Bauernhof mit Kirche

Agrargesellschaft Potzlow erhält Brandenburgischen Denkmalpflegepreis für Sanierung eines Gotteshauses

Von Oliver Schwers

Strehlow. Normalerweise gehören Kühe, Traktoren und Misthaufen zu einem Bauernhof. In der Uckermark ist das anders. Die Agrargesellschaft hat neben Acker und Wiesen eine Kirche gekauft und sie vor dem Abriss bewahrt. Für die Sanierung des Gotteshauses erhält der Betrieb heute den Brandenburgischen Denkmalfplegepreis.

"Achtung Einsturzgefahr" stand auf dem Schild an der hölzernen Eingangstür. Doch eigentlich war das Schlimmste längst geschehen. Von der mittelalterlichen Feldsteinkirche in Strehlow ragten nur noch die massiven Außenmauern über den Friedhof. Jeden Augenblick drohte der klapprige Turm in sich zusammenzusacken. Verfaulte Holzteile trugen das vom Wind zerzauste Gerüst mit der Barockhaube kaum noch. Wo einst der Altar stand, wuchsen jetzt Bäume. Die alte Gruft lag offen im Schnee.

Ulrich Blumendeller fotografierte die Ohnmacht des Anblicks. Das Bild hängt heute in dem kargen Vorzimmer seines Büros im Nachbardorf Potzlow. Der Landwirt hat noch zwei weitere Fotos daneben gehängt: Auf einem ist der Turm gänzlich verschwunden. Das dritte Bild zeigt eine Kirche, die es seit über 50 Jahren nicht mehr gab: Frisch saniert, rotes Ziegeldach, goldglänzende Wetterfahne ein Wunder. "Man muss immer wieder mal selbst draufschauen, sonst vergisst man, wie es einmal war", sagt er.

Doch so schnell vergessen die Strehlower die ungewöhnliche Geschichte ihres Gotteshauses nicht. In den letzten Kriegswochen des Jahres 1945 krachte eine Fliegerbombe auf den Kirchhof, demolierte Teile des Daches. Erst ein paar Jahre später hatte der Pfarrer das notwendige Geld zusammen, um den Dachstuhl zu erneuern. Aber der damalige Bürgermeister brauchte Baumaterial für Siedlerhäuser. Er wollte die Kirche abbrechen lassen, um die Steine verwenden zu können. Später setzte sogar eine Plünderung ein. Dem fielen Dachziegel, Einbauten, Balken zum Opfer. Die Kirchgemeinde gab auf und hielt ihre Gottesdienste seitdem im nur einen Kilometer entfernten Potzlow.

Kurz vor dem Untergang rettete der Zufall das Baudenkmal. Der erschien in Gestalt von Dietrich R. Kettelhack. Der aus Westfalen stammende Apotheker und frühere Eigentümer eines Pharma-Unternehmens erinnerte sich nach der wende an seinen uckermärkischen Familienzweig. Die Kettelhacks besaßen über Jahrhunderte hinweg das Rittergut Strehlow. Als Kirchenpatrone ließen sie 1747 den Turm der Kirche erneuern.

Der Nachfahre handelte aus Ehrfurcht vor der Familiengeschichte, gründete 1991 die Agrargesellschaft Potzlow und kaufte Grund und Boden. Der Betrieb florierte. Doch um die Kirche im Nachbardorf stand es schlecht. 2005 traf der Hauptgesellschafter die aufsehenerregende Entscheidung: "Wir kaufen die Kirche."

Seither ist sein Geschäftsführer Ulrich Blumendeller zwischen Mais-Drillen und Milchpreisverhandlungen auch noch Denkmal-Experte. Und findet das ganz normal. Der studierte Landwirt bezeichnet die Ernteunterbrechungen als Öffentlichkeitsarbeit. "Anderswo werden schon lange Kirchen verkauft, wenn die Kirchgänger fehlen", sagt er zum nicht ganz alltäglichen Immobilienbesitz. "Aber wer ist schon so verrückt?"

Die ihm damals einen Vogel gezeigt haben, zeigen heute Achtung. Mit behutsamer Hand haben Handwerker, Architektin Krassuski aus Angermünde und Denkmalpfleger jedes Detail des Bauwerks untersucht und auf Wiederverwendbarkeit geprüft. Bei den Bauarbeiten entdeckten die Kirchenretter alte Weihekreuze unter dem Putz der Reformationszeit. Ansonsten wirkt der riesige Raum in feldsteinerner Schlichtheit. Mit ein paar Tischen und Stühlen in historisierenden Formen lässt sich der Saal in ein Veranstaltungshaus verwandeln. Hier finden Trauerfeiern, Hochzeiten, private Feiern statt. Weltliche und geistliche, obwohl das Haus offiziell entwidmet ist. Auch Abendveranstaltungen. Die dürfen wegen des benachbarten Friedhofs allerdings nicht zu sehr ausarten. Zur Taufe bringt die Pastorin ein transportables Taufbecken mit. Nur die Jugendweihe wurde verbannt einzige Bedingung der Kirchgemeinde bei den Verkaufsverhandlungen. Preis der Ruine: ein Euro. Preis der Sanierung: 400.000 Euro. Den Löwenanteil hat die Agrargesellschaft bezahlt.

Neider im Dorf sind nicht ausgeblieben. Wer mit den Taschen voller Geld aus dem Westen anreist und fast 2.000 Hektar uckermärkischen Boden kauft, wird nicht in der Sänfte durch Potzlow getragen. Auch wenn er das älteste Haus des Ortes auf eigene Kosten rettet. Ulrich Blumendeller winkt ab. "Alte Leute sind zur Eröffnung gekommen. Sie haben es nicht geglaubt, dass ihre Kirche überleben würde." Egal ob es einen Altar gibt oder nicht, "für uns bleibt das die Kirche".

Dietrich R. Kettelhack hat die Einweihung nicht erleben dürfen. Er starb, bevor er das jahrhundertealte Vermächtnis seiner Familie vollenden konnte.

Märkische Oderzeitung vom 11. September 2008

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