Eine Kirche ist Genuss

Jedes Dorf braucht seine Kirche.
Überlegungen zum Tag des offenen Denkmals

Alljährlich ist der zweite Sonntag im September der "Tag des offenen Denkmals". Hunderttausende kommen, wenn Burgen und Schlösser, Parks und Gärten, aber auch Theater und Bibliotheken und Brauereien ihre Tore öffnen. Der Tag möchte für die Wichtigkeit der Denkmalpflege sensibilisieren. Die mit Abstand meisten Besucher kommen in die offenen Kirchen.

Von Bernd Janowski

Konzert in der Dorfkirche Stegelitz 
Kirchen müssen sich öffnen wenn sie Zentrum des Ortes bleiben wollen. Ein Konzert in der Dorfkirche Stegelitz im Landkreis Uckermark.
Foto: Förderkreis Alte Kirchen

In seinem Roman "Der Nebelfürst" erzählt der Schriftsteller Martin Mosebach die Geschichte eines Polarforschers, der als Bankrotteur und gescheiterter Betrüger endet. Am Schluss der Handlung entwickelt der Held des Buches im Jahr 1900 den Plan, ein Reisebüro zu gründen. In seinen Zukunftsphantasien stellt er fest: "Zusehen ... das ist die Zukunft." Die Menschen werden die Schlösser geköpfter Könige ebenso besichtigen wie die Schlachtfelder vergangener Kriege. Und dann lässt Mosebach seinen Protagonisten den Satz ausrufen: "Wenn die Religion endlich eingeschlafen ist, dann werden wir Kirchen besuchen!"

Wie weit sind wir heute noch von dieser Vision entfernt? Während die Zahl von Konzertbesuchern und Touristen in Kirchen zunimmt, geht die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher kontinuierlich zurück.

Gerade in unseren Dörfern hat sich das soziale Gefüge in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Nachdem etwa 90 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weggefallen sind, wurde auch das Versorgungsnetz immer grobmaschiger. Schulen und Arztpraxen, Dorfläden und Kneipen, Postämter und Sparkassenfilialen haben weitgehend geschlossen. Der öffentliche Nahverkehr ist in manchen Regionen nahezu zum Erliegen gekommen. Auch auf Präsenz und Wirkung der Institution Kirche und auf die Situation der Kirchengebäude wirken sich die allgegenwärtigen Schrumpfungsprozesse gravierend aus.

Im Durchschnitt gehören im Land Brandenburg gerade noch etwa 20 Prozent der Menschen einer christlichen Kirche an. Die Einnahmen aus Kirchensteuern sind rückläufig. Hinzu kommt, dass die ohnehin nicht allzu zahlreich verbliebenen Kirchenmitglieder in zunehmenden Maße den religiösen Feiern fernbleiben. Es stellt sich die Frage: Warum, um Gottes Willen, sollen wir uns in dieser Situation noch in jedem winzigen Dorf ein Kirchengebäude leisten, in dem durchschnittlich alle vier Wochen fünf oder zehn Gläubige den Gottesdienst feiern? Sollten wir nicht im Zeitalter der Globalisierung in größeren Dimensionen denken, die Hälfte der Kirchen wegen Unwirtschaftlichkeit schließen und nur noch in den jeweiligen Hauptorten eine geistliche Grundversorgung anbieten?

Entsprechende Versuche sind in der Vergangenheit fast ausnahmslos gescheitert und der Protest gegen die beabsichtigte Stillegung einer Kirche ist größer als bei der Schließung der letzten Kneipe im Dorf.

Kirchen wurden in der Vergangenheit für alle gebaut und sie waren für alle offen. Religiöse Riten bestimmten das persönliche Leben von der Taufe bis zur Totenmesse. Neben Festen wie Ostern, Pfingsten, Erntedank und Weihnachten gab es eine Vielzahl kirchlicher Feiertage, die mit dem Besuch der Heiligen Messe verbunden waren. Dies änderte sich auch nach der Reformation nicht grundlegend. Der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes war in der Regel selbstverständlich. Sozialer Druck und die Kontrolle durch Patronatsherren und Pfarrer halfen, das durchzusetzen. Kirchen hatten jedoch nicht nur eine religiöse Bedeutung. Sie waren auch politische, soziale und kulturelle Räume.

Das 19. Jahrhundert brachte zwei einschneidende Änderungen: Auf der einen Seite wurde die Trennung von Staat und Kirche vollzogen. Dies hatte die ausschließlich sakrale Nutzung der Kirchengebäude zur Folge, die von nun an als reine Gottesdiensträume verstanden wurden. Andererseits entstand zeitgleich die institutionalisierte Denkmalpflege. Erstmals wurden, zumindest von außen Kirchen nicht mehr ausschließlich als religiöse Zweckbauten betrachtet, sondern zusätzlich als "vaterländische Altertümer", deren Bewahrung als Kulturorte im Interesse der Allgemeinheit lag. Mit dieser doppelten Funktion Verkündigungsort auf der einen, staatlich verordnetes Denkmal auf der anderen Seite müssen die Kirchen seither leben.

Nach dem Ende der DDR bot sich erstmals die Möglichkeit, flächendeckend den Bauzustand der mehr als 1700 Kirchengebäude auf dem Gebiet unserer Landeskirche zu bilanzieren und damit zu beginnen, den drohenden Verlust zahlreicher kirchlicher Baudenkmäler zu verhindern. Bereits im Mai 1990 gründete sich zu diesem Zweck der Förderkreis "Alte Kirchen Berlin-Brandenburg".

In den vergangenen 20 Jahren wurden zahlreiche marode Dachstühle repariert, Kirchendächer neu gedeckt, Fundamente trocken gelegt und sogar längst aufgegebene Kriegs- und Nachkriegsruinen wieder aufgebaut. Über Jahrzehnte verstummte Orgeln wurden wieder zum Klingen gebracht, Altäre und Taufengel restauriert und verlorene Glocken neu gegossen. Noch immer sind zahlreiche Kirchengebäude dringend sanierungsbedürftig. Insgesamt jedoch stellt die kirchliche Bau- und Denkmalpflege der letzten zwei Jahrzehnte eine beeindruckende Erfolgsgeschichte dar.

Einen entscheidenden Anteil daran haben die mehr als 250 Fördervereine, die sich auf dem Gebiet unserer Landeskirche dafür einsetzen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Ohne diese breite Bürgerbewegung wäre so manches Denkmal nicht saniert und hätten zahlreiche Bauten keine Zukunft, denn neben der Sicherung der baulichen Hülle geht es immer auch um die Nutzung des Kirchengebäudes.

Diese Nutzung beginnt bereits damit, die Kirchen zu öffnen. Schon aus dem theologischen Grundverständnis heraus sind Kirchen öffentliche Gebäude. Sie sollten nicht nur der sonntägliche Treffpunkt der Kerngemeinde sein, sondern durch ihre Öffnung Angebote für alle unterbreiten.

Natürlich sollen unsere Kirchen als Orte des gelebten Glaubens und der Verkündigung bleiben. Dafür wurden sie gebaut. Dafür steht ihre Ausstattung, die eben nicht nur musealen Charakter hat, sondern immer zweckbestimmt war und ist. Über diese Bestimmung hinaus ist in Kirchenräumen jedoch vieles möglich: Das Angebot an Konzerten in Dorfkirchen ist in manchen Regionen inzwischen so groß, dass die Entscheidung über den Besuch einzelner Veranstaltungen schwer fällt. Der Förderkreis "Alte Kirchen" veranstaltet seit einigen Jahren gemeinsam mit einer Berliner Theatergruppe die Reihe "Theater in Kirchen" und gemeinsam mit dem Landesmusikschulverband das Projekt "Musikschulen öffnen Kirchen". Vielerorts finden Lesungen, Ausstellungen, Vorträge, ja, sogar "Kino in der Kirche" statt. An der vom Förderkreis "Alte Kirchen" vor zehn Jahren initiierten Aktion "Offene Kirchen" beteiligen sich mittlerweile 850 Gemeinden.

Durch die vielfältigen Veranstaltungen werden Kirchengebäude auch in kleinen Orten wieder zu allgemeinen Kommunikationsorten. Viele der ursprünglich als reine Kirchbauvereine gegründeten Initiativen erfüllen wichtige soziokulturelle Funktionen.

Sicher, Gott braucht keine Kirchengebäude. Aber wir Menschen brauchen sie. Kirchen sind besondere Orte. Es ist eben doch ein Unterschied, ob der Gottesdienst in einem Kirchenraum gefeiert wird oder im heimischen Wohnzimmer, in dem zu anderen Gelegenheiten zu Mittag gegessen oder Fernsehen geschaut wird. Und für das Gemeinwesen ist das Kirchengebäude auch in Zukunft als Mittelpunkt unverzichtbar. Man stelle sich unsere Dörfer ohne Kirchen vor: Übrig bliebe eine Ansammlung von Häusern, verbunden lediglich durch die Kanalisation. Vom rein ökonomischen Standpunkt aus betrachtet sind Kirchen nutzlose Räume. Nutzlosigkeit jedoch ist in unserer materiell geprägten Welt nur schwer zu ertragen. Die ökonomische Nutzlosigkeit unserer Kirchengebäude kann aber als bewusste Stärke empfunden werden, denn sie sind die letzten verbliebenen Orte, die sich den marktwirtschaftlichen Zwängen unserer Zeit bewusst entziehen.

Der diesjährige Tag des offenen Denkmals steht unter dem Motto "Orte des Genusses". Dies sollte Motivation sein. Öffnen Sie Ihre Kirchentüren! Neben dem leiblichen Genuss gibt es auch den geistigen. Es gilt zu zeigen, dass der Besuch einer Kirche, womöglich mit musikalischer Umrahmung, ein Genuss sein kann. Vielleicht gelingt es sogar hin und wieder, den sonntäglichen Gottesdienst oder eine einfache Andacht so zu gestalten, dass sie zum Genuss werden.

Der 26. Evangelische Kirchbautag im Herbst des vergangenen Jahres veröffentlichte als Schlusserklärung die sogenannten "Dortmunder Denkanstöße" Diese enden mit dem Satz: "Wir haben nicht zu viele Kirchen. Wir haben zu wenig Ideen."

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Bernd Janowski ist Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.

Die Kirche vom 13. September 2009

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