DIE KERZENDORFER KIRCHE IST LANGE NICHT SO ALT WIE SIE AUSSIEHT

Orgelpfeifen für Brot und Speck

MARGRIT HAHN

Kerzendorfer Kirche

KERZENDORF Ein hübsches Dorf, ein Sackgassendorf: Eine schöne Lindenallee führt hinein und direkt auf den Anger zu. Dort verhält der Ankommende den Schritt. Die Kirche fesselt den Blick. Sie unterscheidet sich ganz wesentlich von den anderen in den Nachbardörfern. Sie demonstriert Macht, auch Reichtum.

Das rechteckige Langhaus, grau verputzt, erhält sein Licht durch eine Reihe rundbogiger Fenster. Etwas eingerückt liegen sie zwischen Säulen - offensichtlich Sandstein -, die dem Bau einen etwas byzantinischen Charakter verleihen. Sie setzen sich im Turm bis hinauf zum Glockenstuhl fort, etwa wie Ketten um einen Hals. Ausschlaggebend dürfte der Gedanke gewesen sein, das Aussehen der 1897 vom Architekten Hoffacker entworfenen und errichteten Kirche in die Zeit der Romanik zu versetzen. Nicht überliefert ist, dass der Bauherr - der Berliner Bankier Schwabach, Jude christlichen Glaubens - ein wenig auch an eine Synagoge hat erinnern wollen.

Immer war das Gedeihen der Gotteshäuser, das kirchliche Leben selbst von der jeweiligen Herrschaft bestimmt. Das war in Kerzendorf nicht anders. Jedoch setzt die Historie viel früher ein. Zuerst erfährt man von Kertzindorff, als 1413 ein Herr von Torgow, ein Sachse aus dem Bistum Meißen, die Herrschaft von den Hohenzollern erhält. Das halbe Dorf mit allen Gerechtsamen, die dazu gehörten, besitzt am Anfang des 16. Jahrhunderts Otto von Schlieben. Da kommt uns die Sache schon bekannt vor. Namen tauchen auf, denen man auf dem Teltow immer wieder begegnet.

Steinerner Zeuge alter Besitzer

1523 geht eine Hälfte an Hans von Schlabrendorf auf Schloss Beuthen, der andere Teil gehört von Zicker. Dieser Besitz wechselt 1677 zu Melchior Heinrich von Thümen auf Stücken. Aber dann gehört alles zusammen wieder den Schlabrendorfs auf Siethen. Doch es sind schlimme Zeiten, und das Wirtschaften liegt auch nicht jedem. 1756 kauft der Geheime Etatsminister und Oberhofmeister von Dorville die ganze Besitzung. Während uns seine Vorgänger über die Archive bekannt werden, haben wir ihn nun höchstselbst, besser gesagt seinen steinernen Zeugen in Kerzendorf.

Von allem, was aus den frühen Jahren zurückgeblieben war und verschwand, ist im eingezogenen Chor der Kirche seine steinerne Grabplatte aufbewahrt. Sie dokumentiert das Grabmal von Johannes Ludovicus le Duchat de Dorville, der von 1714 bis 1770 gelebt hat. Also hat er sich nur 14 Jahre des Besitzes erfreuen können. Die Inschrift, die sein Sohn hat einmeißeln lassen, zeigt einen gerafften Vorhang, der von drei Putten gehalten wird. Darunter sind ein Doppelwappen und ein Totenkopf zu sehen.

Immer sind die Herrschaften alle wohl gottesfürchtige Leute gewesen. Denn schon um 1450 heißt es, habe der Pfarrer zwei freie Hufen besessen. Wo ein Pfarrer ist, muss auch eine Kirche gewesen sein. Ein nachgelassenes Temperabild zeigte einen kleinen verputzten Feldsteinbau mit eingezogenem Chor und abgesetztem Satteldach. Die Fenster waren rundbogig, die Türen rechteckig. Der verbreiterte Turm an der Westfront endete in einem Zeltdach. So bot sich das Bild der Kirche in Dorvilles Sterbejahr 1770 inmitten des Friedhofs dar.

Wie gut, dass Dörfer immer bleiben müssen, wo sie sind. Was für ein Chaos entstünde, würden sie ihren Platz so schnell wechseln wie ihre Besitzer. Dem Oberhofmeister folgten die von Medem, von Quistorp und Hans Valentin Friedrich Graf von Königsmark. Im 19. Jahrhundert strebten die zu Wohlstand gelangten Bürger danach, wie der Adel und besser zu leben.

Neues Gotteshaus am alten Platz

Deshalb hat Bankier Schwabach Gut und Schloss Kerzendorf erworben. Vom Schloss ist außer einigen restlichen Steinen seit dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr geblieben. Nur das vor sich hin rostende schmiedeeiserne Parktor knarrt noch ein wenig, wenn wer versucht es zu bewegen. Der letzte Schwabach hat es nicht über sich gebracht, rechtzeitig, ehe die braune Pest über Deutschland kam, die angestammte Heimat zu verlassen. Das ist jedoch schon wieder eine andere Geschichte.

Als der Bankier Kerzendorf zu seiner Residenz erkoren hatte, ließ er die alte marode Dorfkirche abreißen, eine neue am gleichen Platz errichten, wie sie bis auf den heutigen Tag erhalten ist. 105 Jahre sind kein Alter für eine Kirche. So gibt sie sich in ihrem Äußeren spätromanisch, so ist sie nicht so alt wie ihre Architektur vorgibt.

Geht man durch das hohe Eichentor mit den geschmiedeten Beschlägen - solide Handwerksarbeit - gelangt man in einen Vorraum. Noch eine ebenso gewichtige Tür. Erst dann steht man in einem schlichten Kirchenschiff. Die Decke ist hier ein Tonnengewölbe aus dunklem Holz. Lediglich ein stilisierter grüner Blätterkranz, mit den Jahren nachgedunkelt, bildet einen einfachen Schmuck.

Keine Spur mehr vom Altar der Entstehungszeit mit geschnitzten Akanthuswangen. Einfach steht der aus Ziegeln gemauerte Altar jetzt im Raum. Einfach, modern darauf ein Kreuz aus Messing und dazu passend zwei Leuchter.

Dahinter an der Wand die Darstellung einer Krone aus hellem Holz. Sie steht für Jesus Christus, den die Bibel auch König und Herrscher nennt, wie er auch in Chorwerken von Bach besungen wird. Diese Wand ist jüngeren Datums. Zuvor war hier der Blick in den Chorraum frei auf die drei hohen Fenster und vielleicht durch sie hindurch ins Grün der Bäume. Zugemauert ist nun ein kleiner, sogar beheizbarer Raum entstanden. Ein Platz für Gottesdienste im Winter und andere kirchliche Ereignisse.

Die Orgel auf der Empore über dem Eingang ist den Weg alles Irdischen gegangen, vielleicht schlimmer. Die Orgelpfeifen aus Buntmetall galten nach dem Zweiten Weltkrieg als begehrtes Äquivalent für Brot, Speck, Schuhe oder was immer jemand dringend nötig hatte.

Vom Turm ruft die Glocke die Gläubigen zur Andacht, zur Hochzeit, Taufe oder gar einen der Ihren zur letzten Ruhe zu betten. 14./15. Jahrhundert wird als die Zeit angegeben, da sie gegossen worden ist. Eine letzte Zeugin der Vergangenheit?

 

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