.B. Schlösser, Gutsanlagen oder Kirchen hat verfallen lassen, indem man notwendige Erhaltungsmaßnahmen behinderte oder verhinderte. Ich kann immer nur appellieren, dass die Kulturnation Deutschland es sich eben nicht leisten kann, im 21. Jahrhundert Bauwerke verfallen zu lassen, die viele Generationen über Katastrophen und Kriege hinweg gerettet haben in eine Zeit, in der technisch fast alles machbar ist, in der der Lebensstandart höher ist als je zuvor.

Lediglich für den Landkreis selbst kann ich Rede und antwort stehen und Verantwortung übernehmen. Auf der administrativen Seite stehen den Denkmaleigentümern hier fachlich versierte Mitarbeiter der unteren Denkmalschutzbehörde zur Verfügung, auf der finanziellen Seite jedoch nie genügend Förder-Mittel zur Erhaltung ihrer Denkmale, obwohl der Landkreis Uckermark im Rahmen seiner Fördertätigkeit nach seinen Möglichkeiten seit 1995 vergeben hat. Die Zahlen im einzelnen:

Seit 1995 bis einschließlich 2001 vergab der Landkreis insgesamt 2,51 Mio. DM Fördermittel für denkmalpflegerische Maßnahmen, davon 1,167 Mio. DM für Sakralbauten (das sind etwa 43 %). Es konnte mit 82 Zuwendungen der Bausubstanz oder der Ausstattung von 52 Sakralbauten geholfen werden.

Wir haben gemeinsam eine Menge erreicht, die Kirchengemeinden, die Fördermittelgeber, aber auch die Fördervereine mit der Sponsorensuche und –findung!

Ich bitte Sie, gemeinsam so weiter zu arbeiten und nicht den Mut zu verlieren, bei der uns manchmal nicht lösbar erscheinenden Aufgabe: Rettung der Kirchen für kommende Generationen, auf dass auch diese noch sich erfreuen können an altehrwürdiger Kultur: Bau- und Kirchenkunst.

Schon 1985 gab das Nationalkomitee für Denkmalschutz folgende Erklärung heraus:

"Jedes Kulturdenkmal, das heute zugrunde geht, ist für alle Zeit verloren. Was wir jetzt versäumen, kann keine künftige Generation nachholen."

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Noch ist Zeit, aber nicht mehr viel!


 
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