Die Kirche im Dorf

Märkische Gotteshäuser laden zu Konzerten, Lesungen und Besichtigungen ein

VON BERND JANOWSKI

Altarretabel in Alt Krüssow
Altarretabel in der ehemaligen Wallfahrtskirche Alt Krüssow (Landkreis Prignitz): Anna Selbdritt, die Mutter Mariens, mit Maria und JesusknabeGroßbildansicht

Im Jahre 1619 also mehr als ein halbes Jahrhundert nach Einführung der Reformation in Brandenburg erhielt die Dorfkirche in Drahnsdorf (Landkreis Dahme-Spreewald) einen neuen Altaraufsatz, gefertigt von Malermeister Böttger aus Beeskow. Vom neuen Selbstbewusstsein der lutherischen Gemeinde kündet die Inschrift: "Oh, Gott die Kirch und den Altar, behüt allzeit für aller Gefahr ... Treib davon ab die Romanisten, die Jesuiten und Calvinisten. Denn dieser Altar geheiligt ist unserm Erlöser Jesu Christ."

Das klingt erst einmal recht unfreundlich gegenüber den "Andersgläubigen". Trotzdem wurde die geschnitzte "katholische" Madonnenfigur von 1440 in den Mittelteil des Drahnsdorfer Altars aufgenommen und blieb so bis heute erhalten.

Nachdem Kurfürst Joachim II. 1539 in der Spandauer Nikolaikirche das evangelische Abendmahl genommen hatte und damit die Reformation in Brandenburg Einzug hielt, fand kein Bildersturm statt. Nicht die überkommenen Darstellungen an sich, sondern ihr Missbrauch wurde abgelehnt. Und um den zu verhindern, kam es sogar vor, dass man den weiblichen Heiligenfiguren mit grobem Pinsel einen Vollbart verpasste und sie in Apostel verwandelte in welcher Form sie bis heute erhalten sind.

Erst Änderungen im lutherischen Gottesdienst brachten schrittweise Umbauten im Kirchenraum mit sich: Ein festes Gestühl kam in den Kirchenraum, nachdem die heilige Messe bisher stehend gefeiert wurde. Durch die Aufwertung der Predigt erhielt die Kanzel eine größere Bedeutung und es entstanden Kanzelaltäre, die der gewachsenen Bedeutung des Wortes Rechnung trugen. In der Zeit des Barock hielten, wohl auch aus Platzmangel, schwebende Taufengel Einzug in die Kirchenräume, die über eine Rollenvorrichtung herabgelassen und nach dem Taufvorgang wieder in Richtung Kirchendecke entschweben konnten.

In den brandenburgischen Dörfern sind es fast nur noch die Kirchen, die uns Geschichte(n) aus vergangenen Jahrhunderten bildlich vor Augen führen. Es lohnt sich deshalb, den Wochenendausflug mit Spaziergängen im Wald, Mittagessen im rustikalen Landgasthof und Fitnessprogramm auf dem Reiterhof einmal in einer Dorfkirche zu unterbrechen. Die mächtigen Feldsteinmauern atmen Vergangenheit. Die meist kargen Böden in der Mark machten weder die Bauern noch die Gutsbesitzer reich, für regelmäßige Neuanschaffungen in der Kirchenausstattung fehlte das Geld Armut ist ein guter Konservator.

So ist es zum Beispiel erstaunlich, dass in den kleinen uckermärkischen Dörfern Wartin, Felchow und Sternhagen Instrumente des bedeutendsten märkischen Orgelbauers zu Zeiten des Barock, Joachim Wagner, erhalten blieben. In Ringenwalde steht die einzige erhaltene Orgel seines Schülers, Johann Peter Migendt. Zumeist bedürfen die Instrumente nach Jahrzehnte langer Vernachlässigung jedoch dringend einer Restaurierung.

Überhaupt ist der Sanierungsbedarf im Bereich der Dorfkirchen, wie überhaupt der ländlichen Denkmale, immens. Bei einer Arbeitslosenquote von 20 30% wandern Teile der Jugend ab, neben den Kommunen schrumpfen auch die Kirchengemeinden. Die bauliche Erhaltung der Gebäude wird dadurch nicht leichter.

Um auf die Vielfalt und den Reichtum, zugleich aber auf die bauliche Gefährdung der märkischen Gotteshäuser aufmerksam zu machen, hat der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg jetzt bereits zum vierten Mal eine Broschüre mit dem Titel "Offene Kirchen 2003. Brandenburgische Dorfkirchen laden ein." herausgegeben. Neben dem umfangreichen Programmteil mit Öffnungszeiten, Adressen und Telefonnummern sind hier zahlreiche Artikel, u.a. über die Technik des Feldsteinbaus, über gotische Wandmalereien in die Niederlausitz oder über mittelalterliche Schnitzaltäre zu finden.

Das Heft will zum Besuch in den brandenburgischen Dorfkirchen ermuntern, sei es bei Konzerten, Lesungen, Theateraufführungen oder einfach nur, um für eine halbe Stunde der Hektik des Alltags zu entfliehen. Gleichzeitig möchte es dazu beitragen, das für kommende Generationen zu bewahren, was die Reformation überdauerte, Kriege überstand und die Gleichgültigkeit kirchenfeindlicher Gesellschaften.

Wie sagt man in Brandenburg? "Die Kirche soll im Dorf bleiben."

 

AUSFLUG

 Nikolaikirche Bandenburg

Kath. Kirche St. Nikolai, Brandenburg an der Havel

Ursprünglich entstand der Bau wahrscheinlich als Pfarrkirche der seit 1249 an die Brandenburger Altstadt angeschlossenen Marktsiedlung Luckenberg. Die spätromanische, dreischiffige Backsteinbasilika ist eine der frühesten Backsteinkirchen der Mark Brandenburg. Nach wechselhaftem Schicksal wird der anspruchsvolle, vermutlich mit markgräflicher Förderung entstandene Kirchenbau seit 1990 von der katholischen Gemeinde der Stadt Brandenburg genutzt und wurde nach langjährigem Leerstand und Verfall umfassend restauriert. Bedeutendste Ausstattungsstücke sind ein Triumphkreuz aus dem 16. Jh. sowie ein ungewöhnlicher Taufstein des 12. Jahrhunderts, letzterer eine Leihgabe aus Bügel am Rhein.

St. Nikolai Brandenburg: Sa. und So. 15-17 Uhr geöffnet, ansonsten Anmeldung im Pfarramt, Neust. Heidestr. 25, Tel. (0 33 81) 2 80 93

 Klosterkirche St. Marien Neuzelle

Kath. Klosterkirche St. Marien, Neuzelle

Bereits 1268 gründete Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen zum Gedächtnis an seine verstorbene Gemahlin das Zisterzienserkloster Neuzelle. Die ehemalige Klosterkirche St. Marien, seit 1817 als katholische Pfarrkirche genutzt, wurde, nach Verwüstung im dreißigjährigen Krieg, im 17. und 18 Jahrhundert grundlegend umgestaltet und erhielt die noch heute faszinierende üppige Ausstattung des Hochbarock. Das Gotteshaus ist der bedeutendste Kirchenbau der Niederlausitz; die prächtige, unter böhmisch-schlesischem Einfluss entstandene Barockanlage in Brandenburg einzigartig. Die ehemalige Klausur wir heute von einem deutsch-polnischen Gymnasium genutzt.

Klosterkirche St. Marien Neuzelle (Landkreis Oder-Spree): Mo. Bis Fr. 10-12 und 14-16.30, Sa. 11-12 und 14-16, So. 11-12 und 13-16 geöffnet. Anmeldungen im Kath. Pfarramt, Tel. (03 36 52) 2 82 oder über die Tourismus-Information, Tel. (03 36 52) 61 02

 Dorfkirche Paretz

Evang. Dorfkirche Paretz

Das Dorf Paretz mit Schloß, Park, Wirtschaftsgebäuden und Bauerngehöften wurde vom preußischen Landbaumeister David Gilly d. Ä. als Sommersitz für König Friedrich Wilhelm III. und dessen Ehefrau Luise neu angelegt. In dieser Zeit wurde auch die im Kern mittelalterliche Kirche umgebaut und es entstand einer der frühesten neugotischen Kirchenbauten in Brandenburg. Im Innenraum sind Reste mittelalterlicher Wandmalereien und herausragende Glasmalereien in den Fenstern zu besichtigen. Eine Gedenktafel von J.G. Schadow erinnert an den frühen Tod der Königin Luise.

Dorfkirche Paretz (Landkreis Havelland): Täglich 10-18 Uhr geöffnet, Schlüssel und Anmeldung im ehem. Pfarrhaus gegenüber der Kirche beim Verein Historisches Paretz, Hr. Marr, Tel. (03 32 33) 8 07 47

 Heilandskirche Sacrow

Evang. Heilandskirche Sacrow

Die malerisch am Nordufer des Jungfernsees gelegene Sacrower Heilandskirche schuf der Architekt Ludwig Persius, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Male jährt. Vorlage war eine romantische Ideenskizze König Friedrich Wilhelms IV.. Das Bauwerk fügt sich phantastisch als Blickpunkt mehrerer Sichtachsen in die von Lenné gestaltete Havellandschaft. Nachdem die Heilandskirche nach 1961 im Grenzstreifen stand und mutwillig beschädigt wurde, konnte sie in den vergangenen Jahren restauriert werden. Auch der einheitliche Gesamteindruck des Innenraums konnte, teils durch Rekonstruktion, wiederhergestellt werden.

Heilandskirche Sacrow (zu Potsdam): Von Mai bis Oktober Di. bis So. von 11-18 Uhr geöffnet.

 

KUNST IN KIRCHEN

Benefizkonzert des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg für die Sanierung Uckermärkischer Dorfkirchen

Die Akademie für Alte Musik, Berlin spielt Werke von Carl Heinrich Graun und Johann Gottlieb Graun, am 24. Juni um 19.30 Uhr in der Dorfkirche Mühlenbeck (bei Berlin-Pankow)

Ausstellung: Gefährdete Schönheit. Dorfkirchen in der Uckermark.

Die Foto-Ausstellung im Gutshaus Felchow (Landkreis Uckermark) ist vom 5. Juni bis zum 30. Juni täglich von 9-17 Uhr geöffnet. Zur Eröffnung am 4. Juni gibt es um 19 Uhr einen Vortrag von Andreas Kitschke über "Die Orgeln Joachim Wagners"

Theater in Kirchen

Das Atelier Startbrett spielt "Der eingebildete Kranke" von Moliére.

Aufführungen u.a.

So., 8. Juni um 16 Uhr, Heilandskapelle Frankfurt/Oder

Sa., 14. Juni, Dorfkirche Wulkow (bei Neuhardenberg)

So., 29. Juni, Dorfkirche Küstrinchen (bei Lychen)

Der Eintritt ist jew. frei. Um Spenden für die Erhaltung der Kirchengebäude wird gebeten.

2. Ringenwalder Musiktage / Konzerte anlässlich des 300. Geburtstages des Orgelbauers Johann Peter Migendt

Sa., 31.05. um 17 Uhr Geistliche und weltliche Lieder und Kantaten des Barock

So., 01.06. um 15 Uhr Virtuose Raritäten des Barock

Künstlerische Leitung: Armin Thalheim; Dorfkirche Ringenwalde (bei Joachimsthal)

1. Juni, 16 Uhr Dorfkirche Zieckau (b. Luckau)

"An die Sonne", Konzert des Chores "Camerata", Wannsee mit Werken von Schubert, Schumann und Wolf. Anschließend Kaffee und Kirchenführung.

29. Juni, 16 Uhr Dorfkirche Bornsdorf (b. Luckau)

"Flauto e Corde", Kammermusik mit Flöte, Violine und Viola. Anschließend Kirchenführung und Kaffeetafel.

6. Juli, 16.30 Uhr Dorfkirche Zernikow (b. Gransee)

"Gott, der Herr, pflanzte einen Garten in Eden..." Die Pflanzenwelt in Bibel und Koran. Vortrag und Gespräch mit Pfr. Reinhard Dalchow und Peter Anton von Arnim.

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