Festvortrag des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Dr. Manfred Stolpe

Benefizveranstaltung für die Denkmalpflege in Brandenburg

"Kostbares Erbe. Die Erhaltung von Kirchen und Baudenkmälern als Aufgabe"

(Historische Stadthalle Wuppertal am 18. September 2001.)

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

haben Sie herzlichen Dank für die Einladung, zu Ihnen über unser "Kostbares Erbe" und in diesem Zusammenhang über die "Erhaltung von Kirchen und Baudenkmälern als Aufgabe" zu sprechen.

Ich bin besonders gern hierher gekommen, weil ich mich freue, dass die partnerschaftliche Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen, die uns in den Aufbaujahren in Brandenburg sehr geholfen hat, nach zehn Jahren nicht aufhört, sondern auf der Ebene bürgerschaftlicher Initiativen fortgesetzt wird.

Denkmale sind für uns glaubwürdige authentische Zeugnisse, in denen sich unsere Geschichte manifestiert.

Mit historischen Bauwerken bleiben uns die Werte und Fähigkeiten der Vergangenheit erhalten.

Denkmale - wie auch andere Bauwerke – haben eine starke symbolische Kraft. Dies hat die Welt am 11. September auf erschütternde Weise neu erfahren müssen.

Wie stark sie wirken, spüren wir oftmals erst schmerzlich, wenn sie unwiederbringlich verloren sind.

In meiner Heimatstadt Potsdam gibt es einen breiten öffentlichen Austausch darüber, ob das im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe beschädigte und in der Nachkriegszeit durch die sozialistischen Machthaber zerstörte historische Ensemble mit Stadtschloss und Garnisonkirche wieder aufgebaut werden soll.

Ausgeschlossen, sagen die einen, denn der Verlust dieser Gebäude durch blinde Politik in der DDR ist auch Teil unserer Geschichte und man kann die historische Bedeutung nicht in einem Nachbau kopieren.

Das ist eine Chance, sagen die anderen, die städtebauliche Struktur in der historischen Mitte der Stadt wiederzugewinnen und Potsdam seinen Glanz als ehemalige preußische Residenz wiederzugeben. Die Dresdener haben es uns mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche vorgemacht.

Ich möchte hier nicht das Für und Wider gegeneinander abwägen, vieles gäbe es dazu zu sagen. Die Debatte zeigt aber unweigerlich, wie kostbar uns die überlieferte gegenständliche, bauliche und auch geistliche Hinterlassenschaft unserer Vorfahren sein muss und dass dieses Erbe nicht reproduzierbar ist.

Es sind große finanzielle Anstrengungen erforderlich, die zum Teil Jahrhunderte alten, sichtbaren Zeichen des Gemeinwesens zu erhalten, sie zu nutzen und damit vor dem Verfall zu schützen.

Oft bedarf es auch einer intensiven geistigen Auseinandersetzung, um die Kräfte für die Bewahrung des Erbes zu mobilisieren.

Mancher mag sagen, dies sei in erster Linie eine staatliche Aufgabe. Dafür gibt es Behörden, politische Grundsätze und rechtliche Normen, die den Staat und die Eigentümer zum Schutz und zur Erhaltung von Denkmalen verpflichten.

Ich weiß aber aus vielen Gesprächen und Begegnungen, dass es Menschen gibt, die eine innere Verpflichtung über ihre beruflichen oder Alltagsaufgaben hinaus spüren und entsprechend handeln. Solche Menschen sitzen hier im Saal, ihr Handeln nenne ich bürgerschaftliches Engagement.

Spontane Initiativen, Fördervereine, kirchliche Gemeinden, private Sponsoren oder Unternehmer geben oft die Impulse für die Sicherung eines Denkmals und begleiten die Restaurierung über lange Zeit oder entwickeln dauerhafte Patenschaften.

Der traditionsreiche Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz hat zusammen mit dem engagierten Ortsverband Wuppertal und seinem Vorsitzenden Professor Goebel diesen Abend vorbereitet, um die Erhaltung und Instandsetzung von kirchlichen Denkmalen in Ostdeutschland zu unterstützen.

Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass dieses Benefizkonzert heute zugunsten von drei Kirchen im Land Brandenburg hier in der Historischen Stadthalle Wuppertal stattfindet. Ein würdiger, prachtvoller Ort.

- Die St. Katharinen Kirche in der Stadt Brandenburg an der Havel,

- die Kirche St. Marien auf dem Berge in Boitzenburg (Uckermark)

- und die Feldsteinkirche im Dorf Zernikow bei Rheinsberg

erhalten Unterstützung aus dem Erlös dieser Veranstaltung. Ich freue mich, dass Herr Kammersänger Peter Schreier und der Pianist Camillo Radicke künstlerisch an dem Erfolg dieses Abend mitwirken.

Meine Damen und Herren,

wozu brauchen wir Kirchen in Dörfern, in denen nur eine Handvoll Christen lebt? Ich gebe zu, diese Frage ist eine Provokation. Aber bei über 1.500 kirchlichen Denkmalen im Lande und den begrenzten öffentlichen Mitteln für deren schnelle und umfassende Sanierung habe ich solche Ansichten bereits gehört.

Sollten da staatliche Fördermittel nicht anderweitig ausgegeben werden? Muss die Denkmalpflege einspringen, wenn die Kirche selbst "ihre" Gebäude aufgibt?

Es gibt eine klare Antwort aller derjenigen, denen unser Erbe am Herzen liegt:

Kirchengebäude sind die letzten öffentlichen Räume, in denen Wertvorstellungen aus der Vergangenheit erhalten und erkennbar geblieben sind. In ihnen manifestiert sich Kulturgeschichte, wie sonst nirgends in der Architektur.

Kirchen sind wie die Marktplätze seit ewigen Zeiten die Zentren des dörflichen und städtischen Lebens. Die alten Kirchen sind nicht nur Orte der Religionsausübung. Sie bezeugen viele Aspekte unserer Geschichte und gehören zu unserer abendländischen Kultur. Wenn wir in ein Dorf oder in eine Stadt gelangen, fällt unser Blick zuerst auf die Kirche. Man fühlt sich aufgenommen an dem Platz, der den christlichen Glauben als Quelle humanistischer Traditionen verkörpert. Die Kirche ist ein Ort der inneren Einkehr für Christen wie für Nichtchristen. In der Kirche fühlt sich der Mensch aufgehoben. Der von mir verehrte märkische Dichter Theodor Fontane fand malerische Worte für die Beständigkeit der Kirchen und den Halt,, den sie für unser Leben spenden. Hymnisch besang er beim Anblick einer schönen märkischen Kirche, dass "der Efeu, der sich bis in die Spitzbogen empor rankt" zu wissen scheint, "was er an ihr hat".

Kirchen, - die ihren ursprünglichen Auftrag, die christliche Verkündigung in die Menschen zu tragen, aus verschiedenen Gründen so heute nicht mehr wahrnehmen können, - sei es weil die Bausubstanz so stark zerfallen ist, sei es weil es zu wenige Gemeindemitglieder gibt, haben an Faszination und Anziehungskraft nicht eingebüßt. Die Bewohner vieler Dörfer, darunter auch zahlreiche Nichtchristen haben in jüngster Vergangenheit Initiativen ergriffen, Fördervereine gegründet und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Erhaltung "ihrer" Kirche beigetragen. Sie denken dabei auch darüber nach, das Kirchengebäude – wenn es keine gemeindliche Nutzung mehr gibt – einer kulturellen, sozialen oder anderwärtigen gemeinschaftlichen Nutzung zu übergeben.

Diesem Ziel dient auch das Projekt "Startkapital" des Förderkreises Alte Kirchen. Im kommenden Jahr werden zehn Mal 2.500 Euro als Startkapital für neu gegründete örtliche Vereine, die sich in ihrer Satzung den Erhalt ihrer Kirche zum Ziel gesetzt haben, zur Verfügung gestellt. Die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt dieses Projekt insbesondere da, wo in erster Linie bürgerschaftliches Engagement dahintersteht.

Meine Damen und Herren,

im April diesen Jahres hat der rheinische Ortsverband Wuppertal bereits mit einem Benefizkonzert Spenden für die Kirche "St. Marien auf dem Berge" in Boitzenburg gesammelt.

Diese Kirche musste förmlich aus dem "Dornröschenschlaf" geweckt werden, denn sie war vollkommen zugegrünt, wurde freigelegt und bildet nun wieder mit dem Schloss Boitzenburg – bis 1945 Stammsitz der Familie von Arnim – ein einheitliches architektonisches Ensemble.

Der von akuter Einsturzgefahr bedrohte Kirchturm wurde auf Initiative des Fördervereins, der es schaffte, in zwei Jahren 45.000 DM Spendengelder einzuwerben, vor dem Einsturz gerettet. Die Sanierung der gesamten Kirche wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Daran beteiligen sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Oetker-Stiftung, die kirchliche Gemeinde, die Kommune, der Landkreis und das Land.

Die Tatsache, dass die Sanierungskosten die Millionengrenze erreichen werden, entmutigt uns angesichts der vielen Helfer nicht. Im Gegenteil, die Anstrengungen der vergangenen und der kommenden Jahre sichern den Erhalt dieses wertvollen Denkmals.

Das Klosterstift zum Heiligengrabe oder die St. Marien Kirche in Herzberg sind namhafte Beispiele dafür, dass öffentliche Mittel und private Spenden die Denkmalsanierung zum Erfolg geführt haben.

Die Kirchen in Brandenburg stehen stellvertretend für eine Vielzahl bedrohter Baudenkmale in den Städten und Gemeinden Brandenburgs. Der Erhalt der Kirche kann oft durch die kleinen Kirchengemeinden allein nicht sichergestellt werden. Allein die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat seit 1990 für 138 kirchliche Bauten in Brandenburg 33,4 Millionen Mark zur Verfügung stellen können. Insgesamt hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz seit 1991 über 512 Millionen Mark aus Mitteln der Fernseh-Lotterie Glücksspirale, privaten Spenden und zeitweise öffentlichen Zuwendungen für die Bewahrung bedrohter Denkmale eingesetzt.

Der Stiftung gilt mein Dank und ebenso dem Förderkreis Alte Kirchen sowie der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler.

Die Denkmalpflege ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Der Beginn des staatlichen Denkmalschutzes in Preußen ist mit dem Namen Karl Friedrich Schinkel, dem bekanntesten Baumeister des Klassizismus verbunden.

Bereits 1815 hatte Schinkel ein Memorandum verfasst, in dem er sich für die Erhaltung aller Denkmäler und Altertümer einsetzte, Verzeichnisse und Gutachten über den Zustand der Gegenstände und über die Art sie zu erhalten, forderte. Auf ihn geht auch die Anregung zurück, eine Behörde zu schaffen, der das Wohl der zu bewahrenden Gegenstände anvertraut wurde.

Eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III. verfügte deshalb, dass bei jeder wesentlichen Änderung an öffentlichen Gebäuden oder Denkmälern die Einwilligung der Oberbaudeputation eingeholt werden musste.

Ein halbes Jahrhundert später wurden die Ämter der Provinzialkonservatoren geschaffen, aus denen schließlich die heutigen Landesdenkmalämter hervorgegangen sind.

In der preußischen Geschichte von Westfalen und dem Rheinland liegen auch die Wurzeln der beiden heute bei den Landschaftsverbänden angesiedelten Landesdenkmalämter in Münster und Brauweiler. Mit ihnen gibt es seit 1990 eine sehr enge und für beide Seiten fruchtbare Kooperation mit den Denkmalbehörden in Brandenburg.

Die Situation für Denkmalschutz und Denkmalpflege war nach der Wiedervereinigung Deutschlands außerordentlich günstig. Es gab einen breiten öffentlichen Konsens darüber, dass der rapide zunehmende Verfall und Verlust historischer Bausubstanz in Ostdeutschland nur durch eine gezielte Politik gestoppt werden konnte. Auch bei dem 1991 verabschiedeten brandenburgischen Denkmalschutzgesetz, das erste in den ostdeutschen Ländern, haben wir stark von den Erfahrungen und der intensiven Beratung aus Nordrhein-Westfalen profitiert.

Über 65.000 Denkmale sind im Land Brandenburg zu schützen und zu bewahren und wir haben in den vergangenen Jahren hier schon beachtliches geleistet.

Die sanierten Denkmale sind dabei oft die sichtbaren Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft geworden, gerade auch in den ländlichen Regionen. Dort spielen die Kirchen eine besondere Rolle. Ihre Sanierung hat in vielen Orten die Gemeinschaft der Bürger gestärkt und Christen wie Nichtchristen im gemeinsamen Tun zusammengebracht. Schon deshalb brauchen wir die alten Kirchengebäude unabhängig von der Menge der Kirchensteuerzahler.

Meine Damen und Herren,

wir wissen, die Denkmalpflege kann nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen werden. Deshalb bleibt Denkmalpflege eine Aufgabe des Staates.

Der Modernisierungsdruck, der auf den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts lastet, fordert unsere Bereitschaft auch zur Bewahrung. Damit erhält der Denkmalschutz eine besondere Bedeutung. Weil wir uns den Anforderungen der Globalisierung stellen müssen, wird die Standortfrage für die Regionen immer wichtiger. Die Regionen ziehen ihre charakteristischen Besonderheiten aus ihrer Geschichte, aufgrund überlieferter kulturhistorischer Zeugnisse und aus den Denkmälern.

Gerade in Ostdeutschland geht es um den Erhalt und die Wiedergewinnung historischer Stadtkerne und der damit einhergehenden Identitätsstiftung für Städte und Regionen. Das hat auch mit dem Stolz der dort lebenden Menschen zu tun. Wo sie sich wohl fühlen und Arbeit haben, bleiben sie.

Denkmalschutz und Denkmalpflege sind demnach auch ein Wirtschaftsfaktor, obwohl sich reine Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen verbieten.

Man kann nicht die Frage nach ökonomischen Kennziffern stellen und nach Rentabilität fragen, wenn der Turm einer Dorfkirche vor dem Einsturz bewahrt wird. Vielleicht wäre sonst die Dorfkirche unwiederbringlich verloren!

Auch die mühevolle, aufwändige und natürlich auch kostspielige Restaurierung der Ausmalung eines Kirchengewölbes entzieht sich effizienten Verwertungsmechanismen.

Aber die Bewahrung eines Denkmals kann nachhaltig zur Wiederbelebung eines Ortes führen, wirkt sinnstiftend, hat Anziehungskraft auf einen sich entwickelnden Tourismus.

Diese sichtbaren wirtschaftlichen Effekte der Denkmalpflege haben positive Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen, auf die Bauwirtschaft und auf das Handwerk. Für die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen in kleinen und mittelständischen Unternehmen hat sie große Bedeutung. Drei Viertel aller Baumaßnahmen in der Denkmalsanierung erbringen ortsansässige Unternehmen. 90% der Mittel für die Erhaltung von Denkmalen erhält das Handwerk. Schon mit 10.000 DM öffentlicher Mittel wird ein Arbeitsplatz im Baugewerbe oder Handwerk für ein Jahr gesichert. Denkmalpflege ist besonders personal- und deshalb kostenintensiv. Darum wird sie auch in Zukunft in Ostdeutschland nicht ohne Geld auskommen.

Bei allen Sparzwängen darf nicht der Ast abgesägt werden, auf dem wir sitzen. Im Land Brandenburg bemühen wir uns um eine Neuregelung der Denkmalförderung, z.B. durch die Einrichtung eines Denkmalfonds.

Es bleibt unsere gemeinsame Aufgabe, an der Erhaltung der Denkmale in Ostdeutschland zu wirken und gerade in den Bemühungen nicht nachzulassen, die vielen immer noch gefährdeten Kirchen zu retten.

Ich bitte Sie, auch Ihre persönlichen Bemühungen nach Kräften fortzusetzen.

Ich danke den engagierten Vereinsmitgliedern des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege.

Ich kehre mit dem Wissen nach Brandenburg zurück, dass sich Menschen hier in Westdeutschland mit uns gemeinsam um unser Kulturgut sorgen und nicht nachlassen, an seiner Erhaltung mit beizutragen.


 
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