Für eine Ethik des Aufgebens

Die Theologie der Kirchenschließung angesichts der rückläufigen Entwicklung

Von Johann Heinrich Claussen

Es ist seltsam, wie wenig die öffentliche Wahrnehmung der beiden großen Kirchen mit ihrer wirklichen Lage übereinstimmt. In den Medien gibt die evangelische Kirche das übliche Bild ab: eine traditionsvergessene Institution, die nicht mehr an sich selbst glaubt und den Weg der sogenannten Selbstsäkularisierung bis zum bitteren Ende geht. Die katholische Kirche dagegen erfährt mächtigen medialen Aufwind, und zwar gerade weil sie sich als direktes Gegenbild zur kapitalistischen Spätmoderne präsentiert: archaisch, traditionstreu, heilig, prächtig. So weit, so oberflächlich.

Betrachtet man ein zentrales Thema des Kirchenalltags, der ohne Sakroevents auskommen muß und vom Feuilleton-Katholizismus kaum beachtet wird, dann stellt sich die Lage anders dar. Die Rede ist von Kirchenschließungen. Dieses Thema beleuchtet wie kein anderes die religiöse Lage in Deutschland und wirbelt die üblichen Klischees durcheinander scheinbar gegen jede theologische Logik.

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia hält einen sehr aufschlussreichen Artikel über "Kirchenschließungen" bereit, erstaunlich gut recherchiert. Gerade weil er einseitig an der katholischen Kirche interessiert ist, kann er die üblichen Wahrnehmungsmuster auf den Kopf stellen. Man hätte gedacht, daß vor allem die Protestanten ihre Kirchen abreißen, verkaufen oder umnutzen. Bei Wikipedia bekommt man aber den genau entgegengesetzten Eindruck. Seitenweise werden Kirchen aufgeführt, die von der katholischen Kirchenleitung geschlossen oder zur Disposition gestellt wurden. Nur ganz am Schluß werden einige evangelische Kirchen hinzugefügt. Das Verhältnis zwischen katholischen und evangelischen Kirchen auf dieser Abschussliste ist ungefähr eins zu zehn.

Zwar hatte Karl Kardinal Lehmann unlängst erklärt, daß der Anteil von Kirchengebäuden, die nicht mehr für den Gottesdienst benötigt würden, unter drei Prozent liege. Doch der Blick auf einzelne Bistümer weist in eine andere Richtung. Im Bistum Aachen schätzt man, daß etwa 120 Kirchen und Kapellen aufgegeben werden, im Bistum Essen sind es mehr als einhundert Kirchen, das heißt gut ein Drittel. Das Erzbistum Hamburg hat beschlossen, die Zahl der Gemeinden zu halbieren. Zunächst nur eine Entscheidung über die Struktur der Gemeindearbeit, wird dies doch erhebliche Folgen für die Anzahl der verbleibenden Kirchengebäude haben.

Bedrohte Sakralität

Die evangelische Kirche macht einen sehr viel zögernderen Eindruck. Dabei steht sie unter dem gleichen Entscheidungsdruck. In Hamburg wurden nach dem zweiten Weltkrieg ebenso viele Kirchen gebaut wie in allen Jahrhunderten zuvor. Der Rückgang der Kirchensteuermittel und der demographische Wandel zwingen die Gemeinden dazu, sich zusammenzuschließen und Kirchengebäude aufzugeben. Doch bisher ist dies nur in etwa einem Dutzend Fällen geschehen. Die Gegenüberstellung verblüfft.

Eigentlich würde man erwarten, daß in dieser Frage die katholische Kirche zurückhaltender und die evangelische Kirche entschlossener handeln würde. Denn für die katholische Theologie sind Kirchen heilige Räume, durch die weihe sakrosankt und dem profanen entzogen. Für die evangelische Theologie dagegen sind Kirchen bloße Funktionsräume, nicht heilig an sich, sondern allein deshalb von religiöser Bedeutung, weil sich in ihnen Menschen zum Gottesdienst versammeln. Deshalb müsste sich die katholische Kirche eigentlich besonders verpflichtet fühlen, ihre Sakralbauten zu erhalten, während die evangelische Kirche in der Lage sein sollte, sich leichteren Herzens von Ihnen zu trennen. Doch offenkundig hat die Theologie wenig Gewicht, wenn es um die Lösung praktischer Probleme geht.

Ein Grund für das unterschiedliche Verhalten der beiden Kirchen liegt natürlich in ihrer gegensätzlichen Organisationsform. Katholische Kirchenführer können ihre Planungen relativ unbedrängt umsetzen. Aber evangelische Kirchengemeinden besitzen große rechtliche Eigenständigkeit, niemand kann gegen ihren Willen ein Kirchengebäude schließen. Die evangelische Kirchenleitung muß also in mühseliger Gremienarbeit einen Konsens suchen, wo es nur selten Konsens gibt.

Man sollte aber auch nicht den Fehler begehen, in Kirchenschließungen den Schwerpunkt kirchlicher Arbeit zu sehen. Dies ist immer noch die Erhaltung von Kirchen. Wie keine andere Großinstitution in Deutschland halten die Kirchen jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen an ihren Standorten fest. Auf dem Land sind Kirche und Pfarrhaus meist die letzten intakten öffentlichen Gebäude, Bahnhof, Post, Bankfiliale und Schule sind längst geschlossen. Aber die Kirche ist geblieben, eine Leistung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Bischof Wolfgang Huber hat jüngst dafür plädiert, dass die Erhaltung er Kirchen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen solle und beliebige Umnutzungen zu vermeiden seien (F.A.Z. vom 16. November). Wegen kurzfristiger ökonomischer Vorteile solle man keine Kirche aufgeben. Das ist schon ökonomisch nicht sinnvoll, da die Aussicht, durch den Verkauf einer Kirche den Gemeindehaushalt zu sanieren, gering ist. Denn die Verwertung von Kirchengebäuden ist extrem schwierig.

Aber die Regel kann nur überzeugen, wenn sie Ausnahmen zulässt, diese sind unerlässlich. Die Kirchen in Deutschland werden in dreißig Jahren ein Drittel ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Einnahmen verloren haben, vor allem durch die demographische Entwicklung und die Veränderungen im Steuersystem. Für die katholische Kirche kommt noch ein Sonderproblem hinzu: der Priestermangel. Mit schwindendem Personal wird man die Vielzahl der Kirchen nicht mehr versorgen können.

Nichts ist problematischer, als eine Regel aufzustellen, ohne Ausnahmen zu definieren. Das führt direkt in die Beliebigkeit: In der Theorie gibt man sich anspruchsvoll, in der Praxis aber handelt man irgendwie. Was also benötigt wird, ist eine kleine Theologie der Kirchenschließung. Hier haben beide Kirchen Defizite. Die katholische Kirche hat eine hohe, aber anscheinend folgenlose Theologie des heiligen Raums. Und wie unschlüssig die protestantische Theologie den eigenen Sakralbauten gegenübersteht, kann man in der Dissertation von Tobias Woydack nachlesen: "Der räumliche Gott. Was sind Kirchengebäude theologisch?" (Kirche in der Stadt, Bd. 13, EB-Verlag, Hamburg 2005). Auf die Frage, welche Kirchengebäude man mit guten theologischen Gründen aufgeben kann, gibt es keine eindeutige Antwort, aber immerhin Ansatzpunkte dafür.

Der erste ist ein ethischer. Es gibt nicht nur eine Ethik des Bewahrens, sondern auch eine Ethik des Aufgebens. Resignation kann durchaus eine christliche Tugend sein: die Fähigkeit, eigene Schwächen nüchtern einzusehen. Wenn die Kirchen allerdings mit ihren eigenen Sakralbauten achtlos umgehen, senden sie eine fatale "Gegenbotschaft" (Wolfgang Huber) an die Öffentlichkeit. Aber welche Botschaft verbreiten sie, wenn sie starr an im tieferen Sinn "nutzlosen" Immobilien festhalten? Die Kirchen kommen nicht umhin, sich in der Kunst des verantwortungsvollen Verarmens zu üben. Eine ihrer großen Zukunftsaufgaben lautet: weniger haben, weniger werden, ohne sich aufzugeben.

Diese Ethik des Aufgebens hat aber auch eine spirituelle Seite. Zur Aufgabe gehört der Abschied. Er ist immer mit starken Empfindungen verbunden: von Empörung bis Ermattung, von Wut bis Trauer. Ihnen in einem öffentlichen Ritus Ausdruck zu verschaffen und sie zugleich religiös zu verwandeln ist eine große theologische Herausforderung. So makaber es klingen mag: Hier leisten die Kirchen etwas, was keine andere Großinstitution wagen würde. Sie machen ihren Standort nicht einfach dicht, sondern besiegeln ein Ende.

Nutzen der Kirchensteuer

Zur Theologie der begrenzten Kirchenschließung gehört schließlich eine religiöse Raumästhetik. Welche Kirchengebäude eröffnen Zugänge zu einem "räumlichen Gott"? Gewiß nicht viele der bewusst antisakralen Gemeindehäuser der siebziger Jahre. Auch wenn Architekturhistoriker die Unwiederbringlichkeit der Betonmoderne belegen, muß man feststellen, dass viele Kirchenbauten der Nachkriegszeit in religiös-ästhetischer Hinsicht erfolglos geblieben sind. In dreißig, vierzig Jahren ist es ihnen nicht gelungen, die Gemeindeglieder und die Bevölkerung für sich zu gewinnen, wie an der Anzahl der Taufen und Trauungen abzulesen ist. Diese Kirchen geben nur sehr schwache Impulse für religiös-ästhetische Erfahrungen.

Ein vierter Aspekt betrifft die doppelte soziale Funktion einer Kirche. Sie muß der räumliche Mittelpunkt einer Kirchengemeinde sein, aber auch ein Kristallisationspunkt der städtischen Umgebung. Manchen der vielen Gemeindeneugründungen seit dem neunzehnten Jahrhundert haben nicht, wie gewünscht, größere Nähe erzeugt, sondern Parzellierung und Zersplitterung. Wer die soziale Funktion von Sakralbauten stärken will, kommt an der Überlegung nicht vorbei, ob vor allem in Großstädten nicht manche Filialbildung rückgängig gemacht werden müßte.

Kirchen sind immer noch Gebäude, die einem Lebensraum eine Mitte, ein Gesicht und ein Profil geben können. Sie zu erhalten, ist darum nicht nur eine Frage an die Kirchenleitungen, sondern an alle Bürger. Das effektivste Mittel ist immer noch die vielgeschmähte Kirchensteuer, denn langfristige Kosten lassen sich nur selten durch Spenden decken. Daß Deutschland etwa im Vergleich zu Holland so gut dasteht, ist das Verdienst der westdeutschen Kirchensteuer, denn in Ostdeutschland kommt wenig durch Kirchensteuern zusammen. Dafür gibt es ein erstaunliches Engagement der Bevölkerung. In nicht wenigen ostdeutschen Dörfern haben erstaunliche Allianzen Pastoren, PDS-Bürgermeister, Dorfbewohner, Künstler und Hoteliers die Erhaltung von Kirchen möglich gemacht, deren Schließung für alle ein Verlust gewesen wäre.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Dezember 2005

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