KIRCHENSERIE: Mit viel Gottvertrauen einfach angefangen

Wie die Blandikower ihre Kirche zu einem Schmuckstück der ganzen Region machten

BLANDIKOW - Der Eindruck, dass die Blandikower Kirche irgendwie zweigeteilt ist, täuscht nicht. Der Turm aus Feldstein-Ziegel-Mauerwerk ist spätmittelalterlich. Hingegen sieht das Kirchenschiff schon fast modern aus. Und das, was der Besucher im Inneren vorfindet, ist geradezu nagelneu. Die Wände sind schön, die Wandmalereien sind schön, die Bilder an der Wand, die Sitzreihen, die fast 400 Menschen Platz bieten alles ist eine Pracht zu Ehren Gottes.

Das war nicht immer so. Die Erinnerung an einen mächtigen Kraftakt der gesamten Gemeinde ist noch frisch. Wenn sich Pfarrer Berthold Schirge, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Hartwig Herm und der Kirchenälteste Georg Drachenberg an die Wendezeit zurückerinnern, schütteln sie den Kopf und sind sich völlig einig: "Das würden wir heute nicht mehr hinkriegen."

Gebaut wurde die Kirche 1890. Nach einem Brand war das alte Kirchenschiff zerstört worden, der Turm aber blieb erhalten. Die alte Kirche war sowieso zu klein. Überliefert sei, so Pfarrer Schirge, dass es immer ein großes Gedrängel bei den Gottesdiensten gegeben hatte und sich die Leute regelrecht um Sitzplätze geprügelt hatten. So wurde die neue Kirche gleich in ausreichender Größe gebaut.

Man schrieb das Jahr 1983, als nach 14 Jahren die Pfarrstelle in Papenbruch besetzt wurde und der Kirchensprengel, also auch Blandikow, endlich wieder einen Pfarrer bekam. Wenn überhaupt Gottesdienste stattfanden, dann in der Winterkirche. Im Hauptteil waren einzelne Fenster defekt und Vögel hatten alles verdreckt.

Nachdem sich Berthold Schirge und die Blandikower etwas "beschnuppert" hatten, schlug er vor, erst mal etwas "klar Kirchenschiff" zu machen. Das hat viele Wochenenden gedauert, und viele Blandikower arbeiteten dabei mit. Das Erntedankfest 1983 konnte erstmals wieder in der großen Kirche gefeiert werden.

Mit der Sauberkeit kamen aber auch die Schäden ans Tageslicht. Man entdeckte Schwamm an fast jedem Deckenbalken. Noch vor der Wende wurde mit ersten Planungen für die Sanierung begonnen. "Das hat uns einen mächtigen Zeitvorteil verschafft", erinnert sich Hartwig Herm. Kein Mensch wusste damals mit Fördermitteln Bescheid und erst recht hatte niemand eine Ahnung von all dem erforderlichen Papierkram. "Da bin ich zur Kulturabteilung in der Kreisverwaltung gegangen und habe gesagt, dass die Kirchen doch nun nach der Wiedervereinigung kein Stiefkind des Staates mehr sind. Und ich habe gefragt, ob sie Geld für die Sanierung geben würden", erzählt Pfarrer Schirge. "Eines dunklen Tages im November kam der damalige Kulturdezernent nach Papenbruch und sagte, dass er noch eine gewisse Summe zur Verfügung habe, die er bis Silvester ausgeben muss." Schirge sprach mit dem Gemeindekirchenrat, der gab grünes Licht. Zimmerer von einer Fachfirma aus Röbel kamen nach Blandikow und begannen mit der Sanierung. "Das waren wirkliche Könner", erinnert sich Georg Drachenberg. "Die konnten noch Balken per Hand zuhauen. Schauen Sie mal nach oben", sagt er. "Man kann jetzt nicht mehr unterscheiden, wo die alten Balken aufhören und die neuen anfangen." Die Arbeiten begannen, ohne dass ein Ingenieur dabei war, ohne dass eine Baugenehmigung vorlag, ohne dass es einen Vertrag mit einem Architekten gab. "Wir wussten es nicht besser", sagte Schirge. Im Nachhinein erwies sich das als riesengroßer Glücksfall.

Mit den begonnenen Bauarbeiten kamen neue Schäden ans Licht. Eines schönen Tages hatten sich die Handwerker so weit voran gearbeitet, dass der Turm an die Reihe kam. Die Spitze ruht auf acht Balken. Im oberen Teil war sie mit Zink vollständig ummantelt. Und darunter war das Holz verfault. Als die Zimmerer die Turmspitze anfassten, wackelte sie. "Ich dachte, die machen Scherze, als sie mir das sagten", erinnert sich Hartwig Herm. Der nächste Sturm hätte das gesamte Turmdach einstürzen lassen können. Also brauchte man neues Geld: 25 000 Mark. Das vorhandene Geld war längst aufgebraucht. Berthold Schirge stellte einen Antrag beim Konsistorium und bei der Landeskirche. Man nahm einen Kredit in Höhe von 100 000 Mark auf eine Summe, die damals niemand überblicken konnte.

Der erste Gottesdienst in der komplett sanierten Kirche war 1993 zur 700-Jahr-Feier von Blandikow. Und ein paar Jahre später, nämlich im Herbst 1997, kam der erst vor wenigen Wochen verstorbene Ivan Rebroff das erste Mal nach Blandikow. Der Pfarrer hatte Kontakt zu einer Konzertagentur. Die Plakate waren kaum aufgehängt, schon waren die Karten komplett ausverkauft. Da Rebroff am folgenden Tag keine Verpflichtungen hatte, sagte er kurzerhand zu, ein zweites Konzert zu geben zusammen mit den Feldlerchen, dem kleinen Blandikower Frauenchor. "Was waren wir aufgeregt", erinnert sich Kirchenälteste und "Feldlerche" Monika Pehlgrim. Es wurde geputzt und die Orgelempore gemalert. Die Fenster zur Winterkirche wurden heraus genommen, ein Ausschank wurde organisiert.

Als der Sänger, der durch die Rolle des Milchmanns Tevje im Musical Anatevka berühmt wurde, in der Dörbb-Tenne auftauchte, haben sie ihn erst gar nicht erkannt. Und als es dann ans Proben für das Konzert am Abend ging die Feldlerchen sollten ihn bei einem Lied begleiten stellte Rebroff fest, dass sie die Melodie nicht so richtig nach seinen Wünschen einstudiert hatten. Doch es klappte alles. "Das war wirklich das Größte, was uns bis jetzt passiert ist", schwärmt Monika Pehlgrim.

Drei Jahre später war er noch einmal zu einem Konzert in Blandikow. Da ging es ihm nicht mehr so gut. Er musste sich auf einen Stock stützen. Eine "Feldlerche" hat ihm sogar noch Medikamente aus einer Wittstocker Apotheke besorgt. Als das Konzert zu Ende war und sich Rebroff in der Sakristei der Kirche umgezogen hatte, entdeckte Monika Pehlgrim dort Rebroffs Pelzmütze. "Daneben lag ein Geschirrtuch, das zu einem Turban gewickelt war. Er muss es unter der Pelzmütze getragen haben", sagt sie. Ob er das Geschirrtuch auf hatte, weil er die Mütze schonen wollte oder weil ihm sonst der Schweiß in die Stirn gelaufen wäre gefragt hat sie nicht. Nun ist es zu spät. Rebroff ist tot. Die Dorfkirche von Blandikow aber hatte einen großen Künstler zu Gast. Und für den kleinen Chor war es eine Ehre, mit so einem Mann singen zu dürfen. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 07. Mai 2008

   Zur Artikelübersicht