Getretene Orgeln

Um die großen Tasteninstrumente in Brandenburg sieht es traurig aus

 Orgelhandbuch Brandenburg
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Nun wird sie zwar die Königin unter den Instrumenten genannt, aber die erlauchte Orgel fristet dennoch in Brandenburg ein zum Teil jämmerliches Dasein. Von den insgesamt rund 1800 existierenden Werken im Land ist etwa die Hälfte kaum bis gar nicht mehr spielbar.

Wen stört's, könnte man sarkastisch fragen. Abgesehen von den Gemeinden und Orgelfachleuten scheint sich ohnehin kaum jemand für den schleichenden Verfall zu interessieren. Dabei liegt gerade in den historisch wertvollen Orgeln eine große Chance für die Region. Das Schlagwort heißt "Kulturtourismus" - ein Wort, das bei entsprechender Umsetzung für so manches kleine brandenburgische Dorf, das heute noch ein farbloser Punkt auf der Landkarte ist, morgen ein Segen werden könnte. Denn wer zur Orgel reist, um sie im Konzert zu hören oder auch nur zu betrachten, der schaut sich vermutlich auch die Kirche und die Gegend an, kehrt gelegentlich im Gasthof ein und möchte vielleicht sogar im Ort übernachten.

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat der Organist und Orgelforscher Wolf Bergelt schon 1989 unternommen, als er in seinem Buch "Die Mark Brandenburg - eine wiederentdeckte Orgellandschaft" erstmalig auf die "klingenden Schätze" aufmerksam machte. Jetzt haben er als Herausgeber und Hannes Ludwig als Autor mit dem 1. Band über die westliche Uckermark die systematische Aufarbeitung der Orgellandschaft im Rahmen eines Komplettinventars der Orgeln Brandenburgs in Angriff genommen. Geplant sind insgesamt 15 Bände, die in Wort und Bild ausnahmslos jede vorhandene Orgel im Land Brandenburg in den heutigen politischen Grenzen darstellen, der Übersichtlichkeit wegen aufgeteilt nach Landkreisen.

Im Unterschied zu anderen Darstellungen gibt es zu jeder Orgel eine Farbabbildung, eine Disposition des Werkes und einen Text zur Historie. Laut Wolf Bergelt richtet sich das "Orgelhandbuch" an Fachleute und Laien, denn es gestattet nicht nur einen Vergleich verschiedener Werke, Erbauer und Orte, es liefert auch genaue Quellenangaben und Daten für tiefergehendes Interesse.

Aus den erfassten Daten lässt sich erschließen, dass sich in Brandenburg seit Beginn des 18. Jahrhunderts eine eigenständige Orgellandschaft herausbildete.

"Im 18. Jahrhundert taucht hier Joachim Wagner auf, der sich in Berlin niederließ und plötzlich die Orgellandschaft Brandenburgs auf eine ganz neue Weise mit innovativem Geist zu prägen beginnt", sagt Wolf Bergelt. Nicht nur er selbst baute Orgeln, die eine ganz eigene Sprache sprechen, sondern auch seine Schüler, die seine Werke fast im selben Geiste wie er gebaut hätten. "Und von diesem Moment an gibt es etwas typisch Märkisches. Das sieht man an einzelnen Registerformen, an bestimmten Registernamen, die beibehalten werden, oder an der Dispositionseigenart", so Bergelt.

Das Titelbild des ersten Orgelhandbuch-Bandes zeigt die letzte nahezu original erhaltene Orgel des Wagner-Schülers Johann Peter Migendt in Ringenwalde. Seit Jahren sammelt der eigens zur Rettung der Orgel gegründete Förderverein Gelder für die Restaurierung des maroden Werkes. Von öffentlicher Seite fließen die Mittel nur spärlich und wenn, dann auf umständlichen bürokratischen Wegen, so dass der Verein auf private Spenden und Sponsoren angewiesen ist. Man stellt sich die Frage, wer schneller ist: der Zahn der Zeit oder die Retter der Orgel.

Die Restaurierung einer kleinen, einmanualigen Orgel wie dieser kostet etwa 125 000 Euro, bei größeren Werken kommt man schnell in die Dimension von einer Million. Undenkbar für eine kleine Gemeinde wie Ringenwalde. Insgesamt hat Bergelt Kosten in Höhe von 44 Millionen Euro ermittelt, würde man Brandenburgs Orgeln komplett restaurieren wollen. Ein hoher Betrag, aber gemessen an dem historischen Wert, der mit den Orgeln verschwinden würde, ein denkbar kleiner.

Wolf Bergelt (Hrsg.): Orgelhandbuch Brandenburg. Band 1: Hannes Ludwig, Uckermark (Westteil), freimut & selbst, 39,80 Euro.

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