Zuerst kamen die Mönche

Prämonstratenser und Zisterzienser hinterließen ihre Spuren in Jüterbogs Liebfrauenkirche

Kirchen sind oft das markanteste Gebäude im Dorf. Deshalb wecken sie das Interesse. Um es zu befriedigen, gibt es die Initiative "Offene Kirchen". Die MAZ stellt in loser Folge die des Kreises Teltow-Fläming vor.

GERTRAUD BEHRENDT

JÜTERBOG Die Liebfrauenkirche ist die älteste der Stadt. Sogar eine der ältesten des Landes. 1161 ließ Erzbischof Wichmann für die Kolonisten, die er ins Land geholt hatte, eine Kirche bauen. In ihr wirkten die Prämonstratensermönche, die als Seelsorger aus dem Kloster Gottesgnade bei Calbe an der Saale nach Jüterbog kommen und zugleich die Slawen missionieren mussten.

Nicht immer mit Erfolg. Mit der Verleihung des Stadtrechts 1174 wurde die dreischiffige Basilika Hauptkirche des Jüterboger Landes mit Sitz des Archediakons. Doch 1179 wurde sie in den Kämpfen von Slawen und Christen wieder zerstört und erneut aufgebaut. 1225 erfolgte der Anbau des Querschiffs mit zwei Apsiden für zwei Altäre.

Der Anbau des Klosters für die Nonnen der Zisterzienser erfolgte 1282. Die Marienkirche das Synonym für die liebe Frau war aber nicht reine Klosterkirche, sondern blieb für den Damm Pfarrkirche. Deshalb sprechen Jüterboger auch von der Dammkirche. Mit Auflösung des Klosters 1557 wurde die Kirche evangelisch.

Das bedeutete keineswegs das Ende der zahlreichen Umbauten, die besonders an der äußeren Nordseite auffallen. Als die Seitenschiffe baufällig waren, wurden sie 1798 abgerissen, zugemauert und mit Fenstern versehen. Seit 1571 stand ein Glockenhaus neben der Kirche. 1722 bekam das Haus den ersten Kirchturm, der 1845 weitgehend abgetragen und 1891 durch den heutigen spitzen mit Schiefer gedeckten Turm ersetzt wurde.

Bei dieser umfassenden Sanierung erhielt die Kirche auch die farbigen Chorfenster. Das linke erinnert an die Giftschlangen, die die Israeliten bei der Wanderung durch die Wüste plagten. Wer nach dem Biss voller Gottvertrauen auf die eherne Schlange geschaut hatte, wurde gerettet.

Zum ältesten Inventar zählt der gotische Chor von 1480. Aus der Zeit stammt auch der Taufstein. Der gefällt Dagmar Henkel besonders gut. Sie gehört zu denen, die dafür sorgen, dass Liebfrauen tatsächlich feste Öffnungszeiten hat. Wenn auch nur am Wochenende; von April bis 31. Oktober ist Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen von 14 bis 16 Uhr offen. Wer zu anderen Zeiten das Gotteshaus besuchen möchte, ruft bitte unter (0 33 72) 40 42 11 oder unter 40 71 64 an.

Henkel ist aufgefallen, dass einige Besucher ganz zielgerichtet zum letzten südlichen Fensterbogen des Mittelschiffs laufen. Dort ist ein Rest der Ausmalung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erhalten. Vielleicht möchten sich die Gäste an der Deutung beteiligen. Viel zu erkennen ist nicht mehr. Das Detail wurde um 1935 freigelegt. Es soll sich um Christus als Schmerzensmann zwischen Engeln handeln, vermutet auch Hans-Joachim Göbel. Der Superintendent ist inzwischen Ruheständler und hat Material erarbeitet, das denen helfen soll, die die Kirche offen halten und von Gästen gefragt werden. Es ist verständlich geschrieben, Fachbegriffe werden erläutert.

Mit der Einführung der Reformation wurden sechs der sieben Altäre entfernt. Der einzig verbliebene Marienaltar wurde 1710 durch einen Barockaltar ersetzt. Aber auch neues Inventar bereichert die Ausstattung.

Die Kanzel kam 1575 in die Kirche; sie ist von hoher künstlerischer Qualität und ein Werk von Georg Schröter aus Torgau. Luther und Melanchthon zieren den unteren Teil des Kanzelkorbs. Luther war nie in Jüterbog, Melanchthon mehrmals. Er verhandelte gemeinsam mit den Reformatoren Johann Agricola und Pflug mit Landesherren der Höfe von Sachsen, Brandenburg und Anhalt im Fürstenzimmer des Jüterboger Rathauses. Denn Jüterbog gehörte zum Magdeburger Gebiet und war demzufolge neutrales Gebiet.

Doch zurück zur Kirche. Vor 230 Jahren hat Joachim Wagner eine neue Orgel für die Kirche gebaut, die fast original erhalten ist. Bezahlt hat das Instrument der Jüterboger Kaufmann Martin Hanicke. Das geht aus einem Testament hervor. Für eine Sanierung der Orgel wird seit längerer Zeit Geld gesammelt. Unter der Orgelempore wurde 1976 der Gemeinderaum mit Sanitäranlage eingebaut. Heute nutzt auch die Junge Gemeinde den Raum für Musikproben.

Die Holzdecke und die Epitaphe ziehen ebenfalls die Blicke auf sich. Robert Sandfort bemalte die Decke von 1935 bis 1938 nach alten Vorlagen. Die drei erhaltenen Grabmale bieten allein schon seitenfüllende Geschichten, und ihre Inschriften regen zum Nachdenken an.

So ist der Nachruf auf die "Hochedelgebohrne und Tugend Hochgelobte Frau Sophia Dorothea Ritterin, eine einzige Tochter" des Gottfried Wilhelm Loths, unterhaltsam zu lesen. Die junge Frau war 1710 geboren worden und heiratete 1731 Johann Heinrich Ritter, der seit 1719 oberster Regierungsbeamter des Herzogs von Sachsen-Weißenfels in Jüterbog war. Doch bereits am 13. Juni 1733 "verwechselte sie das Zeitliche mit dem Ewigen".

Märkische Allgemeine vom 11. Oktober 2007

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