1 400 Dorfkirchen – ein einzigartiges Kulturerbe

DIALOG MIT DORFSCHÖNHEITEN

Dramatischer Verfall und glückliche Rettung brandenburgischer Kirchen

VON MARTINA JAMMERS

Manches Kunstwerk wohl, von dem die Welt nichts weiß, verbirgt sich in märkischen Dörfern.
(Theodor Fontane)
 
 
Ein typisches Bild: eine Baumallee in Brandenburg.

Die historischen Dorfkirchen in Brandenburg stellen in ihrer Vielfalt ein einzigartiges Kulturerbe dar. Durch die Besonderheiten der Besiedlung dieses Flächenlandes besitzt fast jedes Dorf eine eigene Kirche – insgesamt sind es nicht weniger als 1400! Doch aufgrund der politischen Umstände und ungebremster Landflucht nach 1989 ist es um viele dieser jahrhundertealten Schmuckstücke nicht gut bestellt. Und dennoch gib es Hoffnung: Ein energischer Förderverein hat sich etabliert, um die Dorfkirchen zu retten. Zudem lenkt ein jüngst erschienener, opulent bebilderter Band den Blick auf die höchst individuellen Architekturen im Verborgenen – mit oft kunsthistorisch bedeutsamer Innenausstattung. Doch nicht allein ästhetisch verdienen sie Aufmerksamkeit: Die brandenburgischen Kirchen stiften den Dorfbewohnern in hohem Maße Identität, selbst wenn diese durch 40 Jahre Sozialismus den Zugang zu christlicher Haltung verloren haben.

Die Dorfschönheit scheint ein Phänomen aus uralten Zeiten zu sein. In ihrer "Judenbuche" beschreibt Annette von Droste-Hülshoff eine Vertreterin dieser Spezies als Ausbund "selbstbewusster Vollkommenheit". Auch im Berliner Umland tummeln sich etliche solcher Dorfschönheiten, überraschen mit staunenswerten Details. Faszinierend die Vielfalt der mal pausbäckigen, mal aristokratischen Taufengel, die mit ihrer Taufschale unter mit Wolkenbildern getünchten Decken daniederschweben – und fast so etwas wie ein Markenzeichen brandenburgischer Gotteshäuser darstellen. (Diese Spezies, von der nach Erkenntnissen der Landesdenkmalpflege noch 145 in Brandenburg existieren1, erwiesen sich als platzsparend, wurden sie doch bloß zum Taufakt von der Decke mittels eines Seilzugs heruntergelassen.) Kostbare Spätrenaissance-Epitaphe mit einem raffinierten Bildprogramm sind etwa in Ketzür (nahe der Stadt Brandenburg) zu entdecken, diebisch grinsende Teufelsmasken in der Annen-Wallfahrtskirche Alt Krüssow oder der reich ornamentierte Renaissancealtar in Melzow, der jahrelang unter einer dicken Farbschicht verborgen war. Sogar prachtvolle Kirchenräume sind darunter, die man so nicht unbedingt vermuten würde in der als spröde und karg verspotteten "Streusandbüchse" der Mark Brandenburg: die noble klassizistische Kirche von Friedrich Schinkel in Neuhardenberg oder die mit aufwändig geschnitzter Kanzel und Altar bestückte Barockkirche "St. Marien auf dem Berge" in Boitzenburg. "Manches Kunstwerk wohl, von dem die Welt nichts weiß, verbirgt sich in märkischen Dörfern", konstatierte bereits Theodor Fontane.

  
Die Schinkel-Kirche in Neuhardenberg.Die mittelalterliche Kirche in Pechüle.

Die Zahl von 1 400 Dorfkirchen macht Staunen: Im Unterschied zu anderen Regionen besitzt beinahe jedes Dorf in Brandenburg eine eigene Kirche. Der Grund ist im mittelalterlichen Landausbau zu suchen. Im Auftrag des Landesherren legten Lokatoren – also die Verpachter – hier planmäßig Siedlungen an, deren Größe je nach Beschaffenheit des Bodens, der die Basis für die Versorgung darstellte, unterschiedlich war. Relativ zeitnah wurde in den meisten neu entstandenen Dörfern ein hölzernes Kirchlein errichtet. Bereits eine oder zwei Generationen später schließlich begannen die Siedler, die 1157 vom Askanier Albrecht dem Bären aus der Altmark, dem Harz, Holland (deren Kenntnisse im Deichbau überaus nützlich waren), Flandern (was sich heute im Regionalnamen "Fläming" spiegelt) und den Rheingebieten ins Land kamen, Folgebauten zu errichten. Ihr wachsendes Selbstbewusstsein und ihr Bemühen, sich in der neuen Heimat zu verwurzeln, spiegelte sich in repräsentativen Kirchenbauten. Als Material dienten die vorhandenen Feldsteinen errichtet, die heute so charakteristisch für das Erscheinungsbild Brandenburgs sind. "Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die Siedler selbst in der Lage waren, diese Kirchen zu bauen", konstatiert Bernd Janowski, der umtriebige Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (FAK). "Zahlreiche Bauhütten müssen damals an vielen Orten zugleich tätig gewesen sein. Noch heute erfüllte es uns mit Bewunderung, wenn wir bedenken, dass innerhalb weniger Jahrzehnte Hunderte von Kirchen entstanden, die zu einem großen Teil bis heute erhalten blieben." Lange Zeit waren die Kirchen zumeist die einzigen Gebäude aus Stein.

So boten sie Schutz bei bewaffneten Überfällen, die in gewissen Regionen keine Seltenheit waren: Dann flüchteten die Bewohner mit ihrem Hab und Gut in die Schutzburgen und trieben möglichst auch noch ihr Vieh mit hinein. Insofern hält Bernd Janowski die Etikettierung als "Wehrkirche" für unangemessen und plädiert dafür, sie stattdessen als "Fluchtkirchen" zu bezeichnen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg baute man die zerstörten Kirchen in Fachwerk-Bauweise wieder auf. Später entstanden barocke oder klassizistische Putzbauten. Die rege Bautätigkeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte auch in den Dörfern eine Vielzahl historisierender Sakralbauten hervor.

Dramatische Abwanderung

Bemerkenswerte 80 Prozent der Feldsteinkirchen im Barnim oder der Uckermark blieben bis heute aus der Zeit der deutschen Ostsiedlung im 13. Jahrhundert bewahrt. "In der heutigen Zeit ist dies Reichtum und Hypothek zugleich", resümiert Kara Huber, Herausgeberin des jüngst erschienenen prachtvollen Bandes "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter". Schließlich leiden zahlreiche Ortschaften unter der empfindlichen und nicht aufzuhaltenden Abwanderung der Bevölkerung. Heute ist Brandenburg mit einer Bevölkerungsdichte von 86 Einwohnern je km2 nach Mecklenburg-Vorpommern das am dünnsten besiedelte deutsche Bundesland. Die Geburtenrate dümpelt mit durchschnittlich 1,23 Geburten je Frau seit dem Mauerfall – wie in den meisten ehemaligen Ostblockstaaten – auf einem historischen Tiefstand. Beklemmend ist, dass es insbesondere die besser ausgebildeten Menschen aus ihrer Heimat heraustreibt: Der Anteil der Abiturienten unter den Abwanderern ist doppelt so hoch wie in der durchschnittlichen erwachsenen Bevölkerung, bei den Frauen sogar dreimal so hoch! Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands, die seit langem unter der Landflucht speziell von jungen Frauen leiden, reichen an ostdeutsche Werte nicht heran. Allen Ernstes gab daher das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer 60-seitigen Studie zum Thema der schrumpfenden ostdeutschen Landschaften die Empfehlung aus: "Um die Aufwendungen für die verbleibenden Schwundstandorte so gering wie möglich zu halten, muss das Land versuchen, die Menschen dort, wo kein anderer Impuls möglich ist, zum Abwandern zu bewegen." Als Konsequenz schlägt die Studie schließlich vor, die entleerten Regionen in "Naturerlebnisgebiete" umzugestalten – und damit Touristen anzuziehen. Dies kann der deutsche Altbundeskanzler Helmut Kohl nicht gemeint haben, als er nach der Wende den Bürgern im Osten "blühende Landschaften" versprach. Dabei vollzog sich der dramatische Aderlass in mehreren Etappen: "Nachdem 1945 mit den zumeist adligen Gutsbesitzerfamilien auch die Kulturträger aus dem Land gejagt wurden und mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft die Flucht zahlreicher Groß- und Mittelbauern in Kauf genommen wurde, bluten durch die Abwanderung der Jugend die ländlichen Regionen in Brandenburg weiter aus", bilanziert Janowski. Dieser braindrain ist besonders alarmierend, da damit auch jener Personenkreis schwindet, der sich mit Engagement um die teilweise erbarmungswürdig heruntergekommenen Gotteshäuser kümmert. Selbstredend haben Atheismus und das kirchenfeindliche Gebaren des DDR-Regimes nicht nur viele baulichen Wunden der Kriegszeit potenziert – nicht wenige Gebäude fielen blinder Zerstörungswut zum Opfer, sondern überdies die Zahl der gläubigen Christen drastisch dezimiert. Umso mehr freut sich Kara Huber darüber, "dass es vielen Kirchengemeinden trotzdem gelang, durch Eigeninitiative und die Hilfe westlicher Partnergemeinden ihre Gebäude immer wieder notdürftig instand zu setzen und zu retten."

Aktiv gegen die Ruinenromantik

 
Boitzenburg von Arnim: Blick in den Chor mit Barockaltar und Grabdenkmal für Georg Dittloff von Arnim.
FOTOS: MARTINA JAMMERS / © WOLFGANG REIHER UND LEO SEIDEL).

Nach 1989 war Zeit für eine Bilanz. Um nicht wenige in die Jahre gekommene Dorfkirche stand es schlimm. Die eingangs erwähnte "selbstbewusste Vollkommenheit" der Dorfschönheiten wies erhebliche Blessuren auf. Vielerorts schien der Abbruch unvermeidlich. Man kennt das Phänomen des schleichenden Dahinsiechens mit offenen oder löchrigen Dachstühlen, mit vom Keller drückendem Schwamm, der feuchtes wie unablässig bröselndes Mauerwerk zur Folge hat, auch aus lothringischen Dorfkirchen. Dort verrottet seit Jahrzehnten unermessliches Kulturgut, da sich niemand darum kümmert und/oder kein Geld zur Verfügung steht. Akklamierend erscholl vor zehn Jahren ein SOS-Ruf in Brandenburg: "Die Marienkirche von Boitzenburg kann nicht mehr genutzt werden. Sie geht dem Verfall entgegen! Wenn nicht bald etwas geschieht, wird der oberste, hölzerne Teil des Turmes zusammenbrechen, wird die Decke im Kirchenschiff herabstürzen, wird das Mauerwerk durch aufsteigende Feuchtigkeit mürbe werden und die Holzfiguren sowie der geschnitzte Altar vom Wurm zerfressen sein!" Doch die Kassandrarufe wurden erhört: Schritt für Schritt wird seit dem Sommer 2000 das marode Bauwerk saniert. Auf den markanten treppenartigen Turm folgte eine aufwändige Dachsanierung, zwei Altarfiguren wurden fachmännisch restauriert. Inzwischen kann sogar der Kirchturm wieder bestiegen werden, der einen zauberhaften Weitblick auf die herbe Schönheit der Uckermarck gewährt. Hilfreich sind Stiftungen, Land, Kommune und die Kirche eingesprungen. Nicht zuletzt ist die Bewahrung des Kulturguts auch vielen privaten Spendern zu verdanken.

Entschlossen, etwas gegen die "Ruinenromantik" zu unternehmen, waren auch die gerade mal 45 Bewohner des anmutig im uckermärkischen Seengebiet gelegenen Küstrinchen. Aufgerüttelt wurden sie von Bernd Janowski, der sich im September 2001 aus Anlass des "Tages des Offenen Denkmals" mit weiteren Mitstreitern seines Förderkreises Alte Kirchen vor der Dorfkirche von Küstrinchen aufbaute, um die Aufmerksamkeit auf deren desolaten Zustand zu lenken. Dies scheint sehr überzeugend gewesen zu sein, schlossen sich doch bereits zwei Monate später Dorfbewohner, Berliner Gäste und Bürger aus dem benachbarten Kurort Lychen zusammen, um einen lokalen Förderverein zu gründen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Zunächst wurde der Dachstuhl komplett demontiert, Balken ausgewechselt, das Dach neu eingedeckt. Mit einer beispielhaften Aktion, einem Benefizkonzert der Wiener Staatsoper und Stiftungsgeldern kamen 20 000 Euro zusammen. Eine Gemeinde aus dem nordrhein-westfälischen Recklinghausen schenkte Küstrinchen 2006 zwei Kirchenglocken, sowie ein Orgelpositiv. Ein Westost-Transfer der besonderen Art: Dort im Westfälischen verstummte ihr Rufen, weil das Gemeindezentrum aufgegeben werden musste; hier im Uckermärkischen erklingen sie nun von neuem in einer bereits totgesagten Kirche. Ein Jahr später übereignete die Baptistengemeinde im benachbarten Templin ihre alten Kirchenbänke nach Küstrinchen. Und in diesem Jahr hieß die frohe Botschaft: "Es werde Licht", als die Kirche um zwei achtarmige Leuchter bereichert wurde, die zwei Berliner Sponsoren finanziert hatten.

Europäische Würdigung

Solche success stories sind die Hefe im Überlebenskampf der Kleinode, die Mut machen, sich weiterhin einzusetzen und durch die Gründung lokaler Fördervereine beispielgebend für hoffnungslos ruinöse Kandidaten zu werden. Der berlin-brandenburgische Bischof Dr. Wolfgang Huber attestiert diesen Fördervereinen "wie eine Spinne im Netz" alle Fäden zusammenzuhalten und die unterschiedlichen Aktivitäten für den Erhalt der Kirchen in der Dorfmitte bündelten.

Besonders energisch und öffentlichkeitswirksam setzt sich der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg ein für die Erhaltung, Instandsetzung und Nutzung der Kirchenbauten. Unmittelbar nach dem Mauerfall wurde FAK 1990 als gemeinnütziger und ehrenamtlich tätiger Verein gegründet. Sein Credo lautet: Das Herzstück eines Dorfes ist immer noch seine Kirche. Kirchen sind Gebetshäuser, weithin sichtbare Orientierungspunkte, architektonische Solitäre, Identifikationsorte, Räume des sozialen Miteinanders und Zeugen des kulturellen Selbstverständnisses. Als überregionale Organisation ist er ein wichtiger Ansprechpartner und Berater für die örtlichen Kirchenfördervereine. Durch die Vermittlung von Fördermitteln und Spendengeldern unterstützt er. Alljährlich lobt er einen Wettbewerb für die Anschubfinanzierung von neugegründeten Kirchenfördervereinen (Startkapital) aus und initiiert Benefizveranstaltungen. Mit Vorträgen, Ausstellungen, Exkursionen und Publikationen macht er auf Probleme der Kirchenerhaltung aufmerksam. Die erfolgreichen Aktivitäten des Förderkreises wurden 2002 mit dem Brandenburgischen Denkmalpreis belohnt. Ein Jahr später erhielt er ein Diplom der Europäischen Union für sein Wirken zur Bewahrung, Wiederherstellung und Nutzung gefährdeter Kirchen im ländlichen Raum.

Originelle Nutzungskonzepte

 
Dieser Band wirbt mit attraktiven Fotos und persönlichen Texten für märkische Dorfkirchen.

Ein Dilemma bleibt indes der bescheidene Anteil der Gläubigen beider christlichen Konfessionen an der brandenburgischen Bevölkerung: Mit knapp 25 Prozent bilden sie hier eine Minderheit (in der gesamten Bundesrepublik sind es derzeit 63,77 Prozent, nimmt man alleine die westlichen Landesteile, so sind es sogar 73 Prozent). Mitunter ist ein brandenburgischer Pfarrer bloß noch für zehn Schäfchen in seiner Gemeinde verantwortlich. Selten wachsen jüngere nach. So berichtet Martin Zobel, Pfarrer der prunkvollen hoch über Boitzenburg thronenden Marienkirche, dass er in diesem Jahr an den acht von ihm betreuten Predigtstellen, gerade einmal zwei Jugendliche konfirmiert hat! Da drängt sich die Frage auf: Wozu überhaupt Kirchen erhalten in gottlosen Gefilden, die noch dazu von der Landflucht bedroht sind? Bernd Janowski hat hier eine klare Antwort: "Die Dorfkirchen bilden oftmals die einzig verbliebenen öffentlichen Gebäude. Nicht selten mussten die Kindergärten und Schulen geschlossen werden wegen Bevölkerungsschwund, ja sogar eine bewährte Institution wie die Dorfkneipe fehlt." Der evangelische Bischof Huber plädiert dafür, diese Leuchttürme in der Landschaft wieder zu Zentren des öffentlichen Lebens, der Begegnungen, der Kultur zu machen, ihre Würde als gottesdienstliche Stätte aber zu wahren.

Ein großes Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten hat sich längst in Brandenburg etabliert und stößt auf erfreulichen Zuspruch. In ihrem jüngst erschienenen Band "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter" stellt Kara Huber sie vor: Konzerte aller Genres zählen dazu wie auch spannende Ausstellungen, Lesungen mit bekannten Autoren, Theateraufführungen, – die gerade in manchen Kirchenruinen eine passende Kulisse finden. Und sogar "Kino in der Kirche" steht mancherorts auf dem Programm. "Man kann in einer Kirche Vieles machen, solange es nicht mit ihrer eigentlichen Aufgabe kollidiert, nämlich ein Haus Gottes zu sein." Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Leiter des Kirchlichen Bauamtes der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg/Schlesische Oberlausitz, hält den Skeptikern einer Fremdnutzung das historische Faktum entgegen, dass die ersten christlichen Gottesdiensträume ihrerseits "Umnutzungen" der Basiliken, der öffentlichen Markthallen, waren. Selbst Nichtchristen sind stolz auf die aus dem Dornröschenschlaf erweckten Kirchen ihres Ortes und identifizieren sich mit ihnen. Ein besonderes Herzensanliegen ist es Kara Huber und ihren Mitstreitern, Kinder und Jugendliche hineinzubringen in die altehrwürdigen Gebäude. Der selbstverständliche Umgang mit den Gemäuern muss für Viele erst eingeübt werden, wenn Kindertaufen und -Gottesdienste sowie christliche Elternhäuser zur Rarität geworden sind. Schließlich ist nur so gewährleistet, dass sich auch künftige Generationen mit ‚ihrer’ Dorfkirche identifizieren und für sie stark machen. Als Schirmherrin der Kultur- und Kinderkirche im nördlich von Berlin gelegenen Eichstädt weiß sie zu berichten, dass nachmittags Kinder und Jugendliche das Haus mit Leben füllen: Sie kommen zum Blechbläser- und Schlagzeugunterricht, zu Flötenkursen, Chorproben, Einstudieren eines Kinder-Musicals, zu Bastelkursen und Workshops. Freilich ist Kara Huber klar, dass die Frequentierung brandenburgischer Dorfkirchen stark abhängt von der Nähe zur Hauptstadt Berlin bzw. der verkehrstechnischen Anbindung.

Chronisch unterschätzte Region

 
Die wahren Stars des Buches aber sind neben den Dorfkirchen die "Schlüsselhüter".

Man muss um die Existenz dieser Blumen im Verborgenen aber auch schlicht wissen, um sie aufzusuchen. Hier schafft nun der erwähnte Band über brandenburgische Dorfkirchen Abhilfe, der den Blick auf 22 besonders schmucke Exemplare in Brandenburg lenkt. Das Schwierigste war die Auswahl aus der Fülle der Bauten, denn "Jeder wäre es wert gewesen, über ihn zu berichten", findet Herausgeberin Kara Huber. "Dabei spielte eine maßgebliche Rolle, welche zusätzlichen Möglichkeiten genutzt werden, damit die Kirchen auch in Zukunft mit Leben gefüllt werden." Das Ziel könne nicht die Konservierung der Kirchen, es müsse vielmehr die Aktivierung der Gemeinden durch ein gehaltvolles Profil sein. In den Berliner Fotografen Wolfgang Reiher und Leo Seidel wurden engagierte Mitstreiter gefunden, welche die herbe Anmut der umgebenden Natur unterstreichen, betörende Lichtblicke werfen auf die chronisch unterschätzte Region Brandenburg. So sehen wir nächtens magische gelbrote Autospuren, welche um die erhaben vor sich hinträumende Paretzer Dorfkirche flitzen. Oder eine Ziegelrot-Rostbraun-Sinfonie über den Dächern des mittelmärkischen Pechüle, als versenke man sich gerade in die Ockersteinbrüche des provençalischen Roussillon. Offenbar fanden sich leichthin 22 mehr oder weniger bekannte Personen und Persönlichkeiten, die nachdrücklich von ihrer besonderen Beziehung zu einer der Kirchen erzählen. Brigitte Zypries etwa entdeckte ihre Liebe zur Schinkel-Kirche in Neuhardenberg, als sich 2003 das damalige Bundeskabinett im frisch sanierten Schloss zur Klausurtagung traf. Wiewohl kein religiöser Mensch – wie Zypries bekennt – zog sie der eigentümlich ovale Kirchturm sofort an: "Wer die Kirche betritt, wird sofort von einer wohltuenden Ruhe umfangen – nach den stundenlangen Diskussionen im Kabinett war das sehr angenehm." Begeistert war sie auch von der sternenübersäten Deckengestaltung – und von der pfiffigen Idee des Neuhardenberger Fördervereins, ‚Sternenpaten’ zur Restaurierung zu finden.

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hält ein Plädoyer dafür, die Kirche im Dorf zu lassen und stellt nebenbei die Langengrassauer Repräsentantin mit ihrem eleganten sechseckigen Taufstein und einem betörend schönen Leuchter vor. Die brandenburgische Kultur- und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka war ziemlich perplex, an einem solch zurückgezogenen Ort wie Lennewitz bei Perleberg ein unwahrscheinliches Kleinod vorzufinden wie jene in Türkis und Rosé strahlende Jugendstilkirche. Sieghart Graf von Arnim erinnert sich, wie die evangelische Gemeinde von "St. Marien auf dem Berge" zu Boitzenberg, welche untrennbar seit dem 16. Jahrhundert mit dem Arnimschen Schloss dort ein Ensemble bildet, ihn zur 700-Jahrfeier im Jahre 1981 mit Hilfe einer Deckadresse einlud. Nach dem Gottesdienst, an dem er und seine Frau schließlich anonym teilnahmen, fand ein überwältigendes Willkommen statt: "Mit diesem Erlebnis begann die allmähliche Rückkehr meiner Familie in die alte Heimat." Solche persönlichen Auseinandersetzungen mit den recht verschiedenen Sakralgebäuden heben das Buch heraus aus der Flut der Coffee Table Books, die uns mit angesagten Lifestyle-Interieurs bombardieren. Die wahren Stars des Buches aber sind neben den Dorfkirchen die "Schlüsselhüter": jene guten Geister, die nicht nur die Portale auf Wunsch der Kirchenpilger aufsperren, sondern stets eine Menge zu berichten haben über das Wohl und Wehe der ihnen anvertrauten Dorfschönen. Im vorliegenden Band erzählen sie, wie und warum sie eine enge Bindung zu ‚ihrer’ Kirche aufgebaut haben. Manche von ihnen üben ihre Schlüsselstellung bereits in der dritten Generation aus. Und sind sehr stolz auf dieses Amt.

Der von Kara Huber herausgegebene Bildband "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter" mit einem Vorwort von Angela Merkel ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro. Neben den Texten und Bildern ist die Benutzerfreundlichkeit hervorzuheben. So gibt es neben einer Landkarte zum Wiederauffinden ein kurzes Portrait zu jeder Kirche sowie die Kontaktadressen der "Schlüsselhüter". Das reichhaltige Kultur-Programm des Dorfkirchensommers in Brandenburg ist zu erfahren unter: www.dorfkirchensommer.ekbo.de – Durchweg mit Spitzenbesetzung arbeiten die Brandenburgischen Sommerkonzert; Infos unter www.brandenburgische-sommerkonzerte.de

1Der wissenschaftliche Bildband "Taufengel in Brandenburg. Eine Bestandserfassung" listet sämtliche bekannten Engel des Bundeslandes auf. Hrsg. Vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Museum. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2006.

   
Blick in den Kirchenraum von Alt Krüssow.Jugendstilkirche LennewitzDer Altar in Wulfersdorf.

Luxemburger Wort vom 16. Juli 2009

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