Bedrohtes Kulturerbe

Stiftung soll Erhalt von gefährdeten Dorfkirchen in Brandenburg langfristig sichern / 78.500 Euro als Grundstock

Von Maria Neuendorf

Berlin (GMD) Undichte Dächer, einsturzgefährdete Türme, morsches Gebälk zahlreiche Kirchen in Brandenburg sind stark sanierungsbedürftig. Um ihren Erhalt nachhaltig zu sichern, hat sich eine Stiftung gegründet.

 Lindenhagen - Innen
Kunst im Gotteshaus: In der Lindenhagener Kirche sind derzeit Lehmwände ausgestellt. Die Aktion soll zur Diskussion über die weitere Nutzung anregen. Das uckermärkische Gotteshaus wurde zur "Dorfkirche des Monats Juli" ernannt.
Foto: Förderkreis Alte Kirchen

Wer das Gotteshaus Lindenhagen (Uckermark) betritt, stößt auf seltsame Hürden. Mitten im Kirchenraum stehen Lehmwände. Auch der Blick auf den Altar ist durch einen Lehmklotz verstellt. Die Hindernisse sind eine Kunstaktion. Sie sollen die Frage aufwerfen: Wird in einem kleinen Ort wie Lindenhagen, wo ein Raum im Pfarrhaus für eine kleine Gemeinde völlig ausreicht, überhaupt noch eine Kirche gebraucht?

"Ja", lautet die Antwort der brandenburgischen Bundestagsabgeordneten Cornelia Behm. "Kirchen kennzeichnen ein Dorf. Sie sind für viele Menschen in der schnelllebigen Zeit ein Anker", meint die bündnisgrüne Politikerin in der Berliner Marienkirche. Dort wurde gestern feierlich die neue Stiftung zur Rettung der brandenburgischen Dorfkirchen aus der Taufe gehoben. Das Gründungskapital beträgt 78.500 Euro. Es soll in den kommenden Jahren auf 250.000 Euro anwachsen.

Ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts des riesigen Sanierungsbedarfs, möchte man meinen. In der Mark gibt es rund 1.400 Gotteshäuser, davon gelten mindestens 300 als akut gefährdet. Laut Schätzungen des Kirchlichen Bauamtes sollen allein die Kosten für die Grundsanierung im vierstelligen Millionenbereich liegen.

Die Kirchendichte in Brandenburg ist im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern sehr hoch. Durch die Besonderheiten der Besiedlung besitzt fast jedes Dorf seine eigene Kirche. Doch die demographischen Prognosen sind düster. Die Mitgliederzahlen in den ohnehin kleinen Kirchengemeinden sinken stetig. Öffentliche Gelder sind knapp. "Die Wiedervereinigung brachte eine große Chance, aber auch eine große Herausforderung, dieses einzigartige Kulturerbe zu bewahren", sagte Friedrich-Leopold von Stechow gestern zur Urkundenunterzeichnung. Er sitzt im Vorstand der "Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland" (KiBa), unter deren Dach nun die brandenburgische Stiftung gegründet wurde. Diese soll wiederum dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg unter die Arme greifen, dessen Mitglieder sich seit 1990 für die Rettung, Bewahrung und angemessene Nutzung bedrohter Dorfkirchen engagieren. Auch sie arbeiten mit Spenden. Doch wenn jemand den Förderkreis in seinem Testament bedachte, musste das Geld laut Satzung innerhalb von einem Jahr ausgegeben werden.

Das ist nun bei der Stiftung anders. Diese arbeitet mit den Zinsen des stetig anwachsenden Kapitals. "Jetzt können wir langfristig denken, das Engagement über Generationen hinaus fortführen", freute sich Bernd Janowski vom Förderkreis. In den vergangenen Jahren haben sich mit Hilfe seines Vereins rund 230 lokale Vereine in der Region gegründet. Tausende Ehrenamtliche sorgen dafür, dass ihre Kirchen im Dorf bleiben. Von der Bundesstiftung KiBa gab es bisher 69 Förderzusagen von einem Gesamtvolumen von 1,1 Millionen Euro. "Doch auf die Dauer wird die Konservierung der Denkmale nicht ausreichen", meint Janowski. Weil in Zeiten des demographischen Wandels die Gotteshäuser für ihre ursprüngliche Aufgabe nicht mehr gebraucht werden, sind innovative Ideen gefragt. So sind Konzerte, Lesungen, Kino, Theater und sogar Public Viewing zur Fußball-EM in den geweihten Häusern keine Seltenheit mehr. "Kirchen sind keine bloßen Orte der Nostalgie", meint Janowski. Es gehe vielmehr darum, die Gebäude wieder mit Leben zu füllen.

Märkische Oderzeitung vom 02. Juli 2008

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