IN NUNSDORF HAT MAN DIE KIRCHE IMMER IM DORF GELASSEN

Der Pastor predigte einst nach der Sanduhr

ELFRIEDE STEYER

NUNSDORF So oft das Dorf in den letzten Jahrhunderten sich nach allen Seiten ausgewachsen hat, die Kirche hat man immer mittendrin gelassen. Da steht sie in strahlendem Gelb im gepflegten Friedhof ganz schlicht anzusehen. Auf der Spitze des Turms verrät die Wetterfahne das Baujahr 1765.

Genau genommen ist es das Jahr, in dem ein frühes kleines Gotteshaus abgerissen wurde und die Handwerker begannen, am alten Platz ein neues aufzurichten. Preußen unter Friedrich II. schickte sich durch den Zugewinn Schlesiens an eine Großmacht zu werden. Aber Nunsdorf war dabei im Wechsel des Kriegsglücks weitgehend zerstört worden, eben auch seine Kirche. Damals ist sie Tochterkirche von Glienick gewesen, während sie 1583 noch Filia von Schünow war.

Ein barocker Saalbau ist es mit quadratischem Turm, wie sie zu Zeiten Friedrichs, den man bald den Großen nannte, mehrere in der Region entstanden. Das Kirchenbuch verrät, dass 2757 Thaler und zwei Groschen dafür aufgewendet worden sind.

Vom Fundament der Vorgängerin ist nichts mehr zu entdecken. Der glatte Putz, drinnen in lichtem Grau, verdeckt das Ziegelmauerwerk. An der Westfront fällt das Licht durch rundbogige - und darüber eingebaute kreisrunde bleiverglaste Fenster ein. Wie der Zweite Weltkrieg im Dorf so manchen Schaden hinterlassen hat, so wurden auch die Bleiverglasungen zerstört

Drinnen wirkt alles so heimelig, dass sich die Leute gern zur Einkehr niederlassen mögen. Im Gestühl sind bis auf den heutigen Tag in gotischer Schrift die Namen derjenigen schwarz auf weißem Emaille angebracht, die hier jahraus, jahrein ihren Stammplatz gehabt haben. So mancher Familienname ist noch immer im Ort zu finden.

Von den Bänken her fällt der Blick auf den Kanzelaltar in gedämpften Farben auf dem sparsamen Schnitzwerk. Wie von einem Dach beschützt sitzt, wer die Bankreihen unter der Empore wählt, die von toskanischen Holzsäulen getragen wird. Dort wird auch zu den Gottesdiensten die Schukeorgel im schmucklosen Prospekt gespielt, die 1929 erst eingebaut worden ist.

Wer den Blick schweifen lässt, wird auf einigen der 27 Totentafeln lesen, wer wann und wodurch aus dem Dorf verstorben ist. Solche Tafeln wurden Unverheirateten gewidmet. Da war Friederike Zincke, die 1849 geboren, 1869 verstorben ist. Im gleichen Jahr verstarb ihr Bruder Johann. Seine Tafel, eine Konsole mit Säulen in Blau fiel prächtiger aus. Schließlich gehörte er dem starken Geschlecht an. Auch nur 21 Jahre alt ist Karl Präger, "des Küsters Präger Sohn" geworden. Am 18. Juni 1836 ist er als freiwilliger Gardedragoner beim Mittagessen plötzlich tot gewesen. Was mag dem Dragoner wohl im Halse stecken geblieben sein? Karoline Wilhelmine Gericke ist nur sieben Jahre gewesen, als sie der Herr zu sich rief. Und Wilhelmine Schicke musste 1832 im Jahr ihrer Geburt diese Welt wieder verlassen. Wer seit jeher für die Kirchgemeinde sein Scherflein spenden wollte, tat dies in den Opferstock, der seinesgleichen im Lande sucht. Er besteht aus einem einfachen Baumstamm und trägt die Inschrift "M.S. 1686 dn. 24. Ap" der ganze April ist nicht mehr draufgegangen.

Erst wenige Jahre zuvor, nämlich von 1664 datiert das Kirchenbuch. Geburten, Kindstaufen, Hochzeiten und Sterbefälle, auch die Namen der Pfarrer sind darin zu finden. Auf einigen Seiten sind Kosten errechnet worden. Jedoch sind auch Schimpf und Schade registriert.

1694 findet sich eine wahre Hänsel- und Gretel-Geschichte. Da sind der Krügerin Balze ihre Töchter Ursula-Elisabeth und Anna Maria an Krätze erkrankt. Wie damals üblich, tat sie die Kinder zur Heilung in den warmen Backofen. Aber der Stiefvater der Mädchen verhinderte mit dem Stocke, dass die Mutter sie heraus holte. Sie sind elendiglich umgekommen.

1775 brannten die Dorfschmiede und mehrere Gehöfte nieder. Der Schmied war nicht zu Hause. Er saß gerade wegen Blutschande (er hatte es mit der Tochter getrieben) in Spandau ein.

1813 haben die Sachsen, die bei den Napoleonischen gegen die Preußen standen, Spuren hinterlassen. Am 21. und 22. August, kurz vor der Entscheidung bei Großbeeren, haben die Franzosen die Nunsdorfer ausgeplündert, sie des Getreides beraubt. Man könnte sagen: Mundraub. Aber sie haben auch die Kirche aufgebrochen, "Altar und Kanzel, den Taufstein zerschlagen. Altartuch pulpet Decke, Kaminuhr geraubet, die Glockenstränge mitgenommen" - was die auch alles gebrauchen konnten. Vielleicht für den Flohmarkt in Paris? Feuer haben sie auch noch gelegt. Wollten sie den bösen Frevel vertuschen?

Bis in jüngste Vergangenheit haben Langfinger sich der Schätze der Nunsdorfer Kirche bedient. Verständlich ist es deshalb, wenn die Kirchgemeinde, was noch blieb, an sicherem Ort verwahrt. Da wären die Zinnerne Taufschüssel aus dem 17. Jahrhundert und die etwa gleichaltrige Zinnkanne mit Deckel. Beide in ihrer Schlichtheit so schön, dass sie sehr modern wirken. Noch um ein Jahrhundert älter sind die beiden Messingleuchter auf rundem Fuß mit Schale. An ihrer Stelle leuchten zum Gottesdienst die Kerzen auf dem Altar in Holzhaltern.

Wie bedauerlich, dass wegen der Kirchenräuber der Jetztzeit die wunderbare Kasel, seit 1932 unter Glas, nicht mehr ausgestellt werden kann. Bis sich 1539 die Reformation auch in Nunsdorf durchsetzte, legte der katholische Priester zu festlichen Messen diesen Überwurf aus - inzwischen stark verblichenem - aprikosenfarbenem Samt an. Hineingestickt mit feinstem Seidengarn ist ein Granatapfelmuster. Im unteren Teil zeigt die Stickerei zwei Apostel, den Heiligen Sebastian und den Heiligen Rochus. Fleißige Frauenhände hatten das Stück in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschaffen.

Mit Heugabeln und Forken bewaffnet sind die Nunsdorfer nicht wie die Leute aus Christinendorf Feinden hinterher gerannt, um ihnen das geraubte Altargeschirr wieder abzujagen. Obwohl es denkbar wäre, hieß ihr Dorf doch einst Niensdorp und das heißt so viel wie heftig, mutig. Gehütet so weit möglich und gepflegt haben sie ihre Schätze gut. Dazu gehört auch die Sanduhr mit vier Stundengläsern. Ursprünglich war ihr Holz in hellem türkisch Grün und Ziegelrot gefärbt. Unlängst hat sie der geschickte Nunsdorfer Wolfgang Vogel in Rot und Schwarz restauriert. Sie wird wieder ihren Platz finden, wenn auch der Pfarrer nicht mehr, wie einst seine Vorgänger, die Rituale des Gottesdienstes nach ihrer Zeit einteilt.

Immer wieder einmal ist die Dorfkirche renoviert worden. Zuletzt wurde mit Hilfe der Denkmalschutzbehörde und des kirchlichen Bauamtes sowie vieler freiwilliger Helfer 1990 damit begonnen. Vom Grund bis zur Turmspitze hat das Haus seine Erneuerung erfahren. Seither trägt auch die Wetterfahne das Gründungsjahr, wenn die Gläubigen des Dorfes auch erst 1767 Einzug halten konnten.