Macht hoch die Tür

Nach Jahrzehnten des Verfalls werden die Dorfkirchen in Brandenburg von den Bürgern wieder aufgebaut. Überall regt sich kirchliches Leben

Von Dankwart Guratzsch

 Fischerkirche in Ferch
Eines der schönsten Gotteshäuser in Brandenburg: Die Fischerkirche in Ferch am Schwielowsee bei Potsdam. Heute wird die Schale, die der schwebende Taufengel in der Hand hält, wieder rege genutzt
FOTO: FISCHER/VISUM

Sie sitzen eng gedrängt in Mänteln und Regenjacken in den steifen Holzbänken, je vier in einer Reihe links und rechts vom Mittelgang, mehr haben nicht Platz. Auf dem kleinen Altar brennen Kerzen. Jeder flüstert. Eine knisternde Spannung erfüllt den Raum. Dann ertönt leise und kläglich von draußen die so lange verstummte Stimme der einsamen Glocke. Manchem nicht nur hier drinnen in den 17 Bankreihen der Lübnitzer Dorfkirche mag es bei diesem ungewohnten Klang erscheinen, als höre er nicht recht.

Lübnitz bei Belzig im Südwesten Berlins, 176 Einwohner, die Häuser ducken sich in die Nebellandschaft. Es mag einer der sonderbarsten Gottesdienste an diesem Sonntag in ganz Deutschland sein, denn Jahrzehnte war das Kirchlein mit dem eingerüsteten, auch jetzt noch nur mit Folie gedeckten Turm, mit den niedrigen Emporen, den Rundbogenfenstern und der hölzernen Kanzel mit den fein gedrechselten Säulen und den bunt lackierten Evangelisten unbenutzbar und verrammelt, der Turm drohte einzustürzen, und die Glocke läutete nicht mehr. Jetzt aber reihen sich vor der bröckelnden Kirchhofsmauer die Autos in langer Schlange. Und durch den weiß gekalkten kleinen Raum mit den großen Wasserflecken tönen Melodien Bachs und Mozarts, zwei Violinen, ein Cello und die Orgel erklingen, zwei junge Frauen singen mit hellen Stimmen. Jahrzehnte war das kirchliche Leben erstorben, jetzt tritt Pfarrer Reichenheim aus Belzig vor die Stufen zum Altar, er sagt nur wenige Sätze, als müsse sich seine Stimme an die ausgekühlten meterdicken Mauern erst wieder vorsichtig herantasten. "Danken wir, dass sich die Tür dieses jahrhundertealten Kirchleins wieder für uns geöffnet hat, Jesus kann für uns die Tür zum Himmel sein." Einmal im Monat wird sie sich jetzt wieder auftun, auch wenn die Dorfkirche noch längst nicht komplett saniert ist.

Dorfkirche von Lübnitz 
In der Dorfkirche von Lübnitz im Südwesten Berlins waren die 17 Bankreihen zu Weihnachten gut gefüllt. 176 Einwohner gibt es in dem Ort
FOTO: Karisch

Dass sich weit herum um Berlin Kirchen neu öffnen, neu geweiht werden, dass sie Ziegel um Ziegel ihre Dächer und Türme zurückerhalten, ihre verstreuten, geschrumpften Gemeinden um sich sammeln, Freunde, Helfer und Ausgetretene anziehen, dass Menschen aus den umliegenden Dörfern kommen, wenn plötzlich wieder die Glocken über das flache Land herüberklingen - das ist eine sich der Mediengesellschaft fast entziehende Wundergeschichte. Offenbar muss sie sich sogar gegen die Skepsis der Kirchenleitungen selbst erst durchsetzen. Die klagen und streiten über Kirchensterben, Kirchenaustritte, Kirchenumnutzung und Kirchenabriss - von den neuen kleinen Landkirchen sagen sie wenig.

Schon von ihrem ganzen Habitus her sind die Dorfkirchen alles andere als "modern". Viele stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Ihre Mauern sind aus Feldsteinen geschichtet, die einst über Jahre hatten gesammelt werden müssen. Manches Kirchlein ist ein Werk von Generationen. Siebenhundert Jahre später wollte der Arbeiter- und Bauernstaat von dieser Mühsal und der tiefen Gläubigkeit der bäuerlichen Gemeinden nichts mehr wissen. Kirchenchristen wurden benachteiligt, Kinder, die nicht zur Jugendweihe gingen, konnten oft nicht studieren. So leerten sich die kleinen Kirchen und waren den Menschen nichts mehr wert. Im Gebälk nistete der Schwamm, Dächer und Türme brachen ein, durch die zerschlagenen Fenster fegten Wetter und Wind. In vielen Dörfern hört man aber auch diese Geschichte: Nach der Wiedervereinigung änderte sich an der Geringschätzung nicht viel. Und oft war es die Amtskirche selbst, die auch noch den letzten Pfarrer abzog, Kirchen aufgab oder ihre Instandsetzung ablehnte.

"Ich wundere mich selbst", sagt Klaus Gerhard Reichenheim in der großen St. Marienkirche in Belzig. "Wir schaffen alles aus eigenen Mitteln: das Gemeindebüro, die Friedhofsverwaltung, jetzt konnten wir sogar eine Diakonin neu einstellen - nur der Kirchenmusiker wird vom Kirchenkreis bezahlt."

Mehr als 200 Vereine kümmern sich um Jahrhunderte alte Bauwerke, die die Kirchenleitung oft schon aufgegeben hatte

Der Pfarrer hebt mit Stolz hervor, wie sehr sich gerade diese Investition für seine Kirche lohne: "Zuletzt wurde hier das Weihnachtsoratorium aufgeführt, da war der Raum bis auf den letzten Platz besetzt." Der Mann beschreibt mit der Hand einen Kreis, als töne in dem kahlen grauen Kirchenschiff noch immer etwas von dem großen Ereignis nach. Auch diese Kirche muss saniert werden, aufsteigende Nässe kriecht ins Mauerwerk, am liebsten würde Reichenheim die zu DDR-Zeiten abgetrennten "Funktionsräume" noch erweitern. Aber sollte man nicht auch hier eher "die Tore weit" machen?

Im kleinen Nachbarort Lübnitz drückt Christian Bonte-Friedheim aufs Tempo. Wenn es nach ihm gehe, sagt er nach dem Gottesdienst, solle 2008 das Kirchenschiff fertig werden. Die Decke ist mit blauer Pappe verklebt. "Wir wissen nicht, was darunter ist", meint der weißhaarige Mann mit den fast ein bisschen triumphierend blitzenden Augen, seines Zeichens Professor h.c. und Dr. agr., aber das sagt er nicht, und niemand redet ihn so an. Es ist auch sein ganz persönlicher Tag, er hat die Orgel und den Turm gestiftet, dessen Instandsetzung an diesem Tag gefeiert wird. "Ich habe es auch für meine hundertjährige Mutter getan. Die ist eine geborene von Lochow und in Lübnitz geboren." Und fast verschämt, als wolle er bei niemand anecken, setzt er hinzu: "Das Gut gehörte über 340 Jahre unserer Familie."

In der Patronatsloge auf der Empore stehen die Fensterflügel offen, als hätten die einstigen Herrschaften von da oben der Dankfeier gelauscht, das verblichene Wappen der Familie ziert noch immer die Brüstung. Persönlich hat den ehemaligen Uno-Beauftragten in Afrika seit Enteignung und Flucht 1945 nur noch die ferne Erinnerung mit dem Ort seiner Vorfahren verbunden. "Ich habe mich einfangen lassen", erklärt er sein Engagement. "Schuld" sei die Pfarrersfrau Martha Gleiniger aus Niemegk gewesen, die mit 77 Jahren noch immer 30 Orgelschüler hat und für die Orgel sammeln ging. Er holt die Frau mit den großen Stiefeln und dem gebeugtem Rücken nach vorn und ruft den russlanddeutschen Hünen Rudolf Buliz hinzu: "Die beiden haben das Hauptverdienst, ohne die stünde hier kein Stein mehr auf dem andern."

Später, in der mollig warmen Küche der Familie Buliz, erzählt Paul Gerhard Gleiniger bei Kaffee und Kuchen, dass Lübnitz nur ein Beispiel sei. Vieles, was die Amtskirche anordne, ist nach Meinung des 80jährigen Pfarrers "vom grünen Tisch gedacht". Und das habe er nun sogar dem Ratsvorsitzenden Bischof Huber persönlich geschrieben. "Antwort habe ich noch nicht", setzt er achselzuckend hinzu.

Was er aus den kleinen Gemeinden ringsum berichtet, klingt wie die Kunde aus einem anderen Land. "Sie brauchen sich hier ja nur umzusehen: in Luckenwalde, Medewitz, Raben oder Klein Marzehns - wenn es um den Erhalt der Kirche geht, stehen die Menschen zusammen." Und ob da bundesweit Kirchen geschlossen, entwidmet, umgenutzt oder abgerissen werden - im armen Brandenburg hätten sie an die 200 Fördervereine auf die Beine gestellt, die sich wie ein Schutzwall vor die von der Kirchenleitung oft schon aufgegebenen, von ihren Pfarrern lange schon verlassenen Landkirchen stellten. "Gehen Sie mal auf die Internetseiten des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, da fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen", sagt der Rentner (www.altekirchen.de). Ist es wirklich "oben" noch nicht angekommen? In Dörfern mit 70, 100, 300 Bewohnern wurde plötzlich wieder Weihnachten kirchlich gefeiert - auch wenn nicht einmal ein Pfarrer kam. Und die kleinen Gotteshäuser konnten die Besucher kaum fassen, als die Weihnachtsgeschichte verlesen wurde oder wie in Jüterbog und Luckenwalde gar der Bass Gunther Emmerlich sang.

Für die Dorfkirche von Birkholz bei Bernau im Norden Berlins liegt der erste Weihnachtsgottesdienst schon 15 Jahre zurück - er musste noch unter freiem Himmel gefeiert werden. Bei seiner Sprengung 1972 war der Turm in die Kirche gestürzt und hatte das 700 Jahre alte Kreuzrippengewölbe unter sich begraben - erst vor fünf Jahren hat das ruinenhafte Kirchenschiff wieder ein schützendes Glasdach bekommen. "Doch wir wollen das Gewölbe und den Turm wieder aufbauen", meint Jürgen Löffler trotzig. Der gebürtige Chemnitzer hat sich mit dem Bauvorhaben seiner Wahlheimat mit Leib und Seele identifiziert, eine Chronik verfasst und auch schon einmal eine Berliner Studentengruppe für das Rumpfkirchlein begeistern, können, so dass mit EU-Fördermitteln eine Master-Arbeit, eine Kirchengeschichte und ein Planungsprojekt entstanden sind. Am 15. September wurde erstmals seit Jahrzehnten in dem 260-Seelen-Dorf wieder ein Paar in der Kirche getraut - "nach Neuaufnahme des kirchlichen Lebens", wie es in der Chronik heißt.

In Mellnsdorf, das politisch zu Brandenburg, kirchlich zu Wittenberg gehört, hat man vorgemacht, wie es gehen kann: Der Turm, der jahrelang neben der Kirche im Gras stand, ist am 27. Oktober mit einem Lastkran aus Dessau wieder feierlich auf den sanierten Schaft gehoben worden. Superintendent Beuchel mischte sich unter die 100 Dörfler und rühmte die "Initiative von unten", ohne die sein Amt der schon aufgegebenen Kirche niemals mit 16 000 Euro hätte helfen können.

Es gibt sie eben doch, die Kirche "von unten", auch wenn sie im Sprachgebrauch der Amtskirche nicht vorkommt. Sie schließt Nichtchristen und Kirchenaustreter ein, wehrt sich gegen merkantile, sinnfremde und uninspirierte Nutzungsideen für vermeintlich "zu große" oder "überflüssige" Kirchen und empört sich über das Kokettieren der "Kirchenoberen" mit Symbolen der "Verwundung" und "Selbstauflösung", die in der Zeitgeist-Theologie so beliebt sind.

Gegen den Kirchenfrust setzen die Dorfbewohner ihre mühsam errungenen kleinen Triumphe. In Saaringen und Weseram am Stadtrand von Brandenburg/Havel erstrahlen die schmucken Barockkirchen in leuchtendem Rosa und Ockergelb, das dörfliche Leben hat seinen Mittelpunkt zurückgewonnen. Und als die Weseramer Orgel in der vergangenen Adventszeit zum ersten Mal wieder erklang, war dies nur eine Etappe, denn noch haben die 29 Mitglieder des Fördervereins die komplette Summe nicht zusammen. Im winzigen Nachbardorf Saaringen haben sie die Rechnung sogar ganz an der Kirche vorbei gemacht: "Die Gemeinde hatte schon Abrissantrag gestellt. Jetzt ist die Kirche im Eigentum des Fördervereins", erklärt die 74-jährige Gisela Stremkus und verhehlt nicht ihre Genugtuung, dass zu Heiligabend die Dompfarrerin höchstselbst aus Brandenburg kam.

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!" In einer ihrer Rundfunkandachten sagte die verstorbene Pfarrerin Renate Vogel von Stolpe im Norden Berlins, die schon 1998 ihren Kirchturm gegen alle Widrigkeiten retten konnte: "Vielleicht ist es ein Bild für eine Wahrheit, die uns nicht unbekannt ist, die aber erst in einem besonderen Augenblick aufleuchtet." In den kleinen Dörfern um Berlin scheint die Zeit dieser Wahrheit angebrochen zu sein.

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Die Welt vom 16. Januar 2008

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