KIRCHEN: Immer mal wieder umgebaut und repariert

Es gab zu allen Zeiten Leute in Dossow, die sich um ihre Kirche gekümmert haben

DOSSOW - Manche Geschichten rund um die Kirche ereignen sich gar nicht in der Kirche – jedenfalls nicht direkt im Gotteshaus. Bevor es dort nämlich die Winterkirche unter der Empore gab, fanden des Winters die Gottesdienste immer im benachbarten Schulgebäude statt. Und vor dem normalen Gottesdienst für die Erwachsenen war Kindergottesdienst, erzählt Helga Gilde, die 23 Jahre lang Katechetin in Dossow war.

Eine Szene, die bis Mitte, Ende der 1950er Jahre dazugehörte wie das berühmte "Amen in der Kirche" hat die Dossowerin über all die Jahre im Kopf behalten: "Der Pastor schritt durch den großen Klassenraum, in dem der Gottesdienst stattfand, nahm das Bild von Stalin von der Wand, hängte an eben jene Stelle ein Kruzifix und dann konnte der Gottesdienst beginnen." Hinterher wurde das Kreuz natürlich wieder durch Stalins Konterfei ersetzt.

Als, wegen der politischen Verhältnisse, der Raum in der Dorfschule nicht mehr von der Kirchengemeinde genutzt werden durfte, fanden die Gottesdienste in der kalten Jahreszeit übergangsweise im Pfarrhaus statt, doch dann entschloss man sich zum Bau der Winterkirche. Die Orgelempore wurde etwas vergrößert, und mit Fensterscheiben wurde der neu entstandene Raum vom Kirchenschiff abgetrennt.

1961 war die Winterkirche dann fertig, und sie wurde auch für andere Veranstaltungen genutzt, denn dieser Raum konnte beheizt werden. Der Singekreis, die Junge Gemeinde, die Frauenhilfe, der Hausbibelkreis – all dies fand und findet nun unter der Orgelempore statt.

Das war aber nicht der einzige Umbau an der Dossower Kirche. Wie aus Kunstführern hervorgeht, wurde das Kirchenschiff im vorderen Teil bereits 1822 rechts und links erweitert, sodass das Gebäude jetzt die Form eines Kreuzes hat. Der obere Teil des rechteckigen Turmes ist von 1859 und die innere Balkendecke wurde nach 1859 eingezogen.

Erinnerungen an den Turm hat auch Christian Gilde, der heute Landrat von Ostprignitz-Ruppin ist und dessen Vater Kurt Gilde im Jahr 1955 die Pfarrstelle in Dossow übernahm. Er und seine vier Brüder haben sich damals, als sie noch im Lausbubenalter waren, schon mal die Zeit damit vertrieben, die Nester von Spatzen, die im Kirchturm brüteten, auszunehmen. Hat er nichts dagegen, dass so etwas in der Zeitung gedruckt wird? "Nein", sagt seine Frau. "Er hat’s mir ja extra deswegen erzählt."

Naja – irgendwie macht Christian Gilde seine Sünden, die er vor langer Zeit an den Vögeln verübte, auf andere Art wieder gut. Seit ziemlich genau 49 Jahren ist er nämlich nun schon der Organist in der Dossower Kirche. Als die damalige Organistin plötzlich verstarb, hat der seine Karriere als Organist begonnen. Damals war er gerade 14 Jahre alt, und weil er zu jener Zeit auch Klavierunterricht hatte, befand ihn sein Vater auch fürs Orgelspiel geeignet.

Anfangs waren es die einfach zu spielenden Kirchenlieder wie zum Beispiel: "Oh dass ich tausend Zungen hätte." Diese Lieder musste die Gemeinde dann öfter singen. Inzwischen ist sein Repertoire natürlich deutlich höher. Nächstes Jahr hat der Landrat Jubiläum – ein halbes Jahrhundert spielt er dann schon die Orgel, die erst seit ein paar Jahren elektrisch betrieben wird. Davor musste er immer jemanden haben, der ihm "Luft macht". Ganz rechts über dem Manual befindet sich ein Knopf, den man herausziehen kann: "Das ist eine kleine Klingel", erklärt Gilde. "Damit kann man denjenigen wecken, der hinten den Blasebalg bedient."

Zwar gab es immer Leute in Dossow, die sich um ihre Kirche gekümmert haben – wie zum Beispiel derzeit die Familie Delft – dennoch mehrten sich gerade in DDR-Zeiten die Schäden.

Wenige Jahre vor der Wende überlegte man in der Kirchengemeinde schon, ob man nicht vielleicht die Kirchturmspitze abtragen und durch ein Flachdach ersetzen sollte. Dann kam zum Glück die Wende und mit ihr die Fördermittel. Die Schäden am Putz wurden beseitigt, morsche Balken im Turm gewechselt und einiges mehr.

Ein anderes Problem stellten die Fenster dar. Viele der kleinen Scheiben der bleiverglasten Fenster waren kaputt. So etwa ein oder zwei Jahre vor der Wende bekamen die Dossower Besuch von ihrer westdeutschen Partnergemeinde Immenstaad, gelegen am Bodensee. "Die waren erschüttert vom Zustand der Fenster", erinnert sich Helga Gilde. Mit dabei war eine gewisse Frau Weiler. "Die würde zur Not auch mit dem Esel auf der Autobahn spazieren gehen, wenn sie etwas durchsetzen will." Jedenfalls hat die resolute Dame, kaum wieder daheim, sich in die Spur gemacht und Geld für die Dossower Kirchenfenster gesammelt. Wie viel zusammen gekommen ist, weiß Helga Gilde heute nicht mehr. Aber dieses Geld hat einen recht eigentümlichen Weg genommen, bis die neuen Scheiben damit bezahlt werden konnten. Und das war so: Diese Frau Weiler hat also ein Paket mit Walnüssen gepackt und in dieses Paket hat sie den Umschlag mit dem Geld für die Kirchenfenster gesteckt. Das Paket, adressiert an eine Frau in Dossow, wurde abgefangen und durchsucht. Natürlich wurde der Umschlag gefunden. Die Frau musste bei der Polizei antanzen und musste Rede und Antwort darüber stehen, was es mit dem Walnusspaket auf sich habe – und mit dem Geld. Als sich alles geklärt hatte – unter anderem unter Einschaltung des Superintendenten Kurt Zellmer, wurde das Geld auf ein Sonderkonto eingezahlt und es durfte schließlich doch noch für die Kirchenfenster verwendet werden. "Wenn wir es in bar gehabt hätten, hätten wir noch mehr damit anfangen können", sagt Helga Gilde.

Aber auch schon 30 Jahre zuvor gab es größere Sanierungsarbeiten an der Dossower Kirche. Als die Winterkirche 1961 gebaut wurde, hat man auch die Sakristei entfernt und eine Tür zugemauert. Martin Gilde und der Maurer Siegfried Metzner haben damals den Taufstein errichtet. Außerdem wurden die Bänke um den vorderen Teil des Kirchenschiffes anders gestellt, so dass sie jetzt in Richtung Taufstein und nicht mehr in Richtung Apsis blicken. Damals wurde auch innen gemalert, dabei wurde in der Apsis der Sternenhimmel überstrichen. Auch die Leuchter, hergestellt in einer Kunstschmiede in Gildenhall, kamen damals in die Kirche.

Das Gemeindeleben in der Dossower Kirche ist recht aktiv. Neben den verschiedenen Gruppen, die sich regelmäßig dort treffen, ist auch immer zu den Erntefesten reges Leben auf dem Kirchplatz und in der Kirche, wo die Kaffeetafel aufgebaut ist. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2009

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